Heft 4-2006 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Findige Vertreter

Serie WirkungsStätten: die Jugend- und Auszubildendenvertretung in der Hamburg Port Authority

Die Serie stellt WirkungsStätten der Hamburger Jugendverbände vor. punktum schaut diesmal über den Tellerand. Anstelle der ehrenamtlichen Lebenswelt geht es um junge Menschen und ihre Interessen in der Arbeitswelt. Exemplarisch für die vielen Jugend- und Auszubildendenvertretungen in der Hamburger Wirtschaft beschreibt unsere Autorin die »JAV« der Hamburg Port Authority.

von Bianca Gerlach

Die JAV – die Jugend- und Auszubildendenvertretung – der Hamburg Port Authority, setzt sich dafür ein, dass es jungen Angestellten im Betrieb gut geht. Dafür lassen sie sich einiges einfallen – und auf keinen Fall abwimmeln. punktum war einen Morgen lang Gast auf einer ihrer Sitzungen.


»Hrrgghhäää«
, räuspert sich Heide geräuschvoll. Ihr Blick fest auf die beiden Jugendlichen gerichtet, die sich gerade an einem Thema festgebissen haben, das hier keinen Platz hat. Ihre Augen fixieren die Zwei, die Augenbrauen streng nach oben gezogen, eine Gestik, die keine Zweifel lässt, zur Ruhe ermahnt. Mit Erfolg. Nun ja, fast. Ganz so ernst geht es in dieser Runde nicht zu. Schnell werden noch zwei Sätze ausgetauscht. Dann drehen sich die Beiden wieder zu Heide um und sind wieder bei der Sache. An diesem Morgen treffen sich, wie jeden zweiten Mittwoch im Monat, die Vertreter der JAV, der Jugend- und Auszubildendenvertretung der Hamburg Port Authority (HPA). Um sieben Uhr morgens, dem regulären Arbeitsbeginn, starten die fünf, zwischen 18 und 23 Jahren alt, im Sitzungssaal des Hamburger Hafenmanagements, um über aktuelle Probleme der Auszubildenden und Jugendlichen im Betrieb zu sprechen. »Die JAV ist ein gesetzliches Gremium«, erklärt Heide Humburg, 23 Jahre alt, gelernte Holzmechanikerin und seit März für zwei Jahre in den Vorstand gewählt. »Jeder Betrieb ab fünf Auszubildenden kann eine solche Interessensvertretung gründen. Wir überwachen etwa die Qualität der Ausbildung und machen Vorschläge, wie Arbeitsabläufen aussehen könnten. Außerdem geben wir jeden Monat ein Infoblatt für die Jugendlichen im Betrieb heraus«, erzählt die dunkelblonde, junge Frau mit den kurzen Haaren und wachsamen, blauen Augen. Weiterhin überprüft die JAV, ob die Ausbildungsbedingungen stimmen, die Arbeitszeit sowie Urlaub, Geld und allgemein der Ausbildungsablauf.

An diesem Morgen stehen auf der Einladung, die zur heutigen Sitzung bittet, insgesamt sechs Punkte auf der Tagesordnung. Darunter die Verhandlung mit dem Chef um die Übernahme der Auszubildenden, die in Kürze ihre Lehrzeit beenden werden. »Ich weiß nicht, wie weit ihr auf dem Stand beim Thema Übernahme seid. Sechs von 16 Auszubildenden sollen übernommen werden. Beim letzten Lehrjahr wurde uns fest zugesagt, dass alle, die eine Übernahmeempfehlung haben, für ein halbes Jahr einen Vertrag bekommen. Dieses Mal haben wir für die anderen Azubis noch keinerlei Zusagen«, bringt Heide das Thema zwei der Tagesordnung auf den Tisch. Mit ihr im Raum sitzen Anneke, 23 Jahre alt, angehende Holzmechanikerin, Dunja, 18 Jahre, im dritten Lehrjahr zur Gärtnerin, Kai, ebenfalls 18 und Elektroniker für Betriebstechnik in spe und Sven, zwei Jahre älter und Auszubildender zum Industriemechaniker. Sie sitzen verteilt an einer u-förmigen Tischformation, kein Kaffee, keine Kekse auf dem Tisch. Draußen stockdunkel, drinnen kahl – und die Jugendlichen hellwach. »Ich glaube nicht, dass wir darauf pochen sollten, dass jeder übernommen wird«, sagt Anneke, blonde Haare mit bunten Strähnchen, ein kleines Piercing blitzt in ihrem Nasenflügel. »Dann haben wir es nächstes Mal noch schwerer, irgendwelche Zusagen für die kommenden Übernahmen zu bekommen«, fährt sie fort. »Ach, Du meinst, dass wir dann womöglich nicht mehr ernst genommen werden? Weil wir jeden durchschleifen wollen?« fragt Dunja, die angehende Gärtnerin. »Ja, das könnte passieren«, denkt sie laut weiter nach. Die fünf JAVis diskutieren. Sprechen über zwei Auszubildende, die womöglich durch die Prüfung fallen. Beratschlagen, wie sie den beiden helfen können. Keine despektierlichen Bemerkungen, ganz sachlich sprechen sie über die Chancen der zwei »Problemfälle«. »Aber die ist – jetzt mal ganz ehrlich – wirklich faul«, wirft Kai ein. »Ich habe sie schon mal erlebt. Die hat keinen Finger gerührt in der ganzen Zeit, in der wir zusammen gearbeitet haben«, sagt er weiter. Alle schmunzeln. »Aber sie hat auch eine Chance verdient«, schaltet sich Heide mit ruhiger Stimme ein. Sie hat sich eine ganze Weile zurückgehalten, die anderen diskutieren lassen. Mit diesem Satz fängt sie das ausufernde Gespräch wieder ein. Ganz unaufdringlich. »Ja, ja, klar. Natürlich hat sie eine Chance verdient«, unterstützt Dunja die leichte Rüge von Heide. Bei den nächsten Kommentaren steht wieder nur das Wesentliche im Vordergrund. Das Ergebnis: Kai und Heide werden ein Gespräch mit dem Chef führen, die anstehende Übernahme auf den Tisch bringen und die ungeklärten Übernahmen in der Personalratsversammlung vorbringen.

Im Gegensatz zu den Verbänden, die im Landesjugendring organisiert sind, machen die JAVis keine Jugendarbeit, sondern sind eine Vertretung der Jugendlichen bis 25 Jahren sowie der 24 Auszubildenden pro Lehrjahr, die bei der Hamburg Port Authority beschäftigt sind. Für die Vorsitzende Heide Humburg ist allerdings auch die Arbeit im Verband keine unbekannte Beschäftigung. Seit Beginn ihrer Ausbildung engagiert sie sich in der Gewerkschaft, ist aktives Mitglied sowohl in der DGB-Jugend als auch bei der ver.di-Jugend. »Für mich war klar, wenn ich arbeite, möchte ich mich in einer Gewerkschaft organisieren«, erklärt Heide. In den Gruppen plant sie etwa Aktionen, wie man auf das Problem der Übernahme nach Ende der Lehrzeit aufmerksam machen kann. »Wenn man wollte, könnte man sich da jede Woche einmal treffen«, sagt sie. »Aber mir reicht es, wenn ich nur einmal im Monat dabei bin – oder eben, wenn gerade aktuell etwas ansteht«, erzählt sie weiter. In der JAV ist sie seit März 2006 Vorsitzende – und profitiert dabei von ihrem Hintergrund in der DGB-Jugend: »Dort habe ich zum Beispiel gelernt, wie man strukturiert eine Sitzung leitet. Auch politisch habe ich eine Menge mitbekommen. Dinge, die über den Betrieb hinaus eine Rolle spielen, etwa welche Rechte man als Angestellter hat. Dazu gehört auch, dass wir in der Gewerkschaft über das Übernahme-Problem gut informiert werden«, fasst Heide zusammen. Mit ihrem Vorsitz in der JAV hat sich der Wind im Betrieb für die Jugendlichen bereits kräftig gedreht. »Bei uns haben sie schon gemerkt, dass wir hartnäckiger sind. Die vorherigen Vertreter waren nicht so aktiv. Wussten auch nicht so wirklich, was zu ihren Aufgaben gehört. Wenn da ein Vorgesetzter mal gesagt hat, dass sie mit ihren Forderungen nicht im Recht wären, haben sie sich oft einschüchtern lassen«, erzählt Heide. »Es gibt zwar auch immer wieder Situationen, in denen wir wie die kleinen Jugendlichen behandelt werden, die nichts zu sagen haben. Das ärgert einen schon. Aber da müssen wir uns eben durchsetzen«, erzählt sie weiter. Dafür Zeit hat sie insgesamt zwei Jahre, so lange beträgt die Amtszeit aller Jugend-Vertreter, die in das Gremium gewählt wurden. Aufstellen können sich dafür alle jungen Angestellten bis 25 Jahre, auch diejenigen, die so wie Heide bereits mit der Ausbildung fertig sind. Da immer fünf Vertreter im Gremium an-wesend sein müssen und die Sitzungsmorgende
sich gelegentlich mit dem Unterricht in der Berufsschule überschneiden, werden insgesamt zehn JAVis gewählt, fünf davon in stellvertretenden Positionen. Für die zweiwöchentlichen Treffen zwischen sieben und neun Uhr, teilweise länger, müssen die Jugendlichen von der Arbeit freigestellt werden. In der Regel läuft das problemlos. Nur eine in der Runde merkt an, dass ihr Ausbilder über die Fehlzeit meckere.

Während ihrer bislang achtmonatigen Amtsperiode haben die JAVis schon einiges erreicht. Für die letzten Azubis, die ausgelernt haben, konnten sie durchsetzen, dass alle für ein halbes Jahr übernommen werden. Ein beachtlicher Erfolg. Ganz aktuell haben sich die Neuen im Amt einen Feedbackbogen ausgedacht, auf dem Lehrlinge ihre Ausbilder bewerten können. Auf Fragen wie »Waren die Arbeiten, die Du verrichtest hast, ausbildungsrelevant?« und »Wie war der Umgang zwischen Dir und Deinem Gesellen/Ausbilder? können sie – falls nötig – richtig Dampf ablassen. Erstmal anonym. Wenn sich dann Beschwerden über bestimmte Ausbilder häufen oder Schwachstellen bei der täglichen Zusammenarbeit deutlich werden, will sich die JAV einschalten und mit dem Betreffenden sprechen. Kein unproblematisches Stück Papier. »Ich habe das Gefühl, als wenn im Moment etwas Stimmung gegen die Feedbackbogen gemacht wird. Die Ausbildenden haben Angst, dass da etwas Schlechtes über sie drin steht«, erzählt Dunja. Heide hört aufmerksam zu, nickt – und schickt sofort einen Lösungsvorschlag hinterher: Man müsse einfach noch mal eine Runde machen und erzählen, was man mit den Bögen vorhabe. Sich abwimmeln lassen, steht nicht zur Diskussion.

Nächster Punkt auf der Tagesordnung ist die Bestellung von Arbeitsmaterial für die Auszubildenden. Jeder in der Runde trägt vor, was die anderen Jugendlichen in den unterschiedlichen Lehrberufen an Büchern und Material von Taschenrechner bis Zirkel benötigen und wie man am besten das Geld dafür zurückerstattet bekommt. Auch eine Aufgabe des JAV. Als Kai eine ganze Reihe an Bedarfsmitteln aufzählt, fängt Sven an zu lachen. »Ja, ja, ich weiß«, kommentiert Heide »es ist ja nur eine Wunschliste. Aber das diese Sachen vom Betrieb bezahlt werden müssten, steht auch im Ausbildungsgesetz. Wenn wir uns dahinter klemmen, könnte das die nächste Sache sein, wofür wir Ärger bekommen«, sagt sie weiter, mit fester Stimme. Dann lacht sie. Das klingt siegessicher.


Info: Hamburg Port Authority
Seit mehr als 150 Jahre betreibt die Freie und Hansestadt Hamburg eine technisch und wirtschaftlich verantwortliche Hafenverwaltung, welche die Landesaufgaben für den Hafen, die Seeschiffahrtsstraßen und die Binnenwasserstraßen wahrnimmt. Diese Aufgaben lagen bis 2005 in den Händen des »Amtes für Strom und Hafenbau«. Dessen Nachfolger ist die »Hamburg Port Authority« (HPA), eine Anstalt öffentlichen Rechts.
Die HPA vermietet landeseigene Hafenflächen, hält Brücken und Straßen instand und sorgt für die Schiffbarkeit auf der Elbe wie auch für die Stromversorgung. Zudem obliegt ihr die Weiterentwicklung des Hafengebietes.
Neben eigenen Einnahmen stehen der HPA öffentliche Investitionsmittel für die allgemeine Infrastruktur zur Verfügung. Im Finanzplan der Stadt sind hierfür zwischen 2005 und 2009 rund 750 Millionen Euro vorgesehen. Bei der Hamburg Port Authority sind aktuell etwa 1650 Menschen beschäftigt; pro Lehrjahr stellt die HPA 24 Plätze für Auszubildende.