Heft 1-2007 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Von Solitüdisten und Ökolatschen

Serie WirkungsStätten: Kinder- und Jugendgruppen im Harburger Jugendrotkreuz

von Claudia Thorn, Hamburg

Das Jugendrotkreuz in Harburg ist Teil der Ehrenamtlichen im Rotenkreuz. Es leistet Jugendarbeit in unterschiedlichen Gruppen vor Ort und organisiert jedes Jahr mehrere Zeltfreizeiten. Punktum hat die Jugendrotkreuzler an der Maretstraße besucht und mit der Leiterin, Petra Pavenstädt, gesprochen.

Montag Nachmittag ist »Solitüdisten«-Zeit in den Räumen des Jugendrotkreuzes (JRK) in Hamburg-Harburg. Von 16 Uhr an treffen sich für anderthalb bis zwei Stunden die jüngsten Aktiven des Kreisverbandes Harburg oder besser gesagt, des ehrenamtlichen Teils des Kreisverbandes.

Auf dem recht eng bebauten Gelände an der Maretstraße gibt es zwei Gebäudekomplexe, die in der Mitte durch die Garagen der Rettungsfahrzeuge verbunden sind. Rechts, im Haupthaus, befindet sich die Verwaltung des hauptamtlichen Roten Kreuzes, so wie wir es kennen, als Betreiber von Kindertagesstätten, Senioreneinrichtungen und vielen anderen Aktivitäten. Die Räume des Jugendrotkreuzes befinden sich im linken Gebäudeteil, dem Haus der »Ehrenamtlichen Gemeinschaften«. Neben der Jugendarbeit hat hier die Kreisbereitschaft inkl. der dazugehörigen Fahrzeuge ihr Domizil.
Ich klingle und Benni öffnet. Er ist einer von drei Betreuern der Kindergruppe, die sich in einer halben Stunde treffen wird. Während wir auf die Leiterin des JRK, Petra Pavenstädt, warten, frage ich ihn, wie man mit 16 Jahren dazu kommt, eine Kindergruppe zu betreuen. Er sei da hineingewachsen sagt Benni. Sein Vater ist hauptamtlicher Rotkreuzler und er selbst seit seiner Kindheit dabei. Da ist es nahliegend, dass man, wenn man älter wird, anfängt, sich zu selbst einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.
Petra, die mittlerweile, direkt von ihrer Arbeitsstelle als Sozialarbeiterin in einer Kindertagesstätte kommend, eingetroffen ist, bestätigt dies. Auch sie ist schon als Kind beim JRK gewesen. Mit 11 in einer Kindergruppe, später Jugendgruppenleiterin und Mitarbeiterin bei den Bereitschaften. Mittlerweile ist sie seit über 30 Jahren beim JRK und seit ca. 15 Jahren dessen Leiterin in Harburg.

Die Einbindung des eigenen Nachwuchses ist eine Quelle, aus der sich die Betreuerriege der Jugendarbeit speist. Aber es gibt auch andere Wege: David, 19, beispielsweise, der heute gemeinsam mit Benni die Kinder betreut, hatte in der Zeitung vom JRK gelesen, sich dafür interessiert, reingeschnuppert und ist geblieben. Neben seinem Engagement als Jugendgruppenleiter arbeitet er auch bei den Bereitschaften mit. Ann-Christin, genannt AC, die dritte im Bunde der Kindergruppenbetreuer am Montag, kann heute leider nicht da sein. Sie ist im Abistress.

Während Benni und David die nach und nach eintreffenden Kinder in Empfang nehmen, berichtet Petra von der wechselvollen Geschichte des Harburger JRK. Als sie selbst aus dem Jugendgruppen-Alter herausgewachsen war, war das Harburger Jugendrotkreuz in einer schweren Krise. Es gab kaum Nachwuchs und es fehlten Aktive, die bereit waren, ehrenamtlich die Organisation der Jugendarbeit zu übernehmen. Lediglich Petra und zwei weitere JRKler trafen sich regelmäßig in der Maretstraße. Bis Harald Krüger, Geschäftsführer des Kreisverbandes Harburg, auf sie zu kam und ihnen seine Unterstützung beim Neuaufbau der Jugendarbeit anbot. Petra und ihre Mitstreiter trommelten ihre alten Mitglieder aus den Jugendgruppen zusammen und gründeten die »Ökolatschen«, die Erwachsenengruppe des Harburger JRK. Sie sind heute diejenigen, die maßgeblich die Aktivitäten des JRK koordinieren und organisieren.

»Gleichzeitig«, so berichtet Petra, »entstand durch die Zusammenarbeit mit Harald Krüger eine ungewöhnlich enge Kooperation mit den Hauptamtlichen im Harburger Rotkreuz.« Sie ermöglichte es in den vergangenen Jahren, Projekte in der Jugendarbeit durchzuführen und ein Netzwerk aufzubauen, durch das sich immer wieder Kinder für das JRK begeistern lassen. Das sind vor allem die Kontakte zu den Kindertagesstätten des DRK in Harburg und zu den umliegenden Schulen.

Als die »Ökolatschen« damals loslegten, schafften sie es, die Mitgliederzahlen des Harburger JRK innerhalb von zwei bis drei Jahren von nahezu null auf über 100 anwachsen zu lassen. Heute gibt es ca. 150 Mitglieder im JRK Harburg, von denen rund die Hälfte aktiv ist. Dies gelang nur durch das Angebot verschiedenster Gruppen und Aktivitäten, die Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen und den Aufbau von Kontakten zu den Schulen der Umgebung und den Kitas. Auf diese Weise ist auch die Kindergruppe »Solitüdisten« entstanden, die ich heute nachmittag kennenlerne.

Als ihre Vorgänger aus den Kindergruppe heraus- und in die Jugendgruppen hineingewachsen waren, galt es, neue Kinder für das JRK zu begeistern. Also organisierten die »Ökolatschen« und Jugendgruppenleiter im Frühjahr 2006 ein Freizeitwochenende in Flensburg zum Selbstkostenpreis und luden dazu in den Kitas ein. 15 Kinder sind damals mitgefahren, davon kommen nun sieben bis neun regelmäßig zu den montäglichen Kindergruppentreffen.

Während Petra über die Aktivitäten der Jugendrotkreuzler berichtet, steckt eine Mutter, die ihre Tochter gerade bei der Kindergruppe abgeliefert hat, ihren Kopf zur Tür rein und bittet um Rat. Die Kita ihrer Tochter möchte einen Ausflug machen. Alles sei organisiert, doch es fehle noch ein Bus. Wo kann man günstig einen Bus bekommen? Petra überlegt und zählt dann die Busunternehmen auf, mit denen die Jugendgruppen gute Erfahrungen gemacht haben. Auch auf dieser Ebene funktioniert das Netzwerk.

Die erfolgreiche Jugendarbeit der letzten Jahre zeigt sich in Gruppen verschiedenster Alterstufen. Außer den erwachsenen »Ökolatschen« und den kleinen »Solitüdisten«, bei denen neben der spielerischen Vermittlung von Grundkenntnissen der Ersten Hilfe vor allem der Spaß im Vordergrund steht, gibt es eine weitere Nachwuchsgruppe. Hier treffen sich acht bis zehn Jugendliche im Alter von 13 und 14 Jahren. Sie sollen in zwei bis drei Jahren zu Jugendgruppenleitern ausgebildet werden.

Die sogenannte »Mimentruppe«, wie sich die Gruppe Realistische Unfalldarstellung nennt, setzt sich aus Mitgliedern des JRK und den Bereitschaften zusammen. Sie sind diejenigen, die auf Großveranstaltungen, aber auch für Filmaufnahmen, Verletztendarstellungen übernehmen. Aktive im Schulsanitätsdienst sind locker mit dem JRK verknüpft und treffen sich ebenfalls in den Räumen an der Maretstraße.

Auch im Projekt »Chancengleichheit« hat sich das Harburger Rotkreuz engagiert. In Kooperation von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen werden zwei Gruppen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus den umliegenden Schulen betreut. Einmal wöchentlich kommen sie in die Räumlichkeiten des Rotenkreuzes zur Sprachförderung und schnuppern dabei auch in die Arbeit der Rotkreuzler hinein.

Höhepunkt des vergangenen Jahres war die Internationale Begegnung »Red Cross United«. Für zehn Tage im August verwandelte sich das Gelände an der Maretstraße in einen Bienenstock. Anlässlich des 111jährigen Bestehens des Kreisverbandes waren 35 Rotkreuzler aus verschiedenen Ländern im Alter von 18 bis Ende 20 in Harburg zu Gast. Sie zelteten rund um die Gebäude und verteilten sich zum morgendlichen Duschen im gesamten Gebäudekomplex. Die Hauptamtlichen trugen es mit Fassung und waren fast ein bisschen traurig als nach Ende der Begegnung nur noch die üblichen Alltagsgeräusche in den Gängen und auf dem Hof zu hören waren.

Der größte Stolz der Harburger aber ist ihr Zeltplatz in Flensburg. Er liegt direkt an der Flensburger Förde, mit Zugang zum Strand. Auf ca. 3000 qm gibt es acht Zelte, in denen jeweils vier bis fünf Kinder und ein Betreuer untergebracht werden können. In einem festen Gebäude befinden sich die sanitären Anlagen, eine große Küche, ein Gemeinschaftsraum und ein Freizeitraum mit Tischtennisplatte. Neben Wochenendfreizeiten und dem Pfingstzelten organisieren die Harburger jeden Sommer zwei zweiwöchige Ferienfreizeiten für Kinder im Alter von sieben bis dreihzehn Jahren, an denen jedes Hamburger Kind teilnehmen kann.

Seit 2000 wird dieses Freizeitangebot vom JRK Harburg gemacht. Petra berichtet wie sich damals fast zufällig die Möglichkeit ergab: »Was des einen Leid ist des andern Freud, könnte man fast sagen«, denn der Platz wurde vorher vom DRK Flensburg genutzt. Als die ihn nicht mehr bewirtschaften konnten, sprach sich das auch in Harburg schnell rum. Bei den »Ökolatschen« setzte sich die Idee fest, den Zeltplatz zu übernehmen und ein festes Ferien- und Freizeitangebot zu entwickeln. Nun musste man nur noch die Werbetrommel bei der Geschäftsführung rühren. Dies war nicht einfach, denn die Unterhaltung eines solchen Platzes erfordert nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch regelmäßiges hohes zeitliches Engagement der Ehrenamtlichen.

Bei der letztlichen Entscheidung, das Unternehmen zu wagen, spielte die gute Zusammenarbeit zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen in Harburg wieder eine große Rolle. Auch die Hauptamtlichen sicherten Unterstützung zu. So rückt schon mal der DRK Klempner an seinem freien Wochenende an, um Außenduschen zu bauen oder jemand, der nach Flensburg fährt, bietet sich an, vor Ort nach dem Rechten zu sehen.
Die »Ökolatschen« opfern zwei Wochen ihres Jahresurlaubs, um als Betreuer die Freizeiten zu begleiten und auch in den Wintermonaten muss der Platz regelmäßig besucht werden. Außerdem gibt es immer etwas zu reparieren oder zu streichen.

Die Ferienfreizeiten sind seit sieben Jahren das Erfolgsmodell der JRKler und die sind stolz darauf, dass sie es schaffen, den hohen ehrenamtlichen Aufwand über die Jahre zu garantieren, damit dieses Angebot bestehen kann.

Zwischenzeitlich ist der Gruppennachmittag vorangeschritten und die »Sölitüdisten« haben sich aufgeteilt. Während Benni draußen bei grauem und feuchtem Februarwetter mit zwei Kindern auf dem Rasen kickt, vergnügt sich der Rest der Gruppe weiter bei Brettspielen im warmen Aufenthaltsraum. Die meisten von ihnen sehnen sich wohl schon nach Sommer, Sonne und der Ferienfreizeit in Flensburg.



Info:

Jugendrotkreuz im Kreisverband Hamburg-Harburg

Seit über hundert Jahren gibt es den Kreisverband Harburg des DRK, der in den verschiedensten sozialen Belangen engagiert ist. Das Jugendrotkreuz ist fester Bestandteil der Ehrenämter und freut sich über Interesse und neue Gesichter:
Maretstraße 73 | 21073 Hamburg | jrk@drk-hh-harburg.de | Bürostunde: Mo 17.00 - 20.30 Uhr | Petra Pavenstädt, Tel. 76 60 92-39

Die Gruppen
• Kindergruppe »Solitüdisten« (ab 10 Jahren
• Jugendgruppe »noch ohne Namen« (13-14 Jahre)
• »Ökolatschen« (ab 18 Jahren)
• »Mimentruppe« (Realistische Unfalldarstellung RUD) (ab 14 Jahren)
• Gruppe Schulsanitätsdienst (SSD) für alle Aktiven im SSD