Heft 4-2007 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Von Musik bis Migrationshilfe

Serie WirkungsStätten: die vielen Gesichter des Mig-Zentrums

Von Bianca Gerlach, Hamburg

Jeden Donnerstag verwandelt sich das Mig-Zentrum in einen orientalischen Musikkeller. Vereinsmitglieder üben auf der Saz. An anderen Tagen geht es weniger spielerisch zu, dann stehen spezifische Migrationsprobleme auf dem Programm.

»Üç, iki, bir«, zählt Hüseyin. Klopft dabei mit dem rechten Bein kräftig auf den Boden und legt los. Seine Hände huschen über den Steg seiner Saz, eine Art Gitarre. Um ihn herum stimmen neun weitere Spieler zeitgleich mit ein. Der ganze Raum erfüllt sich mit orientalischen Klängen, melancholisch schön. Hüseyin führt die Gruppe an, steuert Melodie und Rhythmus. Gelegentlich jedoch mischt sich ein schiefer Ton in das Lied. Anfängerfehler.

Die Saz-Schüler sitzen in einem Raum des Vereins der kulturellen medialen Kommunikationsstelle der Migration in Hamburg, kurz Mig-Zentrum, und üben. Der 36jährige Musiklehrer Hüseyin gibt hier jeden Donnerstag Unterricht für Vereinsmitglieder. In zwei Gruppen, je nach Spiel-Niveau, bringt er etwa zehn bis zwölf Interessierten das Spielen des typisch türkischen Instruments bei, das eigentlich Baglama heißt, aber meist Saz genannt wird. Ein Saiteninstrument mit dünnem Steg und einem Bauch, der einer großen Wassermelonenhälfte gleicht.

Das Mig-Zentrum macht Jugendarbeit für Menschen mit Migrationshintergrund und Asyl-bewerber. Die rund 40 aktiven Mitglieder kommen überwiegend aus der Türkei und Kurdistan, zwei sind aus Peru. Die Räume in der Hamburger Feldstraße sind von Montag bis Freitag geöffnet, in der Regel zwischen 13 und 19 Uhr. Allerdings sind sie häufig auch am Wochenende zugänglich, etwa weil eine Veranstaltung stattfindet oder sich bestimmte Gruppen nur am Wochenende treffen können. »Eigentlich ist hier fast an jedem Tag Programm«, erzählt Ilhan, der drei Mal in der Woche ehrenamtlich aushilft. »Dienstags bieten wir einen Gitarrenkurs an, mittwochs einen Folkloreabend, donnerstags Saz-Unterricht und freitags trifft sich eine komplette Band zum Üben«, sagt er.

Musik ist allerdings nicht Schwerpunkt des Vereins. Das Mig-Zentrum will helfen, sich in Deutschland zurecht zu finden. Man will zusammen mit den Mitgliedern spezifische Probleme der Migration lösen. Daher finden über das Jahr verteilt Seminare statt. Beispielsweise über Bildungspolitik. Hier erzählt ein Dozent, welche Abschlüsse es in der Bundesrepublik überhaupt gibt und erklärt das Schulsystem. Zudem werden Tipps von einem Pädagogen verraten, wie man besser lernt. Weitere Themen sind Familienzusammenführung und Aufenthaltsrecht. Rechtsberatung gehört ebenfalls zum Programm. »Vortragsabende oder Wochenendseminare sind immer sehr gut besucht, teilweise kommen bis zu 40 Leute. Meist nicht nur Mitglieder, sondern gleich die ganze Familie«, erzählt Ilhan, der seit 1989 in Deutschland wohnt und hauptberuflich Jugendarbeit macht.

An diesem Saz-Abend trifft sich parallel die Frauengruppe zum Filmabend. Die 28jährige Berivan leitet sie seit etwa anderthalb Jahren. »Wir haben uns gerade das Thema Gewalt an Frauen ausgesucht und zeigen daher vier Tage lang Filme darüber«, sagt die Studentin der Informatik und des Ingenieurwesens in Harburg. An diesem Abend läuft »Die Farbe lila«. Tags zuvor war es ein afghanischer Film. Treffen an einem Wochentag sind jedoch die Ausnahme. Normalerweise sehen sich die Frauen zwischen 22 und 45 Jahren sonntags für ein bis zwei Stunden. Dann setzen sie sich zusammen und lesen beispielsweise Texte über die Gleichstellung von Mann und Frau und diskutieren über die Unterdrückung von Frauen. Berivan stellt meist das Programm zusammen, die anderen können allerdings jederzeit Vorschläge machen, welches Thema besprochen werden soll.

Die verschiedenen Gruppen treffen sich jeweils in den Souterrain-Räumen in der Feldstraße, direkt gegenüber vom Hamburger Dom. Zwei Räume gibt es hier. Ein großer mit einer leicht gewölbten Decke, selbst gemalten Bildern an der Wand, einem Bücherregal mit deutschen und türkischen Werken von Roman bis Ratgeber und Tischen, die an Lehrerzimmer-Möbiliar erinnern. Dünne verchromte Beine, Holzplatte. Nicht wirklich gemütlich. Das Zentrum ist in dieser Stätte nur vorübergehend und sucht gerade neue Räume. »Aber sobald Vermieter hören, dass wir Ausländer sind, wollen sie uns keine Räume vermieten. Das ist ein echtes Problem«, sagt Ilhan. Und räumt weiter ein: »Klar, ist es etwas lauter. Aber so ist es doch bei Jugendarbeit: Jugendliche sind immer lauter.« Dabei sind die lärmintensivsten Aktivitäten bereits alle ausgelagert. Die etwa 30 Jungen des Vereins spielen in einer Fußballmannschaft in Hammerbrook und die Folkloreabende finden in einem Familienzentrum direkt in der Schanze statt. Für diese Veranstaltung wären die Räumlichkeiten des derzeitigen Standortes sowieso viel zu klein. In dem schmalen Flur zur Küche drängeln sich Vereinsmitglieder mit Teetassen, der Hauptraum wirkt mit der Frauengruppe vor dem großen Fernseher bereits voll.

Im kleinen Nachbarzimmer, in dem die Saz-Gruppe übt, ist es noch enger. Tische, die wie ausrangierte Schulmöbel wirken, stehen in einem Quadrat zusammen, zwei kleine Souterrain-Fenster zeigen direkt auf den Bordstein, eine grelle Leuchtstoffröhre macht den Raum taghell. Die Musik allerdings lässt die Enge vergessen und gibt dem Zimmer orientalische Wärme. Die Schüler, der Großteil zwischen 20 und 30 Jahren, zupfen und klopfen auf der Saz, einige bereits routiniert, andere noch recht unbeholfen. Besonders bei schwierigeren Stücken setzen viele aus, etwa bei der Spielart Selpe, bei der man Töne durch eine bestimmte Klopftechnik auf dem Saz-Steg hervorlockt.

»Im Gegensatz zur Gitarre spielt man auf der Saz einzelne Töne, auf der Gitarre meist nur Akkorde«, erzählt der Musiklehrer Hüseyin, der sich auf Saz-Unterricht spezialisiert hat. Einfach sieht es nicht aus. Die sechs Saiten liegen dicht beieinander, die Abstände der Griffe sind teilweise sehr groß, so dass die Hände schnell über den Steg fliegen müssen. »Unmöglich ist es jedoch nicht. Wir üben in der einen Woche neue Noten, in der nächsten probieren wir sie beim Spielen aus. Nur üben muss man«, sagt Hüseyin und stimmt das nächste Lied an.

Keine zwei Sekunden später beginnt die 26jährige Türkin Eylem mit einer wunderschönen, tiefmelancholischen Stimme über die Instrumente hinweg zu singen. Ihre tiefe Stimme füllt den Raum aus. Ihr Sitznachbar, etwa 25 Jahre alt, tiefbraune Augen, summt zaghaft mit. Der Rest konzentriert sich auf das Spielen. Beim Refrain stimmen alle mit ein. Kräftige Laute, emotional, einige schiefe Töne der Anfänger schleichen sich unter die Melodie. Die Lieder handeln meist von Liebe und Heimat. Einige sind bereits 500 Jahre alt, andere neu geschrieben und aus der Türkei importiert. Die Instrumente sind ebenfalls in der Ferne geordert, werden in Deutschland gar nicht hergestellt. Sie kosten zwischen 250 und 3000 Euro. Anfangs hat der Musiklehrer einige mitgebracht, inzwischen besitzt fast jeder in der Gruppe ein eigenes. Sogar die jüngste Spielerin: Asya, zehn Jahre alt. Sie ist seit Beginn der Saz-Stunden im Frühsommer 2007 dabei. Noch zupft sie etwas zaghaft an den dünnen sechs Saiten ihres Instruments. Aber konzentriert. »Ich finde gut, dass man irgendwann Konzerte geben kann«, sagt sie. Das hofft nicht nur sie.


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Mig-Zentrum | Kulturelle mediale Kommunikationsstelle der Migration | Langenfelder Str. 53, 22769 Hamburg | www.mig-zentrum.de

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