Heft 1-2013 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Nach 17 Jahren – Wirkung ohne Stätte?

Serie WirkungsStätten: Der VCP-Pfadfinderstamm St. Rafael in Eidelstedt bangt um sein Jugendhaus

Von Isabella David, Hamburg

Im vergangenen Jahr feierte der Pfadfinderstamm St. Rafael im Verband Christlicher Pfadfinder/innen (VCP) sein 25-jähriges Bestehen. Seit 17 Jahren ist das Sommerblaue Jugendhaus in Eidelstedt das Zuhause der Pfadfinder. Nun steht das Haus vor dem Abriss. Wo die St. Rafaelos danach unterkommen sollen, ist noch unklar.

Am Montagabend herrscht buntes Treiben im Sommerblauen Jugendhaus in Eidelstedt. Die Wölflinge üben Knoten: Kreuzknoten, Achter, Palstek. »Den Palstek kann ich schon im Schlaf«, sagt ein Mädchen stolz. Alle helfen sich gegenseitig und im Notfall fragen sie calma oder anon. »Die Schlange dreht sich um den Baumstamm herum und springt dann in den See«, erklärt calma den Palstek-Knoten. Bei »calma« und »anon« handelt es sich um die Pfadfindernamen von Hannah Wiehl und Thomas Medicus, den beiden Leitern der Pfadfindergruppe. »Das ist unsere Rashka-Meute«, sagt Hannah, »das bedeutet ›Wolfsmutter‹.«

Fisch und Kreuz. Hannah und Thomas sind seit 2005 bei den Pfadfindern von St. Rafael. 2011 machten sie ihren Jugendleiterschein und leiten seit Pfingsten 2012 ihre erste eigene Meute. »Die Wölflinge sind die jüngsten Mitglieder unseres Pfadfinderstamms St. Rafael«, sagt Thomas. Die Kinder sind zwischen 9 und 10 Jahren alt. Der Begriff der »Wölflinge« ist angelehnt an das Dschungelbuch. »Es handelt sich um eine Gemeinschaft der Wölfe«, sagt Thomas weiter. Im Laufe der Wölflingszeit bastelt die Meute ein Wölflingsbuch. »Da sind alle wichtigen Informationen über das Pfadfinderleben enthalten. Zum Beispiel über unsere Kluft und die Abzeichen«, sagt Hannah. Auch das Symbol von St. Rafael wird erklärt: ein Fisch und ein Kreuz, stellvertretend für Jesus. Bei ihren Treffen lernen die Wölflinge Praktisches wie die Knoten oder den Zeltaufbau für gemeinsame Stammesfahrten. Das nächste Stammeslager findet an Pfingsten am Ratzeburger See statt. Auch beim Evangelischen Kirchentag im Mai wollen die Pfadfinder von St. Rafael helfen. Neben der Rashka-Meute, die sich montags um 17 Uhr trifft, gibt es beim Pfadfinderstamm St. Rafael noch fünf weitere Sippen in anderen Altersgruppen. Die Polarwölfe, die Islandwölfe, die Späherrunde, die Blauwale und die Schakale.

Gemeinschaft, Glaube, Abendteuer. Der Verband Christlicher Pfadfinder/innen hat im Land Hamburg rund 1000 aktive Mitglieder, die sich auf 22 Stämme in den drei Bezirken Alstergau, Harburg und Markschaft Altona verteilen. Die Größe der Stämme schwankt zwischen 20 und 100 Mitgliedern. Insgesamt sind fast 100 Gruppen in den Altersgruppen Wölflinge, Jungpfadfinder, Pfadfinder sowie Ranger und Rover aktiv. Die Jugendgruppen des VCP arbeiten in drei Stufen. Kennzeichen der jeweiligen Stufe ist ein farbiger Streifen am Rand des blauen Halstuchs: Die Wölflinge haben einen orangeroten Streifen, die Jungpfadfinder/innen einen hell- bzw. dunkelgrünen Rand und die Ranger bzw. Rover einen bordeauxroten. »Der VCP arbeitet koedukativ, also mit Mädchen und Jungen in gemischten Gruppen«, sagt Berrit Schöne, Bildungsreferentin beim VCP. Besonders wichtig sei hierbei das Prinzip »Jugend leitet Jugend«. Schon die Wölflinge bekommen kleine Aufgaben und müssen Verantwortung übernehmen. »Später haben die Jugendlichen dann die Möglichkeit selbst Gruppen zu leiten«, sagt Schöne weiter. Der VCP arbeitet in der Tradition der Pfadfinderbewegung, die 1907 von Robert Baden-Powell ins Leben gerufen worden ist. Bei ihren Fahrten und Lagern verwenden die Pfadfinder des VCP traditionelle Zelte und Petroleumlampen. Plastikzelte sind verpönt. »Bei den Pfadfindern sollen demokratische Werte und ein Bewusstsein für Schutz und Verantwortung für die Natur vermittelt werden«, sagt Schöne. Fahrten und Pfadfinderlager des VCP finden in den Sommermonaten in ganz Deutschland statt. Auch Fahrten nach Skandinavien sind sehr beliebt. Je nach Altersgruppe werden auf den Lagern abenteuerliche und phantastische Geschichten nachempfunden. Ganz im Stil von Robin Hood oder Herr der Ringe. Regelmäßig kommen die Pfadfinder zur nationalen Bundeslagern oder internationalen Lagern zusammen. Das nächste internationale Treffen findet 2015 in Japan statt.

Eine Pfadfinderfamilie. Seit ihrer Kindheit sind Hannah und Thomas mit dem Pfadfinderstamm St. Rafael verbunden. »Ich könnte mir nicht vorstellen, einfach damit aufzuhören«, sagt Thomas. Beide verbringen fast ihre ganze Freizeit mit ehrenamtlichen Aktivitäten rund um die Pfadfinder. »Die Freizeit bei den Pfadfindern ist für mich wie eine Parallelwelt zur Schule. Hier habe ich meine Pfadfinderfamilie«, sagt Hannah. Besonders beeindrucke sie immer wieder die Toleranz, die es bei den Pfadfindern gebe. »Wer bei den Pfadfindern ist, ist einfach viel offener«, sagt die 17-jährige weiter. Auch Thomas bedeutet die ehrenamtliche Arbeit sehr viel. »Ich habe hier viel Nützliches gelernt, zum Beispiel kochen oder mich in der Natur zu orientieren«, sagt Thomas weiter. Für Hannah sind es insbesondere die sozialen Kompetenzen, die man bei den Pfadfindern erlernen kann. »Ich wäre nicht so selbstbewusst, wenn ich nicht zu den Pfadfindern gegangen wäre«, sagt Hannah.
Aus dem Keller der Gemeinde. Eine enge Verbundenheit haben die Pfadfinder nicht nur zu ihrem Stamm, sondern vor allem auch zum Sommerblauen Jugendhaus. »Seit fast zehn Jahren habe ich so gut wie jeden Montag mit den Pfadfindern hier verbracht«, sagt Hannah. Am Anfang, als sie selbst noch ein Wölfling gewesen ist, waren es meist nur zwei Stunden. Heute werden daraus manchmal auf fünf. Das Sommerblaue Jugendhaus in Eidelstedt wird von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Eidelstedt getragen. Mit der Hilfe von Patenschaften von Privatpersonen, großen Spenden (u.a. eine Spende im sechsstelligen Bereich von der Max-Schmeling-Stiftung) und der tatkräftigen Mitarbeit Jugendlicher wurde das Haus erbaut und 1996 eingeweiht. Das Jugendhaus war gedacht als Ort der offenen Jugendarbeit der früheren Johannes-Kirchengemeinde und sollte auch die Pfadfinder aus dem ›Keller der Gemeinde‹ holen. Neben den Pfadfindern von St. Rafael nutzen bisher auch die evangelische Jugend, die Konfirmanden und die Tafel die Räumlichkeiten des Jugendhauses. Nach 17 Jahren steht das Haus jedoch nun vor dem Abriss.
2006 fusionierten die Christuskirche, Elisabethkirche, Johannes-Kirchengemeinde und Marien-kapelle zur Kirchengemeinde Eidelstedt. Die Gemeinde will sich zukünftig nur auf die beiden Standorte an der Christuskirche und der Elisabethkirche konzentrieren. Die Johannes-Kirche soll nicht weiter als Predigtstelle genutzt werden und wurde bereits entwidmet. Die Nutzung des Standorts soll auch nach einer Verpachtung kirchlich oder diakonisch bleiben. Die Gelder aus der Verpachtung sollen für den Bau eines neuen Gemeindehauses an der Christuskirche am Halstenbeker Weg sowie für die Umgestaltung der Kirche genutzt werden. Die entwidmete Johannes-Kirche sollte zu einer Kindertagesstätte umgebaut werden. Bei genauerer Prüfung hat sich jedoch herausgestellt, dass eine Umnutzung viele Umbaumaßnahmen erfordern würde. Deshalb soll nun ein völlig neues Gebäude für die Kindertagessstätte entstehen. Das Sommerblaue Jugendhaus soll einem Spielplatz für die KiTa weichen.

Ein Raum ohne Identität. »Man hat uns schon länger Umstrukturierungen angekündigt. Aber, dass es jetzt wirklich um einen Abriss geht, kam plötzlich«, sagt Hannah. Die Pfadfinder seien vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Die Gemeinde bietet den Pfadfindern an, Räume in den Gemeindehäusern der Elisabethkirche oder der Christuskirche mit zu nutzen. Tatsächlich ist das Gemeindehaus an der Christuskirche jedoch noch nicht fertig gestellt. Den Pfadfindern werden Räumlichkeiten versprochen, die es noch gar nicht gibt. »In den Gemeindehäusern hätten wir keine festen Räumlichkeiten«, sagt Hannah. Im Sommerblauen Jugendhaus hat jede Gruppe ihr eigenes Fach für Materialen und die Kasse. Die Räume haben die Pfadfinder selbst gestaltet. »Erst 2002 wurden die Räumlichkeiten renoviert«, sagt Thomas. »Auch den Pfadfinder-Snoopy haben St. Rafaelos selbst gemalt«, sagt Hannah und zeigt auf das Wandbild, »wir haben Geld, Zeit und Herzblut in der Haus gesteckt.« Zahlreiche Fotos von Ausfahrten und Lagern des Stamms sind an den Wänden zu sehen. »Es wird schwierig werden, davon Abschied zu nehmen. In einem Gemeindehaus sind wir zu Gast in einem Raum ohne Identität«, sagt Hannah. Auch machen sich die Gruppenleiter Sorgen, weil es keine Außenflächen an den möglichen neuen Standorten geben wird. »Hier konnten wir jederzeit rausgehen und mit den Kindern verstecken spielen oder üben ein Zelt aufzubauen. So etwas ist dann nicht mehr möglich«, sagt Hannah. Auch sei völlig unklar, wie es mit der Terminfindung klappen soll, da ab 17 Uhr natürlich auch viele andere Gruppen in die Räumlichkeiten der Gemeinde wollen. »Besonders schlimm ist es für uns, dass einige Kinder wohl nicht mit an einen neuen Standort kommen werden«, sagt Hannah. Für viele Kinder sei es nur möglich zu kommen, weil sie nur über die Straße gehen müssen. Viele Eltern hätten nicht die Möglichkeit, ihre Kinder zu einem der anderen Standorte zu bringen. »Lasst uns draußen verstecken spielen«, schlagen calma und anon ihrer Meute vor. Doch es gibt kaum einen Baum oder Busch mehr, hinter dem sich die Kinder verstecken könnten. Die Bäume wurde bereits gefällt, um den Abriss des Sommerblauen Jugendhauses vorzubereiten.


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Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, Stamm St. Rafael
(2013: Dallbregen 5 | 22523 Hamburg) | aktuell: Eidelstedter Dorfstraße 27 | 22527 Hamburg | www.vcp-st-rafael.de | T. (040) 319 58 18 (Geschäftsstelle des VCP Land Hamburg)

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