Was sagen Akteure aus den Studienstandorten und vom Deutschen Bundesjugendring zu den Handlungsempfehlungen der Studie? Vier Statements zu ausgewählten Punkten.
Konkrete Wertschätzung
Kommentar zu Punkt 2: »Mehr Anerkennung und Wertschätzung des Engagements ehrenamtlich aktiver junger Menschen in der Gesellschaft ist gefragt.«

Von Timo Lübben, Kreisjugendring Stormarn
»Wenn du die Zeit, die du ehrenamtlich in deinen Verein investierst, anders nutzen würdest, und bei Rewe an der Kasse stehen würdest, hättest du deutlich mehr von deiner Arbeit« – Ein Zitat eines Freundes von vor knapp 8 Jahren.
Monetär gesehen hat mein Freund vermutlich recht, ich hätte zu Schul- und Studienzeit weniger auf meinen Geldbeutel achten müssen. Vielleicht wäre ich auch mehr gereist, oder hätte mir einen größeren Fernseher leisten können. Doch gleichzeitig frage ich mich: Wie viel ärmer wäre ich an Erfahrungen, Erlebnissen und Freundschaften gewesen, die ich auf Freizeiten, beim wöchentlichen Schwimmtraining oder in der gemeinschaftlichen Vorstandsarbeit sammeln durfte.
Natürlich mache ich mein Ehrenamt nicht wegen des Geldes und auch nicht wegen der wenigen Vergünstigungen, die man als Inhaber einer Juleica bekommt. Was mich an der Aussage meines Freundes eigentlich stört, ist die implizite Abwertung ehrenamtlicher Arbeit gegenüber bezahlter Arbeit.
Gerade heute machen sich viele junge Menschen mehr denn je Gedanken darüber, was sie sich in Zukunft noch leisten können. Umso wichtiger ist es, dass ehrenamtliches Engagement jungen Menschen mehr Anerkennung und Wertschätzung aus der Gesellschaft erfährt.
Diese Wertschätzung könnte sich auch ganz konkret zeigen. Warum nicht durch ein kostenloses Deutschlandticket oder vergünstigte Carsharing-Abos für Juleica-Inhaber? Solche Maßnahmen wären ein sichtbares Zeichen dafür, welchen Beitrag ehrenamtliche Jugendgruppenleiterinnen und -leiter in ihrer Freizeit für unsere Gesellschaft leisten. Gleichzeitig könnten sie dazu beitragen, freiwilliges Engagement attraktiv zu halten und das Bewusstsein für seinen gesellschaftlichen Wert zu stärken.
Und ganz ehrlich: Wer erklärt seinen Freunden nicht gerne, dass das eigene Zugticket eigentlich schon beim Anfängerschwimmtraining am Samstagmorgen »verdient« wurde – und dass man dabei sogar noch Spaß hatte? Außerdem könnte man die gewonnene Mobilität direkt nutzen, um zum nächsten Ehrenamtstermin zu kommen.
Backbone absichern: Warum hauptberufliche Supportstrukturen das Ehrenamt tragen
Kommentar zu Punkt 4: »Hauptberufliche Supportstrukturen sind abzusichern.«

Von Daniela Broda (DBJR-Vorsitzende)
Das Praxisforschungsprojekt »Ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Jugendverbänden«, der HAW Hamburg in Projektträgerschaft des Deutschen Bundesjugendrings, zeigt: Junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen, doch die Anforderungen an Engagement steigen. Damit Jugendverbandsarbeit als Lern- und Beteiligungsraum für Demokratie und soziale Teilhabe funktioniert, braucht es verlässliche hauptberufliche Supportstrukturen – die Backbone-Funktion, die Ehrenamt erst tragfähig macht.
Hauptamtliche Fachkräfte entlasten Ehrenamtliche von Verwaltungsaufgaben, Förderabrechnungen und rechtlichen Pflichten, organisieren Qualifizierung (z. B. Juleica) und Weiterbildung und sichern Kontinuität sowie Wissensmanagement. Fehlen diese Unterstützungsleistungen, verlagert sich die Zeit junger Engagierter von pädagogischer Arbeit und Gremienarbeit zu Bürokratiearbeit. Engagement wird damit unattraktiver und anfälliger für Abbruch. Die Absicherung von hauptamtlichen Supportstrukturen ist kein nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit, um die Lern- und Beteiligungsräume der Jugendverbandsarbeit für Demokratiebildung und soziale Teilhabe bereitstellen.
Kurz- sowie langfristige Kürzungen an Supportstruktur sind langfristig teuer: weniger Beteiligung, geringere Angebotsqualität und ein erhöhtes Risiko, dass junges Engagement »ausbrennt« und damit Angebote für junge Menschen insgesamt zurückgehen. Die rechtliche Einordnung durch ein DBJR-Gutachten, wonach Jugendverbände nach §§ 12, 74 SGB VIII zu fördern sind, stärkt die Forderung nach staatlicher Verantwortung: Wenn Förderung ein Rechtsanspruch ist, folgt daraus die Pflicht, die personelle und organisatorische Infrastruktur zu ermöglichen, die das junge ehrenamtliche Engagement in der Jugendverbandsarbeit tragfähig macht.[1] Praktisch heißt das: mehrjährige, verlässliche Finanzierung statt projektbasierter kurzfristiger Förderung sowie tarifliche Absicherung und eine Dynamisierung zur Kompensation von Preis und Personalkostensteigerungen.
Der Deutsche Bundesjugendring setzt sich für einen starken, auskömmlich finanzierten und dynamisierten Kinder- und Jugendplan (KJP) ein. Der aktuelle Koalitionsvertrag benennt den KJP als zentrales Finanzierungsinstrument für die Kinder und Jugendarbeit, der besser ausgestattet und dynamisiert werden muss.[2] Die Umsetzung des Koalitionsversprechens von CDU, CSU und SPD wäre ein starkes und deutliches jugendpolitisches Signal mit Ausstrahleffekt auf Länder und Kommunen.
Endnoten:
1 Wiesner, R., Bernzen, C., & Kößler, M. (2013). Jugendverbände sind zu fördern! Rechtsgutachten zur Förderung der Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit nach dem SGB VIII. Deutscher Bundesjugendring. Online verfügbar: www.dbjr.de/fileadmin/ Publikationen/2013-DBJR-brosch-gutachten.pdf
2 Koalitionsvertrag (2025): Verantwortung für Deutschland – Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 21. Legislaturperiode. Online verfügbar unter https://www.koalitionsvertrag2025.de
Die Bedeutung hauptberuflicher Fachkräfte für das Engagement junger Menschen im Landkreis Zwickau
Kommentar zu Punkt 9: »Anspruchsvolles pädagogisches Wirken junger Ehrenamtlicher in Jugendverbänden benötigt Aufmerksamkeit und Unterstützung.«

Von Tom Heilmann, Jugendring Westsachsen
Hauptberufliche Fachkräfte sind eine tragende Säule der Jugendarbeit – und im Landkreis Zwickau von zentraler Bedeutung für das ehrenamtliche Engagement junger Menschen. Die im Projekt »Ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Jugendverbänden« gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass Jugendverbände häufig unter unzureichender finanzieller Ausstattung, fehlenden Räumen und begrenzten Ressourcen leiden. Dies erschwert jungen Menschen den Zugang zu Engagement und erhöht den Druck auf bestehende Ehrenamtliche.
Besonders relevant ist dies im Landkreis Zwickau, einem der Praxisstandorte der Studie. Im Landkreis gibt es für die hauptamtliche Jugendarbeit nach §11-14 und 16 SGB VIII insgesamt 52,28 VzÄ (Stand 2025 – ohne Schulsozialarbeit) für ca. 33.300 Jugendliche (Stand 2024). Diese hauptamtlichen Fachkräfte tragen maßgeblich dazu bei, dass Jugendliche trotz gesellschaftlicher Krisen, bürokratischer Anforderungen und pandemiebedingter Einbrüche funktionsfähig geblieben sind und auch bleiben. Sie überbrücken Lücken, bauen neue Ehrenamtsteams auf und sichern die Kontinuität von Angeboten. Damit schaffen sie die »Gelegenheitsstrukturen«, die junge Menschen überhaupt erst zur Übernahme eines Ehrenamts befähigen. Ohne diese professionellen Begleiter wären junge Menschen stärker mit Verwaltung, Förderlogik und rechtlichen Anforderungen konfrontiert – Faktoren, die laut Studie zu den größten Hemmnissen im Ehrenamt zählen. Hauptamtliche Fachkräfte wirken dem entgegen, stärken Motivation und Selbstwirksamkeit und tragen wesentlich zur Bindung junger Engagierter bei. Als Jugendring Westsachsen sehen wir insbesondere in den Juleica-Schulungen, dass es das Zusammenspiel aus Haupt- und Ehrenamt ist, welches zum Erfolg eines Jugendortes beiträgt. Es gilt der alte Spruch: »Ehrenamt braucht Hauptamt«. Ergänzend muss es aber auch heißen: »Ohne (junges) Ehrenamt gelingt keine Nachhaltigkeit durch das Hauptamt«.
Hauptberufliche Fachkräfte sind im Landkreis Zwickau unverzichtbar. Sie sichern die Stabilität und Weiterentwicklung der Jugendarbeit und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass junge Menschen sich engagieren können – motiviert, qualifiziert und nachhaltig.
Wie Freiräume entstehen können
Kommentar zu Punkt 1: »Junge Menschen brauchen neben Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeit Freiräume für ehrenamtliches Engagement.«

Von Michael Gischkat, Landesjugendring Hamburg
Nun mal Butter bei die Fische, wie man in Hamburg sagt. Dass ein Engagement junger Menschen nicht ohne Freiräume jenseits der formellen Bildungs- und Arbeitsräume gelingen kann, ist ein Dauerthema für die politische Interessenvertretung durch den Landesjugendring Hamburg.
Wir haben da ein paar ganz konkrete Vorschläge:
1. Jugendleiter*innen mit einer Juleica sollten pro Woche zwischen zwei und vier Schulstunden im außerunterrichtlichen Bereich freigestellt werden können, um ihre Gruppenstunde entweder vorbereiten oder durchführen zu können. Diese Zeit sollte als »besondere Lernleistung« anerkannt und im Zeugnis vermerkt werden.
2. Schüler*innen als Teilnehmende von Gruppenstunden in Jugendverbänden können dies fakultativ auch als Teil des Ganztagsangebots in Schulen angerechnet bekommen.
3. Damit Student*innen Ferienfreizeiten betreuen können, werden innerhalb der ersten drei Schulferienwochen keine Klausuren an Hamburger Universitäten geschrieben. Es erfolgt eine Freistellung von Student*innen, die aufgrund einer Ferienfreizeit Vorlesungen oder Seminare nicht besuchen können – analog zur Regelung über »Sonderurlaub für Jugendgruppenleiter«.
4. Klausurtermine zum Ende des Sommersemesters werden den Student*innen bis Ende des vorangehenden Kalenderjahres mitgeteilt, sodass eine Festlegung von Freizeiten in den Sommermonaten zu Zeiten ermöglicht wird, wo Eltern im Unternehmen Urlaub einreichen müssen und typischerweise bereits mit der Planung von Familienurlaub beginnen.
5. Sofern es Studiengänge gibt, in denen Creditpoints nicht fachgebunden eingebracht werden müssen, ist eine Anrechnung von Creditpoints für ehrenamtliches Engagement im Umfang von drei Creditpoints pro Semester möglich.
6. Ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden kann analog zum Engagement von Studierenden im Rahmen der Selbstverwaltung auf die Dauer der BAföG-Leistungen angerechnet werden und verlängert den Bezug von BAföG um bis zu zwei Semester.
7. Strategisch muss Jugendverbandsarbeit als non-formales Bildungsangebot nicht nur im Landesjugendamt behandelt, sondern in den anderen (Bildungs-)Behörden mitbedacht werden.
Diese Forderungen habe ich mir als LJR-Vorsitzender nicht neu ausgedacht. Sondern abgeschrieben. Die Punkte entstammen einem Beschluss der LJR-Vollversammlung aus dem Jahr 2013. Dass diese Forderungen weiterhin aktuell sind, zeigt leider, wie wenig sich getan hat. Es gibt viel zu tun, damit junges Engagement die Freiräume erhält, die es braucht und verdient!