Heft 2-2012 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Der Keller, das Herzstück

Serie WirkungsStätten: Zu Besuch im Keller der Evangelischen Jugend in Neuengamme

Von Nathalie Schnabel, Hamburg

Ein dunkler Raum. Nur durch kleine Fenster fallen einige Sonnenstrahlen. Die Wände sind rot gestrichen und bis zur Hälfte mit Backsteinen gemauert. Mehrere Holztische stehen mit Bänken an der Wand, gegenüber ist die Bar. Sogar ein paar Treppen führen in eine niedrige zweite Etage direkt unter die Decke – wie auf eine kleine Terrasse. Bestimmt zwanzig, dreißig Leute finden in dem Zimmer Platz. Hier treffen sich seit Generationen evangelische Jugendliche und Gemeindemitglieder. Es ist das Herzstück der Gemeindearbeit: Der Jugendkeller. Bereits Anfang der 70er Jahre begannen einige junge Neuengammer ein noch tiefer liegendes Kellergewölbe für ihre Veranstaltungen zu nutzen. Später musste der Treffpunkt wegen Sicherheitsbestimmungen ein Stockwerk höher ziehen. Nun wird der Keller 40 Jahre alt.

Idyllisch sieht es hier aus. Unweit der alten, aus Stein gebauten Kirche St. Johannis zu Neuengamme steht das Gemeindehaus der Evangelischen Jugend. Die Fensterrahmen des über 100 Jahre alten Hauses sind weiß-grün gestrichen, der rote Backstein sieht edel, fast herrschaftlich aus. Vor der Eingangstür sind Zelte aufgestellt, auf den Tischen stehen Blumengestecke. Das Gemeindehaus liegt im Grünen in einer kleinen, mit Kopfstein bepflasterten Straße. Es ist ruhig hier in Neuengamme, man hört nur die Vögel zwitschern. Es wirkt ländlich, gar dörflich, überhaupt nicht mehr städtisch.

Nach und nach kommen die ersten Menschen an, der Platz vor dem Haus füllt sich. Die Vogelgeräusche weichen dem Gelächter. Herzlich sind die Begrüßungen. Hier kennt jeder jeden. »Feiern tun wir gut«, schmunzelt der Diakon der Evangelischen Jugend in Neuengamme. Helmut Brysinski delegiert alle Aufgaben. Alle wuseln um ihn herum, es wird gescherzt, gelacht und gleichzeitig gearbeitet. Jeder fasst noch mit an – ob es beim Helfen in der Küche oder beim Schmücken des Buffets ist. Die Feier wird gemeinsam gestaltet. Denn hier wird heute ein Jubiläum zelebriert – 40 Jahre Jugendkeller. Etwas ganz besonderes für die Gemeinde.

Bereits über Generationen bietet der Keller einen Treffpunkt für Jugendliche. Junge Menschen können hier zusammen kommen, gemeinsam spielen, klönen und an verschiedenen Gruppen teilnehmen. Das Angebot ist vielfältig: Es umfasst drei Theatergruppen, Spiel-Abende im Keller, Bandproben und -konzerte, Kanu-Touren, einen Bibelkreis und viele Freizeiten. Die Gruppen werden dabei von Ehrenamtlichen komplett selbstständig organisiert. Mindestens 42 Ehrenamtliche sind es, schätzt Diakon Helmut, die sich für diese Gruppen und Aktionen engagieren. Eher sind es aber noch mehr. Fast jeder in der Gemeinde bringt sich ein.

Der Treffpunkt ist aber nicht nur für Jugendliche – Gemeindemitglieder jeden Alters treffen sich hier, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und Spaß zu haben. Da wird auch zusammen Fußball geguckt, gegrillt und abends im Keller gesessen. Es ist eine bunte Mischung, Menschen jeden Alters sind hier willkommen. »Wir sind eigentlich ein Mehrgenerationshaus«, erzählt der 58-jährige Diakon. Alter spielt im Gemeindezentrum keine Rolle.

Helmut hat die ganzen 40 Jahre miterlebt. Er hat die Ausbildung zum Diakon nach seiner Berufslehre gemacht und betreut die Kinder- und Jugendarbeit in der Gemeinde. Für ihn ist es etwas ganz besonderes, die 40 Jahre zu feiern. Seit den Anfängen hat sich im Jugendkeller viel verändert, es sind viele große Projekte auf die Beine gestellt worden. Dabei geht es nicht nur um das vielfältige Angebot der Gemeinde für Jugendliche und Gemeindemitglieder, vielmehr geht es auch um den Zusammenhalt und das Miteinander. »Wir sitzen oft zusammen und trinken viel Kaffee«, erzählt Helmut. »Laut der Sekretärin in der Verwaltung sind wir die Gemeinde mit dem höchsten Kaffeeverbrauch.«

Der Keller, das Herzstück. Der Keller ist das Herzstück des Jugendzentrums. Bereits 1972 wurde der erste Keller eröffnet – damals noch im wirklichen Gewölberaum, der sich unter Tage befindet. Doch schon acht Jahre später musste der Keller geschlossen werden, die Feuerwehr stufte den Raum als gefährlich ein: Zu niedrige Decken, keine Fenster und einen viel zu engen Notausgang. So musste der Keller umziehen – in die damalige Garage und den Hühnerstall. Dort ist der »Keller«, der kein richtiger Keller mehr im eigentlichen Sinne ist, bis heute. Vier Mal haben ihn die Gemeindemitglieder bereits grundsaniert. Mit jeder neuen Generation werden neue Gestaltungswünsche wach, erzählt Helmut. Die letzten Renovierungsarbeiten sind erst im Oktober 2011 fertig geworden. Zwei Wochen waren vier Jugendliche und zwei Erwachsene in dem Raum zugange und gestalteten den Raum neu. Fast alle Renovierungsarbeiten machen die Jugendlichen und das Gemeindezentrum selbst. Natürlich unter Anleitung von Erwachsenen.

Inzwischen finden die Treffen im ganzen Gemeindehaus statt – bis hoch unter die Dachgiebel. »Im Laufe der Zeit haben wir uns hochgearbeitet«, resümiert Helmut. Rund 700 Quadratmeter Fläche bietet das Haus mit schier unendlichen Zimmern, die sich verwinkelt über kleine und größere Treppen verbinden. Mit einem Billardtisch, einem Kicker, Sitzmöglichkeiten und Spielsachen für Kinder sind die Räume ausgestattet. Auch das Grundstück bietet ausreichend Raum für gemeinsames Zusammenkommen, Grillen und Spielen im Sommer. Der Garten geht weit nach hinten hinaus. Sogar eine kleine »Insel«, die von einem kleinen Wasserlauf umgeben ist, gibt es. Darauf stehen selbst geschreinerte Holzhütten. Hier können die Jugendlichen im Sommer schlafen und die Zeit draußen verbringen.

Sieben Tage die Woche ist der Keller geöffnet. Das Besondere am Jugendkeller ist, dass er immer offen steht. Nur wenn Gottesdienst ist, bleibt der Treffpunkt geschlossen. »Kinder- und Jugendarbeit gibt es in den benachbarten Orten nicht so viel«, berichtet Helmut. Das Gemeindezentrum ist der einzige größere Jugendtreff in unmittelbarer Nähe. Viele Jugendlichen können zu Fuß her laufen und kommen direkt nach der Schule. Manche kommen sogar noch, wenn sie schon zur Uni gehen – so wie der Sohn von Helmut Brysinski. Kjeld engagiert sich mit seinen 28 Jahren noch immer im Jugendzentrum. Er arbeitet ehrenamtlich als Jugendleiter, er plant Bandveranstaltungen für Jugendgruppen und hat eine eigene Theatergruppe. Und trotz Prüfungen in der Uni, ist er gefühlte fünf von sieben Tagen im Gemeindezentrum.

»Es ist ein Stück weit nach Hause kommen«, erzählt der Ehrenamtliche Martin Tonne. Dabei kommt der 41-Jährige ursprünglich aus Bergedorf. Martin engagiert sich in einer Theatergruppe, bei Freizeiten und auch im Bibelkreis. Neben seiner Arbeit hat er berufsbegleitend die Ausbildung zum Diakon gemacht. Kennengelernt hat er die Gemeinde als Zivi, und ist dann »hängen geblieben«. Die meisten aus dem Keller, sind allerdings waschechte Neuengammer. So wie Hjördis Dreetz. Die 23-Jährige hat lange die Kindergruppe Jungschar betreut und fährt als Betreuerin mit auf Jugendfreizeiten. Weil sie wegen ihrer Arbeit inzwischen weniger Zeit hat, wirkt sie traurig. »Man vermisst das schon«, erzählt sie wehmütig. Zu den Nachmittagstreffen der Jungschar schafft sie es meistens nicht mehr.

Für den 15-jährigen Frieso ist vor allem die Gemeinschaft im Keller besonders. »Dass man hier nicht ausgeschlossen wird. Dass jeder hier willkommen ist«, sagt er. Frieso ist der Sohn der Pastorin – »leider« wie er scherzhaft sagt. Gerade wurde er frisch konfirmiert. Auch Martin empfindet das ähnlich: »Man kann hier immer hingehen, die Tür ist offen. Man wird hier mit offenen Armen empfangen«, erzählt er.

Für die Gemeinschaft spielt auch der Glaube eine wichtige Rolle: So gibt es beispielsweise den Bibelkreis, in dem über Gott, die Bibel und Werte diskutiert wird. Und auch bei den Freizeiten wird nach dem Aufstehen gemeinsam gebetet und eine Andacht gehalten. »Gott ist immer auch ein Thema«, sagt Helmut. Der Glaube ist da – er wird aber nicht immer thematisiert. Trotzdem: »Die Arbeit trägt schon dazu bei, zu Gott zu finden«, ist sich Helmut sicher.

Auch das Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können, schweißt die Gemeinde zusammen. »Man kann mit Ideen ankommen. Man kann sich hier verwirklichen«, erzählt der Diakon. Im Umkehrschluss bedeuten die Selbstverwirklichungen von vielen Leuten aber auch Meinungsverschiedenheiten. »Wir haben viele herausragende Persönlichkeiten, man kann sich hervorragend streiten«, sagt er mit einem Augenzwinkern. Es herrscht eben ein familiärer Ton.

Im Sommer organisiert die Evangelische Jugend viele Freizeiten. Zum Beispiel eine Kanu- und Wandertour durch Schweden. Eigens für das Jugendzentrum wurde dafür ein Kanu für 10 Personen gebaut, damit auch alle beim Paddeln zusammen sitzen können. Die Anschaffung des Kanus entwickelte sich dabei als Großprojekt: »Keiner wollte das bauen«, erzählt Stefan Siebert. Der 45-Jährige betreut regelmäßig die Kanu-Freizeiten. Es war einfach zu groß, so ein großes Stück Holz muss erst mal da sein. Mit viel Engagement hat es schließlich doch geklappt – letztes Jahr war die Schiffstaufe. Dieses Jahr fährt Stefan wieder mit als Betreuer auf die Freizeit. Bereits als Jugendlicher war er im Keller und kehrte später in die Gemeinde zurück. »Jetzt mach‘ ich alles, was Spaß macht«, sagt er. Die Kanu-Touren durch Schweden gehören auf jeden Fall dazu. Auch die 19-jährige Finja fährt als Jugendleiterin schon zum dritten Mal mit auf die Freizeit. In dieser Zeit hat sie viel gelernt. »Ich bin daran gewachsen«, erzählt sie. »Dass man gesagt bekommt: Da, du kannst das! Man wird an die Hand genommen, aber man muss da auch selber etwas machen.«

Neben den Freizeiten bietet die Evangelische Jugend das ganze Jahr über eine Vielzahl an Veranstaltungen, Gruppen und Treffen. Besonders beliebt sind die Theatergruppen. Gleich drei gibt es im Keller insgesamt davon: einmal die Gruppe »Aufbruch« für Spiellustige ab ca. 20 Jahren, dann »Echolot« mit jungen Erwachsenen von 19 bis 21 Jahren und die Theatergruppe der Konfirmanden. Alle Texte werden dabei selbst geschrieben, viele davon von Kjeld, Helmut Brysinski und auch von Martin. Dabei kommt es durchaus zu einer kleinen Konkurrenz der Gruppen – und unter den Schreibern. Die Theaterarbeit ist wirtschaftlich wichtig für die Gemeinde. Die Gruppe finanziert ihre Requisiten und vieles andere mit den Einnahmen aus den Vorstellungen. Die nächsten Aufführungen gibt es voraussichtlich im November und Dezember.

Die Feier. »40 Jahre Keller sind absolut toll«, strahlt Kanutour-Begleiter Siebert. Auf den Stehtischen sind inzwischen die Blumendekorationen den Sekt- und Biergläsern gewichen. Luftballons hängen drinnen, es läuft Musik. Über 200 Menschen sind gekommen, um ihren Keller zu feiern. Mehrere Jugendliche bereiten gemeinsam mit einem Koch das Essen für die Veranstaltung vor. Weniger als 10 junge Leute sind es. Wohlriechender Dampf kommt aus der Küche, mehrere große Platten und Behälter stehen aufgereiht mit Unmengen an Leckereien. Die Köche kommen ganz schön ins Schwitzen. »Wir feiern später schon noch mit«, sagt Sebastian Ruhbaum. »Die besten Partys finden in der Küche statt.«

Drinnen hat inzwischen die Party richtig angefangen. Alte Bekannte werden begrüßt, die jungen Leute stehen zusammen, lachen und scherzen. Bis 5.00 Uhr morgens wird zu alten und neuen Hits das Tanzbein geschwungen. Die Party ist – genauso wie die Gemeinde – geprägt von einer großen Vielfalt: Die jüngsten Gäste sind etwa 16 Jahre alt, die ältesten reichen an die 80 heran. Als einer der letzten Feiernden geht Helmut Brysinski. Er schließt auch die Räume ab. »Was wären die Jungen ohne die Älteren«, witzelt er müde. Auf einer rot gestrichenen Wand vor dem DJ-Pult hat die Evangelische Jugend groß »Gästebuch« geschrieben. Hier können die Gäste Erinnerungen an den Abend und Glückwünsche hinterlassen. Die rote Wand ist am Morgen vollgeschrieben. »Alles Gute für die nächsten Jahre«, steht zum Beispiel darauf. Und sehr oft: »Danke«.

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Evangelische Jugend Neuengamme
Kirchengemeinde St. Johannis zu Neuengamme | Feldstegel 18 | 21039 Hamburg | Tel.: +49 40 7232573 | www.facebook.com/ejnhh

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