Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 3+4-2025, Rubrik Titelthema

Mensch bleiben – respektvoll

Historisch-politische Bildung beim respekt*-Wochenende

Von Marek Neu, Hamburg

Nach dreijähriger Pause veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände (AGfJ) zusammen mit dem Landesjugendring Hamburg wieder das respekt*-Wochenende – und das mit mehr Aufwand denn je: Vom 7. bis 9. November gab es im Blauen Salon auf dem Stintfang ein vielfältiges Programm, bestehend aus Seminaren, Workshops und Kulturveranstaltungen. Diese wurden wie immer mitorganisiert von weiteren Hamburger Jugendverbänden und -initiativen. Alles stand dieses Jahr unter dem Motto »Mensch bleiben«. Ein Bericht.

Ankommen & Kennenlernen. Ein erster, großer Unterschied im Vergleich zu den vorherigen respekt*-Veranstaltungen ist, dass das Festival bereits am Freitag startet und so einen halben Tag länger dauert. Bereits ab 16 Uhr werden eintreffende junge Menschen mit alkoholfreien Cocktails begrüßt und sodann in sogenannte »Murmelgruppen« weitergeleitet: Jede*r erhält einen kleinen bunten Zettel, auf dem Fragen stehen wie »Sagst du immer, was du denkst?«, oder »Was war dein Highlight diese Woche?«. Diese Fragen gilt es dann in der Gruppe zu besprechen. Die thematische Bandbreite der Antworten ist groß, sie kreisen zwischen Persönlichem und gesellschaftlichen Krisen. Letztendlich wird erkundet, was Respekt in diesen Krisenzeiten für einen selbst bedeutet.

Ein ruhiger Start. Der Zulauf ist am Freitag ziemlich gering. Überwiegend gehören die Teilnehmer*innen zum respekt*-Orgateam. Vereinzelt kommen Kinder und Jugendliche aus dem JuKZ hinein, dem Jugendzentrum zwei Stockwerke tiefer, denn am Buffet gibt es kostenlose Waffeln und Getränke. »Niemand von uns hat vorher eine respekt*-Veranstaltung organisiert«, erklärt Fatih vom Landesjugendring. »So wissen wir dann fürs nächste Mal, dass ein Start am Freitagnachmittag vielleicht zu früh ist«. Die Atmosphäre ist gleichwohl ziemlich entspannt, gar heimelig. Die Lichter des Hafens und des Doms, die durch die Nebelschwaden in den respekt*-Saal hineinscheinen, sorgen für eine melancholische Herbststimmung. In gedimmtem Neonlicht, bei Kaltgetränken und leckerem Chili sin Carne, bilden sich lockere Gesprächsgruppen. Abgerundet wird der Abend vom Auftritt eines Trios von »Musiker ohne Grenzen«, einem Verein, der international Projekte unterstützt, um Kindern und Jugendlichen Musik nahezubringen. Anselm (Klavier), Vic (Kontrabass) und Henry (Saxofon), spielen eine Auswahl an Jazz-Stücken. Später laden sie alle anderen Anwesenden zum Mitsing-Wunschkonzert ein. Gemeinsam werden nun Popsongs wie »Nur ein Wort« (Wir sind Helden), »Sunny« (Bobby Hebb) und, passend zur Veranstaltung, »Respect« von Aretha Franklin gesungen. Als würdiger Rausschmeißer fungiert »Angels« von Robbie Williams.


(alle Fotos © nino@cataffo.de )

Ein Neuanfang. respekt* gibt es seit 2003, die letzte Veranstaltung fand im Jahre 2022 statt. Aufgrund der Corona-Pandemie und den Personalumbrüchen bei der AGfJ fiel die Veranstaltung für drei Jahre aus. Doch die Botschaft von respekt* sei heute wichtiger denn je: »Wir versuchen, einen Gegenentwurf zum aktuellen Weltgeschehen zu kreieren«, so Charlotte, Referentin beim Landesjugendring, welcher nun für die AGfJ als Hauptpartner fungiert. Durch die mangelnde Erfahrung aller Organisierenden sei es zu Beginn schwierig gewesen, Leute fürs Projekt zu begeistern: »Unser schlussendlich zwölfköpfiges Team war erst im September dieses Jahres vollständig«, berichtet Johanna, Bildungsreferentin der AGfJ. Dennoch sei die Planung nach den Anlaufschwierigkeiten »einfach sehr gut gelaufen«, erzählt sie weiter. »Wir haben dann auch nicht verbandlich aufgestellte Gruppen angefragt – wie z.B. ›Jugend organisiert‹. Die hatten Lust, mitzumachen, und ab da lief alles wie am Schnürchen.«

Viel Programm für viele Menschen. Am Samstagmorgen ändert sich das Bild. Früh wird klar, dass weit mehr Publikum eintreffen wird als gestern: die diversen Veranstaltungen werden gestürmt von Pfadfinder*innen, Sozialist*innen, Familien oder einfach allgemein Interessierten. Ein Blick ins Programm erklärt den breiten Andrang, der Tag ist vollgestopft mit Veranstaltungen zu spannenden Themen: von Kreativ-Workshops, über gesellschaftspolitische Debatten und Museumsbesuchen bis hin zum Theaterbesuch – hier ist für jedes Interesse etwas dabei.

Buntes Spektrum. Die Möglichkeit zum kreativen Ausdruck bieten die Workshops von Julian und Erik (beide AGfJ). Julian, der selbst Künstler ist, lässt in seinem Malerei-Workshop seine Teilnehmer*innen darüber reflektieren, was Respekt für sie ausmacht. Dabei sollen sie nichts Spezifisches darstellen, sondern bloß versuchen, ihre Gedanken zu visualisieren. »Sprache ist oft unperfekt«, erklärt Julian, »und die Malerei kann abhelfen, persönliche Gefühle besser auszudrücken«. 

Bunt wird es auch bei Erik, aber dafür urbaner: Er zeigt seinen Teilnehmer*innen draußen, wie 
man mit der Sprühdose Graffitis sprayt. Mit Atemschutzmaske und Gummihandschuhen ausgerüstet, färben sie eine um ein Sonnendeck gespannte Plastikfolie frei mit selbstgewählten Motiven ein. »Ich bin zwar kein Graffiti-Artist«, gesteht Erik, »doch ich zeige euch gerne, wie ihr mehrere Schichten auftragt und euch individuell ausdrückt«.

Politisch wird es im Feminismus-Seminar von »Jugend organisiert«. Neben einer allgemeinen Einführung ins Thema fokussiert sich die Veranstaltung vor allem auf die Frage, ob ein für Frauen und Männer gleichberechtigter Wehrdienst feministisch sei. Nach einem Input teilt sich das Publikum in Kleingruppen auf und wird mit Bildern einer Bundeswehr-Kampagne konfrontiert, die spezifisch Frauen ansprechen soll. Zudem steht die These der Grünen-Politikerin Katharina Dröge zur Debatte, dass nur ein geschlechterübergreifender Wehrdienst feministisch sein könne. In den verschiedenen Kleingruppen werden viele Standpunkte ausgetauscht. »Feminismus bedeutet in meinen Augen nicht«, so eine Stimme, »dass jede*r gleich viel leiden muss.« Man kommt zum Punkt, dass der Krieg an sich kein feministisches, dafür aber sehr gegendertes Konzept sei. Zudem: »Es ist nicht männlich, in den Krieg zu ziehen«, beschreibt es ein Teilnehmer, »denn jeder ist Opfer des Patriarchats und der Wehrpflicht«. 

Lobendes Echo. Zwischen den vielen Veranstaltungen gibt es immer wieder Pausen, in denen gegessen und miteinander gesprochen wird. Bei Falafel-Wraps tauschen sich Teilnehmende über das Erlebte aus und lernen sich besser kennen. Insgesamt herrscht eine positive, optimistische Stimmung unter den Teilnehmer*innen. Sie finden die Auseinandersetzung mit dem Thema Respekt spannend und freuen sich auf neue Gesichter. »Ich erwarte neue Erfahrungen, Perspektiven und starkes Teaming«, sagt Tolik, der ein FSJ in der AGfJ macht, und so zu respekt* gestoßen ist. Zudem stimme die Ausrichtung des Festivals als eine Mischung aus kulturellem Vergnügen und der Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Problemen. »Wichtig ist für mich politische Bildung mit Spaß«, so Toliks FSJ-Kollegin Martha. Dem stimmt Pfadfinderin Marieke zu: »Wenn etwas Spaß macht, bleibt die Botschaft auch besser hängen«. 

Reclaim their pictures. Viele der Veranstaltungen befassen sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Ausläufer. Eine Gruppe besucht am Samstagnachmittag eine Ausstellung im Altonaer Museum, die sich den Opfern des NSU-Terrors (»Nationalsozialistischer Untergrund«) widmet. Drei Räume reflektieren die Mordserie, bei der zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine deutsche Polizistin aus rassistischen Motiven getötet wurden. Raum eins ist ein sogenannter »Ruhe- und Rückzugsraum«, geschaffen, um der Reflexion der Ausstellung eine Plattform zu geben. Im zweiten Raum, hell ausgeleuchtet, wird über die Opfer informiert und wie sie als Menschen waren. Ihnen soll hier das Gesicht zurückgegeben werden, das ihnen bei ihrer Ermordung geraubt wurde. Der dritte Raum ist fensterlos und schwarz tapeziert. Hier hängt eine Fotoserie, die die Tatorte der Morde zeigt. Doch außer kleinen Schildchen unterhalb der Bilderrahmen weist nichts auf die Bedeutung der Stätten hin: »Die Fotos zeigen alltägliche Dinge«, beschreibt eine Teilnehmerin ihren Eindruck. »Stell dir vor, du läufst an einem Tatort vorbei, und denkst nicht einmal daran, was hier passierte.« Im Stil der Street-Photography zeigen die Fotografien Dönerläden, Friseurgeschäfte, Autowerkstätten. Erst durch den Kontext entstehen Bilder im Kopfe der Betrachtenden, die sich in ihrem Gedächtnis einbrennen. 

Zu viel Theater? Abgeschlossen wird der Samstag mit einem gemeinsamen Theaterbesuch im Thalia Theater. Gegeben wird das Stück »Arendt – Denken in finsteren Zeiten«, mit Corinna Harfouch in der Rolle der titelgebenden Philosophin und Psychoanalytikerin Hannah Arendt, die in ihrem Buch »Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen« anhand des SS-Obersturmführers Adolf Eichmann dem Phänomen des »Schreibtischtäters« auf den Grund geht. Die Rahmenhandlung spielt in einem dänischen Hotelzimmer in der Nacht, bevor Arendt der Sonning-Preis verliehen wird. Arendt soll bei der Preisgala eine Dankesrede halten, doch sie hadert: Das Publikum begleitet sie in neunzig Minuten auf einer Reise durch ihr Leben, und erhält dabei einen kakophonischen Einblick in ihre Gedankenwelt.

Nachdem das Stück vorbei ist, findet die gesamte respekt*-Gruppe (die übrigens als »Schülergruppe« eingelassen wurde und vorab eine gesonderte Einführung bekam) vorm Thalia-Theater noch einmal zusammen. Claus aus dem AGfJ-Vorstand gibt den Impuls, jede*r solle in drei Worten versuchen, das eben Erlebte zu beschreiben. Die meisten bleiben still. Nach einem so abwechslungsreichen Tag war der Theaterabend in seiner überwältigenden Präsentationsweise wohl zu eindringlich, um diesen in wenige Worte zu fassen. 

Nach dieser kurzen Reflexion zerstreut sich die Gruppe in die Nacht. Der Tag war reich an Input, doch bestimmt auch anstrengend. Deswegen gilt es nun, die eigenen Kräfte zu regenerieren, und zwar für den Abschluss am Sonntag.

Worte von Stärke. Um kurz vor elf Uhr morgens betritt Antje Kosemund den großen respekt*-Saal im Alfred-Wegener-Weg. Die Frau, die vor kurzem 97 Jahre alt wurde, ist gekommen, um dem Publikum von ihren Erinnerungen ans Nazi-Regime vor über 80 Jahren zu erzählen. Und darüber, wie sie nach dem Krieg für die Aufarbeitung des sogenannten »Euthanasie«-Programms kämpfte. Trotz ihres stattlichen Alters und ihres Rollators strahlt sie eine Haltung des »aufrechten Gangs« (Ernst Bloch) aus. »Du bist ein Phänomen, du bist unkaputtbar!«, soll Kosemunds Tochter über ihre Mutter gesagt haben.


( Zeitzeugin Antje Kosemund: "Das Grundgesetz ist für uns und nicht für die da oben! )

Woher jene widerstandsgeprüfte Haltung kommt, wird an ihren Erzählungen deutlich. Kosemund wurde 1928 in eine große Arbeiterfamilie aus Hamburg-Barmbek geboren. Bereits vorm ersten Weltkrieg waren ihre Eltern SPD-Mitglieder, zuzeiten der Weimarer Republik hatte dann die gesamte Familie ein USPD-Parteibuch. Bereits kurz nach Hitlers Machtübernahme wurde Kosemunds Vater 1933 von der Gestapo abgeholt – weil er neben der USPD-Mitgliedschaft auch im Antifa-Kampfbund aktiv war. Ab da lebte die Familie in ständiger Angst davor, noch mehr den Repressalien der NS-Diktatur zum Opfer zu fallen. Der nächste Schlag traf Kosemunds jüngere Schwester Irma. Sie litt an einer geistigen Behinderung und wurde, ebenfalls 1933, in die »Euthanasie«-Anstalt Hamburg-Alsterdorf eingewiesen. Später wurde sie nach Wien in die berüchtigte Klinik »Am Spiegelgrund« deportiert und dort 1944 von den Nazis ermordet. Wie Antje Kosemund herausfand, wurde Irmas Todesurkunde erst ein Jahr später ausgestellt – ihrer Vermutung nach, um Nachforschungen zu verhindern.

Seit 1982 forscht Antje Kosemund zu ihrer Schwester Irma und weiteren »Euthanasie«-Opfern, sammelt Dokumente, stellt Verantwortliche peinlich zur Rede und setzt sich für die Einrichtung von Gedenkstätten ein. 1994 fand sie heraus, dass sich im Keller einer Wiener Klinik eine »Gehirnkammer« befand, die sterbliche Überreste von Menschen in Gläsern aufbewahrte. Es stellte sich heraus, dass sich unter diesen Überresten auch eine Hirnhälfte Irmas befand. Lange stritt sie sich mit dem damaligen Direktor der Klinik, der sogar zuerst die Existenz von Irmas Krankenakte leugnete. Laut eigener Aussage sagte sie ihm ins Gesicht: »Wissen Sie was, Herr Professor? Sie haben studiert, einen Beruf ergriffen, sind sogar Arzt. Ich hingegen habe Herzensbildung, Ihr Herz jedoch ist kalt wie Stein«. Nach hartem Kampf erreichte Kosemund 2002 die Einrichtung einer zentralen Gedenkstätte für die Opfer der Klinik »Am Spiegelgrund«, sowie eine würdige Beisetzung der beiden Hirnhälften von Irma. Heute liegt die eine in Hamburg, die andere in Wien begraben.

Zum Abschluss appelliert Antje Kosemund zu ihrem jungen Publikum: »Nie sollt ihr das erleben, was wir erleben mussten!« Sie blickt mit positiv erfüllten Augen auf die junge Generation. Angst vorm Vergessen sei das Verkehrteste, was man haben könne. Das Problem heute seien Konzerne und Politiker*innen, die nur profitorientiert handeln, und deshalb der Rechten zu Einfluss verhelfen. Um diese zu bekämpfen, müsse man Haltung zeigen: »Bewahrt euch das, was euch zusteht! Seid ruhig und beleidigt keine Beamten. Wir sind im Recht. Das Grundgesetz ist für uns und nicht für die da oben!«

Ausklang & Ausblick: Die diesjährige respekt*-Veranstaltung findet mit diesen bewegenden Worten den Ausklang. Mitorganisator Claus bedankt sich noch einmal bei allen Teilnehmer*innen und Organisator*innen und blickt in die Zukunft: »Nächstes Jahr wird respekt* noch einmal internationaler!« Bis dahin: Mensch bleiben. Und zueinander respektvoll.

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Info

Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände
Alfred-Wegener-Weg 3, 20459 Hamburg