Heft 3-2008 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

»... und jetzt noch die Erde retten!«

Serie WirkungsStätten: die BUNDjugend Hamburg

Von Christian Kahlstorff, Hamburg

Ein unauffälliges Haus im Eppendorfer Kellinghusenpark soll der Treffpunkt sein. Wer würde argwöhnen, dass hier jeden Donnerstagabend ein konspiratives Treffen stattfindet? Und ist es nicht genau deswegen das perfekte Hauptquartier? Hinter dem kleinen Teich, um den Hundebesitzer der Gegend spazieren gehen, dort hinter dem zugewachsenen Zaun, zwischen den Bäumen versteckt sich ein Reetdachhaus – mitten in Hamburgs feiner Wohngegend. Ein Eingang ist nicht zu erkennen, nur ein halbzugewachsener Weg, der um das Haus herum führt. Ein einsames Fahrrad steht im überwucherten Garten, den Rest hat sich die Natur erobert – was ganz im Sinne der Besitzer zu sein scheint. Und hier auf der Rückseite ist auch der Eingang. Im Flur erklären Plakate die Rangstruktur innerhalb des Verbandes – vom jungen Frosch über den alten Hasen bis zum Dinosaurier, je nach Zugehörigkeitsdauer. Aus dem Versammlungsraum hört man rhythmisches Klatschen und Klopfen zu leisem Gesang. Hier schwört sich eine Gemeinschaft ein, der es ernst ist. Es geht nicht um viel; es geht um alles: Diese Gruppe will die Welt verändern!

Wer jetzt Angst bekommen hat vor radikalen Öko-Terroristen – dem sei gesagt: Diese jungen Menschen wollen friedlich Leben retten – dafür aber gleich das des ganzen Planeten! In Zeiten globaler Bedrohungen unserer Umwelt scheint das nur konsequent. Das Motto der BUNDjugend lautet nämlich: »... und jetzt noch die Erde retten!« Katrin Mehrer, BUND-Beauftragte hier im »Haus der BUNDten Natur« in Eppendorf, stellt jedoch klar, dass es hier zwar um die Veränderung des Planeten aber eben auch um Aktionen geht, die den Menschen erst einmal bewusst machen, was um sie herum passiert. »Umweltschutz ist ein schleichender Prozess«, erläutert sie bei der Führung durch das alte Gebäude. Neben einem Büro, das gleichzeitig Küche ist, gibt es einen großen Raum und einen Dachboden, der als Lager dient. Der Versammlungsraum mit den zusammengestellten Tischen ist Planungsbüro, Spielzimmer und Materialsammlung in einem. In jeder Ecke finden sich Andenken oder Plakate vergangener oder aktueller Aktionen. Auch der Garten offenbart auf den zweiten Blick mehr als gedacht: Ein Dutzend Baumstümpfe dienen als Sitzgruppe für Besprechungen bei gutem Wetter, mehrere Aufbauten zeigen Experimente oder Schaukästen für die Kindergruppen, die jeden Tag in der Woche im Haus mit großer Begeisterung in »naturbezogener Umweltpädagogik« unterrichtet werden. Die regelmäßigen Projekte und Mitmach-Werkstätten können sich vor Anmeldungen kaum retten und haben lange Wartelisten. »Aufgrund der Räumlichkeiten kann leider nur eine begrenzte Anzahl Schulkinder hierher kommen«, bedauert Katrin die Kapazitätsgrenzen, »meist aus der näheren Umgebung«. Oft müssen die Kinder den Bezug zur Natur erst wieder lernen. »Nur was ich kenne, kann ich schützen« lautet ein Spruch der Betreuer, die sich aus Ehrenamtlichen, Jugendlichen und jungen Menschen im Freiwilligen Ökologischen Jahr zusammensetzen. Die Jugendlichen der BUNDjugend kommen aus ganz Hamburg.

Martin Grünwald eröffnet die Sitzung. Zusammen mit Thies Köthke und Charlotte Adler bildet er den Vorstand der BUNDjugend Hamburg. Einmal in der Woche trifft sich die Gruppe im BUNDten Haus. Martin ist 21 Jahre alt und studiert Informatik-Ingenieurwesen. Thies ist ebenfalls da, nur Charlotte fehlt. Neun Jugendliche haben sich heute versammelt. 17 Mitglieder hat die Gruppe insgesamt, zehn zählen sich zum harten Kern. So selbstironisch das Motto gewählt ist – es spielt auf die Kritik Fremder an den »Gutmenschen« und den Ober-Ökos an – so ernst ist es ihnen damit. In der Broschüre zum BUNDten Haus beschreibt der BUND seinen Jugendverband recht selbstbewusst: »In der BUNDjugend-Gruppe planen Jugendliche ab 16 Jahren eigenständig öffentlichkeitswirksame Aktionen in der Stadt sowie attraktive Jugendveranstaltungen und Ferienfahrten. Gemeinsam setzen sie sich gegen Gentechnik und Atomkraft sowie für ein bewusstes Konsumentenverhalten ein.« Ein Abend mit der Gruppe beweist, dass dies keine Übertreibung ist: Zwischen Aktionsplanungen der BUNDjugend, politischer Grundsatzdiskussion und vergnügtem Jugendtreff wechseln die Themen schneller, als der neugierige Besucher sich Notizen machen kann. Im Regal an der Wand stehen zwar Holzspielzeuge oder Brettspiele wie Ökolopoly, eine Art Öko-Monopoly, doch die Jugendlichen sind weit entfernt von dem Klischee des weltfremden Ökos oder des Theoretikers. Martin spricht für die Gruppe von »konkreten Zielen. Es geht darum, Zeichen zu setzen.«

Konsument und Mensch werden wieder eins

Hin und wieder wird der Ton durchaus offensiver: »Die Menschen in Hamburg leiden einfach noch zu wenig«, wirft Kimberley in die Runde. Kimberley studiert zur Zeit in Schottland »Renewable Energy«, doch die langen Semesterferien verlebt sie zu Hause und nimmt selbstverständlich an allen Aktionen teil. Im Moment geht es um Konsumverhalten, nachhaltiges Einkaufen und bewusste Vermeidung von Marken, welche die Globalisierung ausnutzen, um Ressourcen weltweit auszubeuten, Arbeitnehmer- oder gar Menschenrechte zu missachten und so ihre Profite zu maximieren. In der Tat spürt man im Hamburger Alltag davon noch nicht genug. Die BUNDjugend hat den alternativen Stadtrundgang »KonsuMensch« entwickelt. Das Wortspiel zeigt: Jeans, Kaffee, Turnschuhe und Essen – alles unterliegt dem globalen Handel. Und jeder nimmt daran teil: Wer sich für teure Marken-Turnschuhe entscheidet, dem soll bewusst werden, unter welchen Bedingungen diese in sogenannten Dritte-Welt-Ländern hergestellt werden. Wer Kaffee kauft, sollte sich entscheiden zwischen billigem Kaffee, der nur deshalb so billig ist, weil die Bauern ausgebeutet werden, oder fair gehandelten Produkten. Und wer im Schnell-Restaurant einen Hamburger bestellt, tut damit sicher nichts für die lokale Wirtschaft, sondern eher etwas für die Abholzung des Regenwaldes in Südamerika. Doch die Jugendlichen wollen nicht bloß mahnen. Konsumentenschelte wirkt selten langfristig. Deshalb versuchen sie, positive Beispiele zu finden und zeigen auf ihrem Rundgang »Fair Trade«-Läden und Bäckereien, die Bio-Produkte einsetzen. Dazu bekommt jeder Teilnehmer eine Broschüre in die Hand, in der konkrete Schritte zu einem bewussten Konsum beschrieben werden. Doch was hat das mit dem »Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland« zu tun? »Umwelt- ist nicht nur Naturschutz vor Ort«, sagt Martin, »es geht weit darüber hinaus«. Die Jugendlichen haben verstanden: In einer globalisierten Welt kann und muss Umweltschutz global gedacht werden.

Das nächste Thema auf der Agenda ist trotzdem ein buchstäblich nahe liegendes: das geplante Kohlekraftwerk in Moorburg. Umweltschutzverbände laufen seit dem Bekanntwerden Sturm gegen das Vorhaben Vattenfalls. Geplant ist eine gewaltfreie Besetzung der Baustelle in Moorburg im Rahmen der Kampagne Gegenstrom08. Auch die BUNDjugend will ein Zeichen setzen, doch nicht allein. Die Vernetzung der verschiedenen Gruppen ist hervorragend organisiert. Ob Attac, Greenpeace oder Robin Wood – per eMail halten die Gruppen untereinander Kontakt. Noch ein Beispiel für die gute Zusammenarbeit kann der 6. Dezember werden. An dem droht Hamburg eine »Papierflut«. In einer von Robin Wood aufgerufenen Aktion sollen Hamburger Bürger die ungewollt zugesandte Werbepost sammeln und zu einem Papierberg zusammentragen. Den Menschen soll klar werden, wie viel Papier – und damit Baumholz – dort verschwendet wird. Die BUNDjugend organisiert aber nicht nur plakative Aktionen. Auch bei kleinen Stadtteil-Festen zeigt sie Präsenz und veranstaltet Kleidertauschbörsen. So verlängert sich der Lebenszyklus von Textilien und Rohstoffe werden geschont.

Neben Martin ist auch Marcia fest entschlossen, nicht nur an den Vorbereitungstreffen für die Moorburg-Besetzung teilzunehmen. Sie ist seit rund einem Jahr dabei und gehört damit schon fast zu den alten Hasen – mal abgesehen von den Rangbezeichnungen im Flur. Kaum einer der Jugendlichen ist länger als zwei Jahre dabei; viele sind bei einer Vollversammlung des BUND vor rund einem Jahr auf die Jugendsektion aufmerksam geworden. Schon vorher unterstützten sie den BUND mit Spenden, doch die praktische Arbeit hat Umweltschutz für sie zu einem aktiven Aspekt ihres Lebens werden lassen. Marcia berichtet über das KlimaCamp08, das im August in Lurup stattfand. Neben allgemeinen Workshops zum Klimaschutz trafen sich dort natürlich auch die Verbände, die in Hamburg gegen das Kohlekraftwerk aktiv werden wollen. Kontrovers wird über die Teilnahme der Aktion diskutiert. Die Jugendlichen sind besorgt: Wie radikal wird der Protest gegen Moorburg? Ein friedlicher Protest ist ihnen wichtig. Der Kampf um den Schutz der Natur und Umwelt darf für sie nicht zum Volkssport oder zur Bühne für Krawallmacher werden. Gesche schreibt das Protokoll der Sitzung, das später jedem per eMail zugeschickt wird. Die Lehramtsstudentin für Musik und Technik ist mit 25 Jahren eine der ältesten in der Gruppe. Alter und Beruf spielen jedoch keine Rolle: Jeder wird aufgefordert, aktiv teilzunehmen. Martin und Thies fragen immer wieder nach Meinungen aus der Gruppe, sowie nach Freiwilligen, die die Verantwortung und Koordination einer Aktion übernehmen. »Ich mag die BUNDjugend, weil sie so schön basisdemokratisch ist«, betont Kimberley später zu recht. Darüber hinaus kann die Gruppe eine komplette Eigenverantwortlichkeit für sich reklamieren: Der BUND ist zwar der Träger des Hauses der BUNDten Natur und Katrin Mehrer ist Angestellte des BUND. Sie nimmt an den Sitzungen teil, aber entscheiden können die Jugendlichen jedoch selbst darüber, für welche Themen sie sich engagieren wollen.

Castor-Behälter zum Tee

Und die sind durchaus brisant: Passend zum folgenden Punkt auf der Agenda wird neben Keksen, Tee und Broschüren ein »Castor«-Behälter gereicht! »20 Brennelemente in sicherem Kleinsttransporter« steht auf der kleinen, knallgelben Schachtel. Ein unsicherer Blick hinein offenbart Streichhölzer. Manchmal muss es eben plakativ sein, so wie das Kondom mit dem Aufkleber: »Schützt euch, der Castor kommt!« Bittere Ironie, die zum Nachdenken zwingen soll: Gegen Atom-Müll muss man etwas tun. Thies erläutert kurz die Terminplanung. Eine Unterkunft haben die Umweltschützer sicher: Thies' Eltern wohnen in Gorleben. Er ist sozusagen persönlich betroffen. Und dann wiederum: Wer ist das nicht? Genau darum geht es ihnen: Die Menschen sollen sich bewusst werden, dass die Probleme der Welt jeden einzelnen etwas angehen.

Ihr starkes Sendungsbewusstsein ist mit jedem Satz hörbar. Kimberley hat den Haushalt ihrer Eltern entscheidend beeinflusst – vom Ökostrom über Energiesparlampen bis hin zum Lebensmitteleinkauf. Sie ist es auch, die zu Beginn des Abends das Licht in Flur und Büro ausschaltet, so lange sich dort keiner aufhält. Die häufig als Schimpfwort benutzte Floskel »Gutmensch« perlt an ihnen ab. »Mein Vater hält mich auch immer für einen 150-Prozent-Öko«, gibt Martin grinsend zu, »dabei ist er selbst beim BUND.« Thies wird nebenbei gerade Film-Star der BUNDjugend – und die Sitzung letztlich noch zum Filmset. In einer eigenproduzierten Mischung aus Image-Film und Satire zeichnet die Gruppe mit viel Selbstironie einen Tag im Leben eines BUNDjugendlichen nach und gibt zwischendurch praktische Tipps. Trotz Kritik an den Medien wissen sie diese Kanäle der Öffentlichkeit durchaus für ihre Aktionen zu nutzen, zuletzt mit einem Video auf der Internetplattform Youtube, indem sie sich selbst bei einer »Konsumtempelanbetung« filmten. Ein Reporter vom Deutschlandfunk will die Gruppe nun interviewen und die Szenen von damals möglichst noch einmal nachstellen lassen. Nur für die PR eine Aktion simulieren? Was ist denn die These seines Beitrags? In welchem Kontext steht er? Der Kollege vom Radio sollte sich gut vorbereiten auf eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Basisdemokratie kann mühsam sein – es wird spät. Doch es geht schließlich um ernste Themen. Gesche fasst ihre Lebenseinstellung für die Gruppe zusammen: »Wir müssen so leben, dass auch die nächsten Generationen auf dieser Erde leben können!« Wahre, aber sehr ernste Worte zum Abschluss. »Naja, aber ich bin auch hier, weil ich euch alle lieb habe«, ergänzt sie schnell. Das fröhlich-zustimmende Gelächter ist selbst draußen im Garten noch zu hören, wo die Pflanzen des Parks plötzlich viel präsenter erscheinen – trotz der Dunkelheit. Schließlich doch ein versöhnlicher Abschluss: Warum sollten Weltretter nicht auch gute Freunde sein?


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Info: BUNDjugend Hamburg

Haus der BUNDten Natur | Loehrsweg 13 | 20249 Hamburg | T. (040) 460 34 32 | www.bundjugend-hamburg.de

Landesgeschäftsstelle BUND Hamburg | Lange Reihe 29 | 20099 Hamburg | T. (040) 600 387 0

Video zur Konsumtempelanbetung: https://www.youtube.com/watch?v=cW25Ec0ZaHg

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