Heft 4-2009 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Glückskekse zu Weihnachten

Serie WirkungsStätten: Warum die Sport-Jugendlichen vom Niendorfer TSV wirklich etwas gebacken kriegen

»Da! Nun sind sie alle beide, rundherum so weiß wie Kreide«, wusste schon Wilhelm Busch zu berichten. Zum Glück für Luca und Tim-Ole befinden wir uns nicht in der Geschichte von Max und Moritz, so dass ihre mehlig-weißen Gesichter keinerlei Streiche anzeigen oder gar Strafen nach sich ziehen. Tim-Ole (9) und seine Schwester Luca (8) sind zwei Bäcker bei der Keksebackaktion der Jugendabteilung des Niendorfer TSV (NTSV). An diesem Samstag vor Weihnachten betreuen Jugendliche eine Aktion der Sportjugendsparte des NTSV. Und so werden Luca und Tim-Ole sogar noch belohnt mit eigenen Keksen.

Tiere, Kekse, Sensationen.
Die beiden sind in zweifacher Hinsicht schon fast Profis. Zum einen sind sie seit vier Jahren mit dabei. Und eben solange gibt es die Aktion überhaupt erst. Zum anderen sind sie reich ausgestattet mit diversen Ausstechformen – Sterne und Tannenbäume sind was für Anfänger. Luca sticht Delfine, Elefanten, Hunde, Katzen, Pferde und das gesamte Alphabet aus. Ein wenig Hilfe darf es natürlich schon noch sein. Deshalb hilft ihnen Max. Im Gegensatz zur Figur von Wilhelm Busch ist Max – eigentlich Maximilian Aschendorf, 22 – nicht zu fiesen Scherzen aufgelegt, sondern hilft den Kindern, wo er kann. Kein Wunder: Max studiert Mathematik und Biologie auf Lehramt, arbeitet also auch beruflich gerne mit Kindern. Er ist zum ersten Mal als Betreuer dabei. Im NTSV macht Max Ju-Jutsu, das heißt, sobald seine Fußverletzung auskuriert ist. Luca und Tim-Ole akzeptieren ihn sofort als Helfer und Autoritätsperson.

Etwas unsicherer ist dagegen Antonia, als ihre Mutter sich verabschiedet, doch das weicht schnell intensiver Konzentration auf das Ausrollen des Teigs. Die Fünf-jährige braucht alle Kraft, um das Nudelholz zu benutzen. Schließlich hilft Julia Sanmann ein wenig nach. Julia ist selbst erst 15 Jahre alt und wohnt in Elmshorn. Nicht gerade in der Nachbarschaft, doch die Verbindung zum NTSV liegt in der Familie. »Mein Vater war Jugendwart im NTSV. Und ich habe hier geturnt, seit ich neun bin.« Inzwischen wohnt sie zwar woanders, doch die Verbundenheit ist geblieben. Sie ist extra gestern schon nach Niendorf gefahren und hat bei ihrem Vater übernachtet, um heute hier helfen zu können.

Ins Leben gerufen hat die Aktion Katharina »Katie« Börger, 23. Sie ist seit zwei Jahren Jugendwärtin der NTSV-Jugend und hatte vor vier Jahren die Idee, mit Kindern in der Lehrküche der Gesamtschule Niendorf ein Weihnachtsbacken zu veranstalten. Der Erfolg spricht für sich: Im vierten Jahr hintereinander kommen die Kinder nun – mit wachsender Begeisterung. »Beim ersten Mal musste die Mutter ziemlich drängen, hier zu bleiben«, erzählt sie über Luca. Inzwischen fragen die Kinder selbst jedes Jahr, ob sie kommen dürfen. Im Vereinshaus »Adyton« liegt mehrere Wochen vorher eine Liste aus, in der Eltern ihre Kinder anmelden können. »Dieses Jahr wartete ein Großvater mehrere Stunden, bis um 12 Uhr endlich die Liste ausgelegt wurde«, berichtet Katie. Neben ihrem Studium und ihrer Tätigkeit als Trampolin-Trainerin denkt sie auch in die Zukunft. Sie will anderen Jugendlichen zeigen, wie man Veranstaltungen selbst organisiert und dabei für sich selbst etwas lernt. Die Jugendsparte des NTSV gilt als sehr aktiv. Rund 3.500 Kinder im NTSV sind automatisch in der NTSV-Jugend gruppiert.

Die Jugendabteilung spricht sich mit der Leitung des NTSV regelmäßig ab, ist aber in ihren Entscheidungen selbständig. Neben dem Vorstandsteam gibt es eine feste Gruppe von 20 Jugendlichen, die die Events mitgestalten. Einen festen Raum gibt es in der Vereinszentrale schon – zusätzlich noch einen Container als Lagerort. »Aber alle Aktivitäten veranstalten wir lieber vor Ort in den Sporthallen oder eben hier in der Gesamtschule Niendorf«, erläutert Katie. Zum Hausmeister verbindet die Gruppe ein guter Draht. Dass sie die Räume am Samstag und Adventssonntag nutzen können, ist in Hamburger Schulen leider ein Sonderfall.
Julia und Antonia haben den Teig inzwischen ausgerollt und das Backblech mit Teig in verschiedenen Formen belegt. Julia ist Jugendhelferin im Verein, mit 16 will sie Jugendleiterin werden. Für Katie ist Julia kein Einzel- aber ein Glücksfall. Sie möchte ihr bereits früher mehr Verantwortung übergeben. Julia ist eine der Jugendlichen, die der NTSV als Vorbereitung auf die Jugendleiter-Card (JuLeiCa) schon vor dem Erreichen des 16. Lebensjahres mit mehr Aufgaben im Jugendbereich betreuen will.

Katie möchte den Jugendlichen beibringen, selbst zu organisieren und die Verantwortung zu tragen. Vieles im Verein können Jugendliche selbst veranstalten. »Natürlich helfen wir ihnen jederzeit und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Verfügung«, ergänzt sie. Bei Jugend- und Stadtteilfesten, beim Kinderschminken, Ausflügen und natürlich jeder Menge Sportereignissen stehen die Jugendlichen auf der Matte und helfen mit. Höhepunkt der Aktivitäten ist die jährliche Reise nach Puan Klent auf Sylt. Was für die Kinder ein Abenteuer und ein großer Spaß ist, bedeutet für die jugendlichen Helfer viel Organisation, Verantwortung und auch Belastung. So viel wie möglich sollen die Jugendlichen dabei alleine auf die Beine stellen.

Die Hamburger Sportjugend zählt knapp 200.000 Mitglieder und ist damit der stärkste Verband im LJR. Die Aktivitäten zielen überwiegend darauf, Kinder und Jugendliche sportlich zu aktivieren. Das muss nicht unbedingt innerhalb einer Vereinsstruktur sein, selbst wenn dies verständlicherweise ein Schwerpunkt der Sportjugendarbeit ist. In dem Projekt »Straßenfußball für Toleranz« bringt die Sportjugend Kinder aus ganz Hamburg zusammen. In 40 Turnieren über das ganze Jahr verteilt spielten Kinder um den Titel der besten Kicker der Stadt. Wer aber an eine exklusive Jungsveranstaltung denkt, liegt völlig falsch! Ein Drittel der Teilnehmer sind Mädchen. Und die Regeln gehen sogar noch weiter. Es wird ohne Schiedsrichter gespielt, und die erzielten Tore einer »Mannschaft« zählen erst, wenn auch ein Mädchen getroffen hat.

Der Buchstaben flankierte Zoo von Luca und Tim-Ole wandert inzwischen in den Ofen. Von klassischer Geschlechtertrennung ist hier nicht viel zu bemerken. Jungs wie Mädchen sind mit Eifer bei der Sache, das heißt: bis zum Backen. Geduld zählt – das ist nicht überraschend – nicht zur Stärke von Fünf- bis Zehnjährigen. Dabei braucht der Spezialteig nur acht Minuten, bis die Kekse fertig sind, und die Kinder sie endlich mit Lebensmittelfarbe bemalen und schmücken können. Knallrosa, leuchtend blau und quietschgrün sind die beliebtesten Farben. Eine Bäckerei aus dem Stadtteil stellt ihre Rührmaschinen für die Aktion kostenlos zur Verfügung. Anders wären die 15 Kilo Teig kaum zu bewältigen. Antonias Mutter hat von der Aktion im Vereinsblatt erfahren und ist überzeugt: »Die Kinder sind hier gut aufgehoben und betreut. Das finde ich gut. Außerdem können sie sich hier austoben.« Was nicht nur die Kindern, sondern auch die heimische Küche und ihr Putzkommando freuen dürfte.

Von wegen: Typisch Kinder! Die obligatorische Mehlschlacht brechen übrigens nicht die Kinder vom Zaun, sondern Conny und Olli, zwei der Helfer. »Die Kandidaten unter den Kindern für Mehlschlachten kommen morgen noch«, kommentiert Katie. Doch was wäre Weihnachtsbacken mit Kindern ohne Mehlschlacht? Das wäre wohl wie Weihnachten ohne Keksebacken. Jedenfalls in Niendorf, wo jugendliches Engagement ein langfristiges Erfolgsmodell ist – dank Menschen wie Katie, Max, Julia, Conny, Malte – eben allen Jugendhelfern und -leitern der NTSV-Jugend. Zur Weihnachtsfeier treffen sich die Jugendlichen traditionell am 23. Dezember – dieses Mal steht Schwarzlicht-Minigolfen auf dem Programm.

Luca und Tim-Ole zähmen derweil ihre Herde mit Schokolasur und verzieren sie schließlich mit Streuseln. Am Ende ist es schwer zu ermessen, wer stolzer ist: Die jungen Bäcker, ihre Mütter oder Väter, die nach zwei Stunden zum Abholen kommen, oder die Helfer. Der Niendorfer Dezember-Nachmittag ist kalt, riecht nach Keksen (und Schinken-Käse-Baguette) und eine leise Ahnung von Schnee liegt in der Luft, als die Kinder schließlich – mit einer Tüte Schoko-Delfin-Keksen, rosa Zuckerguss-Elefanten und grün gepunkteten Schokostreusel-Hunden – den Heimweg antreten. Die herzhaften Croques, die den Schinken-Käse-Geruch verursachen, gönnen sich die hungrigen Helfer. Eine Pause und ein Gegensatz vom süßen Teig muss sein. Schließlich werden sich die Jugendlichen am Abend noch zum eigenen Backen in der Küche treffen. Wie sprach doch Wilhelm Busch? »Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel: Dies ist wieder ein Exempel!« Und was für ein positives Exempel die Jugendlichen vom NTSV abgeben!

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Info
Niendorfer Turn- und Sportverein von 1919 e.V.

Sachsenweg 78, 22455 Hamburg
Jugendwärtin: Katharina »Katie« Börger
Tel. (040) 554 216 0 | www.ntsv-jugend.de | jugend [at] ntsv.de

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