Heft 2-2007 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Kleine Helden

Serie WirkungsStätten: ein Spielfest in den neuen Räumen des Bundes Deutscher PfadfinderInnen in Altona

Von Bianca Gerlach, Hamburg

Das Spielfest »Kleine Helden« hat im April in den neuen Räumlichkeiten des BDP für ordentlich Betrieb gesorgt. Und den Kindern gezeigt, was Jugendverbände in Altona von Stockbrot bis Sport so alles bieten.

Pausenlos rattern sie herunter. Mit Holzbrettern über kleine Schienen, aufgebockt auf Bierkisten, einen halben Meter über dem Boden, scheppern die Kinder auf einer Rollbahn den kleinen Hügel hinab. Die etwa zehn Meter lange Strecke, auf der die Kids auf fantasievoll bemalten Brettern mit bunten Sonnenstrahlen und Fledermäusen, herunter toben, ist der Hit der Veranstaltung. Und nur eine der Spielmöglichkeiten, die Kinder auf dem »Kleine Helden«-Fest haben.

Der Landesjugendring hat diesen Tag zusammen mit Jugendverbänden im Rahmen der ARD-Themenwoche «Kinder sind Zukunft« organisiert. Die Idee: Bereits die Kleinen über die vielfältigen Angebote der Jugendverbandsarbeit spielend zu informieren. Das bunte Programm haben der Bund Deutscher PfadfinderInnen (BDP), der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), der Altonaer Turnverein (ATV) und die Deutsche Schreberjugend auf die Beine gestellt. Schauplatz ist die neue Heimat vom BDP: ein Haus in Altona.

Die Rollbahn, die einige Kinder schon seit Stunden pausenlos in Beschlag nehmen, hat der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder aufgebaut. »Hier war schon richtig was los. Teilweise sind schon fünf Kinder auf einmal auf den kleinen Brettern runtergerauscht«, erzählt Imke Lehmann vom VCP. Aber nicht nur Actionreiches zieht Kinder in den Bann. Vor ihr sind kleine Behälter, etwa so groß wie Salatschüsseln aufgebaut. Verschlossen mit einem Tuch mit einem Loch in der Mitte. Durch diese eine kleine Öffnung können Kinder nur durch Ertasten mit der Hand erraten, welche Gegenstände darin versteckt sind, etwa Erdnüsse oder ein Hufeisen. Als Belohnung für richtig geratene Dinge teilt Imke großzügig Süßigkeiten aus: »Viele kommen alle paar Minuten nur wegen der Naschsachen. Aber das macht nichts, Hauptsache, sie haben Spaß«, erzählt sie und hält einem kleinen Jungen eine Haribo-Tüte hin. Einige Meter weiter auf der Grünfläche direkt vor dem Haus hat der Altonaer Turnverein eine Hüpfburg aufgebaut, sechs Kinder springen auf dem weichen Polster in die Höhe, lassen sich kräftig in die Kissen fallen, lachen ausgelassen. Aufgebaut hat die Hüpfburg der ATV. Als Vertreterin ist Brigitte Harms, die unter anderem im Ressort Jugendarbeit des Turnvereins arbeitet, Ansprechpartnerin für Kinder und Eltern: »So eine Veranstaltung ist natürlich eine tolle Gelegenheit, neue Kinder für unseren Verein zu begeistern. Aber nicht nur das: Wir freuen uns auf den Beginn einer tollen Nachbarschaft mit den Pfadfindern hier«, sagt sie. Die Burg gehört neben der Rollbahn hinter dem Haus zu den Attraktionen des Nachmittags. Am Vormittag begeisterte die junge Judo-Abteilung des ATV mit einer Darbietung ihrer Trainingsleistungen: kleine Judokas wehrten spielend und mit Geschick Attacken körperlich überlegener Angreifer ab.

Rund um das Gebäude der Pfadfinder sind aber auch mehrere, ruhige Spiele aufgebaut. Hinter dem Haus, direkt gegenüber vom angrenzenden Anwohnerpark mit Fußballplatz, Grillstelle, kleinem Planschbecken, das im Sommer geflutet wird und großer Liegewiese, hat man eine Art »Fühlpfad« aufgebaut. Barfuss geht man hier mit geschlossenen Augen beispielsweise über Stroh oder Steine und kann erraten, was die Füße ertasten. Um die Hausecke herum, die Hüpfburg in Sichtweite haben zwei Mädchen von der Deutschen Schreberjugend eine Gruppe von neun Kindern zum Stillsitzen bewegt. Vollkommen freiwillig. Sie hocken um einen Grill, den Blick ganz gebannt auf die langen Stöcke in der Hand gerichtet, auf denen ganz am Ende kleine Teigröllchen balancieren. Sie brutzeln Stockbrot. Für viele das allererste Mal. »Das brennt«, sagt ein kleiner Junge, etwa acht Jahre alt, dunkle Haare, dunkler Teint, und pustet auf die Briketts. Die beiden Betreuerinnen lachen: »Aber das muss es doch auch. Sonst können wir doch kein Brot grillen.« Der Junge schaut überrascht und hält seine Stockbrot-Angel beruhigt wieder dicht über die heißen Steine. Einige Meter weiter versuchen sich zwei Mädchen am heißen Draht, hangeln mit einem Metallgriff mit Münzgroßer Öffnung einen geschwungenem Strang entlang, konzentriert, ihn nicht zu berühren.

Für das Haus, Flachdach, roter Ziegel, garniert mit mehreren Graffitis, umgeben von großen Bäumen, grüner Hecke, ist es fast eine Art Einweihungsparty. Die Pfadfinder mussten aus ihrer alten Basis, einer kleinen, urigen Kate mit Reetdach am Elbstrand, ausziehen und sind seit Ende des Jahres 2006 in ihrem neuen Zuhause. Nicht wirklich freiwillig, wie viele wissen und punktum bereits berichtete.

Von Wehmut ist an diesem Tag jedoch keine Spur. Etwa 40 Kinder tummeln sich auf dem Gelände. Viele Kinder stammen an diesem Nachmittag aus der direkten Nachbarschaft. Das Pfadfindergebäude befindet sich in dem dicht besiedelten Stadtteil Altona, der unter anderem für seinen Nationalitäten-Mix bekannt ist. Viele Kinder auf dem angrenzenden Spielplatz waren einfach neugierig und kamen zum Pfadfinderhaus. Eine Einweihung mit Folgewirkung auf die Mitgliederzahlen vielleicht?

»Ich glaube, ins neue Haus werden mehr Kinder kommen«, sagt Marc Butler, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände in Hamburg e.V. »Es ist einfach besser gelegen. Vorher brauchte man 25 Minuten von der S-Bahn bis zur Elbkate, jetzt ist man nach zehn Minuten Fußmarsch vom Altonaer Bahnhof da«, erzählt er weiter. Ein Plus für den neuen Standort – der überdies nahezu perfekt eingerichtet ist. Bis Juni 2006 nutzte es die Stadt als Spielhaus für Kinder bis sechs Jahren. In den Gruppenräumen stammt noch jede Menge Spielzeug, darunter Brettspiele beispielsweise, Holzklötze und die Tischtennisplatte draußen, von den Vorgängern. An der Wand haben die Pfadfinder ihre eigene Note hinterlassen: Fotos der alten Elbkate. »Klar, einige weinen der alten Kate hinterher. Aber eigentlich haben wir es hier gut getroffen. Für den Kicker beispielsweise war im alten Haus gar kein Platz«, sagt Marc. Im neuen hat man 230 Quadratmeter Platz, einen großen Garten und jede Menge zu tun: »Renoviert war kaum etwas«, erzählt Marc, der seit 17 Jahren bei den Pfadfindern ist. In Eigenregie bauen die neuen Besitzer daher einige Zimmer nach eigenen Vorstellungen und nach dem Motto »learning by doing« um. Ein neues Badezimmer ist geplant und das ehemalige Fotolabor soll Schritt für Schritt wieder belebt werden, draußen soll eine Feuerstelle entstehen.

Genutzt werden die Räumlichkeiten fast jeden Tag in der Woche. Unter anderem findet offene Kinder- und Jugendarbeit mit Honorarkräften statt, die AGfJ kommt mit ca. 20 Personen regelmäßig hier zusammen, zudem trifft sich die Gruppe von frei & willig (www.frei-willig.info) regelmäßig hier. Die Jugendinitiative will Jugendlichen helfen, eigene Projekte wie Sportturniere und Konzerte gegen Rechts auf die Beine zu stellen. Vorwiegend jedoch treffen sich die Jugendgruppen der 6- bis 12jährigen der Pfadfinder hier. Zum Spielen, Singen und um große Reisen zu planen, darunter einen Austausch mit Gruppen aus England sowie das Pfingstlager. »Aber das soll lange nicht alles sein. Wir wollen noch mehr eigene Gruppen gewinnen, Seminare abhalten und Klausurtagungen organisieren«, sagt der 32jährige. Das Potential, hier einen neuen Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche zu schaffen, ist ganz klar vorhanden. Gute Infrastruktur, Kinder in direkter Nachbarschaft, großzügige Räumlichkeiten.

16 Uhr. Die Aprilsonne zeigt sich am »Kleine Helden«-Nachmittag gütig, an einem Stand gibt es Kuchen, Grillwürstchen und Getränke. Erste Stockbrote sind fertig gebacken, auf der Hüpfburg herrscht Hochbetrieb. Kinder, Eltern, Veranstalter sind zufrieden. So sehen Helden aus.

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