Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 1-2009, Rubrik Nachrichten

Ein Angebot gegen Rechts

Das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus

Beinahe jeden Tag erscheint in einer der Hamburger Tageszeitungen eine Meldung über Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund. Das Thema ist in der Öffentlichkeit ein Dauerbrenner. Glücklicherweise gibt es in Hamburg zugleich eine starke Zivilgesellschaft, die sich gegen Rechtsextremismus wehrt, angefangen bei Antifagruppen über ad-hoc-Initiativen bis hin zu breiten Bündnissen, in denen Vertreter/innen der Kirchen, der Gewerkschaften und der Jugendverbände beteiligt sind. Auch Hamburger Behörden bekämpfen seit Jahren das rechtsextreme Unwesen. Ist unsere Stadt also gut aufgestellt? Immerhin gelang es den neuen Nazis bisher nicht, an die Jugendkultur anzudocken oder auf andere Weise nennenswerte Sympathien in der Bevölkerung hervorzurufen. Seit Jahren stagniert die Zahl der aktiven Rechtsextremist/innen in Hamburg.

Auf der anderen Seite leben mit Jürgen Rieger, Christian Worch und Thomas Wulff drei führende Köpfe der deutschen Neonazi-Szene in Hamburg, die für eine äußerst aggressive Variante dieser Ideologie eintreten und – zumindest im Falle Jürgen Riegers – die hiesige NPD anführen. Daneben stammt das »Aktionsbüro Norddeutschland« ebenfalls aus Hamburg, das in der Vernetzung und Organisierung der gewaltbereiten, sogenannten »Freien Kameradschaften« die zentrale Rolle einnimmt. Es liegt also auf der Hand, dass auch in Hamburg noch einiges gegen Rechtsextremismus getan werden muss.

Die Freie und Hansestadt Hamburg nimmt deshalb seit Beginn letzten Jahres an dem Bundesprogramm »kompetent. Für Demokratie« teil, das unter der Federführung des Bundesministeriums für Familie, Soziales, Frauen und Jugend steht. In Hamburg ist für die Umsetzung das Amt für Familie in der Behörde für Familie, Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz zuständig.

Was ist seither geschehen? Zunächst wurde ein Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus gegründet, in dem rund 40 Vertreter/innen aus Behörden und Nichtregierungsorganisationen – darunter auch der Landesjugendring Hamburg – sitzen. Mit der Landeskoordinierung wurde die Johann Daniel-Lawaetz-Stiftung beauftragt. Nach einer ersten Phase der Konsolidierung wurde Arbeit und Leben Hamburg e.V. und der DGB-Jugend Nord der Aufbau und die Koordination eines mobilen Beratungsteams übertragen. Seit Dezember 2008 ist nun die Koordination des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus in Hamburg voll arbeitsfähig.

Und was macht dieses Team?
Das Mobile Beratungsteam Hamburg bietet kurzfristig, unbürokratisch und kostenlos Unterstützung gegen Rechtsextremismus. Denn viele Menschen wollen etwas gegen die Aktivitäten Rechtsextremer unternehmen, wissen aber oft nicht wie. An das Mobile Beratungsteam Hamburg können sich somit Bürgerinnen und Bürger, Gruppen und Organisationen wenden, wenn sie mit Vorfällen konfrontiert sind, die einen rassistischen, rechtsextremen oder antisemitischen Hintergrund haben.

Unter der Telefonnummer (040) 428 633 625 (oder per Mail an bnw-hamburg@lawaetz.de) werden die Hinweise und Anfragen entgegengenommen. Wichtig: Es handelt sich um eine tagsüber erreichbare Erstkontaktstelle und nicht um ein Notfalltelefon. Wer sich akut in Not befindet, sollte deshalb die 110 wählen.

Selbstverständlich werden die Angaben vertraulich und auf Wunsch auch anonym behandelt. Ein Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams Hamburg wird Kontakt mit dem/der Anrufer/in aufnehmen und eine ausführliche Erstberatung anbieten. Bei Bedarf kommt ein Beratungsteam hinzu, dem Fachleute mit unterschiedlichen Kompetenzen angehören. Das Mobile Beratungsteam Hamburg arbeitet dabei mit nicht-staatlichen Organisationen und mit Behörden zusammen, die sich im Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus zusammengeschlossen haben, gegebenenfalls auch mit zusätzlichen Akteuren.

Ein Beispiel: In einer Gruppe des Jugendverbandes XY ist die Jugendleiterin immer wieder mit rechten Sprüchen der Jugendlichen konfrontiert. Sie weiß nicht, wie sie sich in solchen Situationen verhalten soll, ist sich aber sicher, dass sie die Sprüche so nicht stehen lassen kann. Nachdem ihr in der Ortsgruppe und auch im Jugendverband selbst keiner helfen kann, wählt sie eines späten Abends die T. 428 633 625 und hinterlässt auf dem Anrufbeantworter ihre Emailadresse. Am nächsten Tag bekommt sie die Antwort des Mobilen Beratungsteams. Nach einem ersten Telefonat trifft man sich für anderthalb Stunden in ihren Jugendräumen. Der Berater hört sich aufmerksam ihr Problem an. Dann entwickeln sie gemeinsam das Ziel – nämlich dafür zu sorgen, dass den Jugendlichen klar wird, wie daneben ihre Sprüche sind. Im nächsten Schritt wird ausgelotet, was das Mobile Beratungsteam übernimmt und was die Jugendleiterin selbst beisteuern kann. Heraus kommt eine Tagesveranstaltung für die Jugendgruppe, gestaltet von einem Profi aus der Jugendbildung und in Kooperation mit dem Jugendverband XY, in dem es um die Sensibilisierung gegenüber Rassismus, Ausgrenzung und Chauvinismus geht. Nebenbei bekommt die Jugendleiterin die Möglichkeit, mit einem Sprechbaukasten ihre spontanen Reaktionen auf rechte Sprüche zu trainieren. Nach einem halben Jahr trifft sie sich wieder mit einem Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams, um festzuhalten, was sich verbessert hat – und was man ggf. noch machen könnte.

Eine Grundlage für die Arbeit des Mobilen Beratungsteams ist in jedem Fall, dass den Ratsuchenden keine Lösung übergestülpt wird. Sie selbst sind es nämlich, die am besten wissen, was vor Ort angemessen ist.
Das Mobile Beratungsteam Hamburg bietet außerdem einen Überblick über die unterschiedlichen Arbeitshilfen und Broschüren zum Thema »Rechtsextremismus« und entwickelt bei Bedarf eigenes Material. Zudem möchte das Mobile Beratungsteam zur Vernetzung und Kooperation der unterschiedlichen Akteure beitragen, die sich mit den Themen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus beschäftigen. Auch zur allgemeinen Information oder für Veranstaltungen kann das Mobile Beratungsteam angesprochen werden.

Ausblick
Es ist nun erst ein paar Wochen her, dass die Arbeit des Mobilen Beratungsteams Hamburg begonnen hat. Die Hoffnung, dass es in Hamburg für eine derartige Stelle keinen Handlungsbedarf gibt, hat sich als unbegründet erwiesen: schon im Januar gab es die ersten Anfragen mit einem intensiveren Beratungsbedarf, in fünf weiteren Fällen hat das Mobile Beratungsteam seine Unterstützung aus Eigeninitiative angeboten. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil die Öffentlichkeitsarbeit, die für das Projekt werben soll, gerade erst begonnen hat: Ein erster Flyer wird wahrscheinlich Anfang März veröffentlicht.

Es ist also davon auszugehen, dass es in den kommenden Monaten eine steigende Nachfrage nach Beratung geben wird – zumal uns im Juni die Europawahlen und im September
die Bundestagswahlen bevorstehen, die mit Sicherheit von Rechtsextremen für ihre verstärkte Propaganda missbraucht werden.
Und zu hoffen ist schließlich, dass es gelingen wird, dem Rechtsextremismus in Hamburg auch in Zukunft keine Chance zu geben.

Wolfgang Nacken, Mobiles Beratungsteam Hamburg

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Info

Das Mobile Beratungsteam Hamburg gegen Rechtsextremismus
bietet unbürokratische und kostenlose Unterstützung rund um das Thema Rechtsextremismus.


Zu erreichen ist das Mobile Beratungsteam Hamburg unter T.: (040) 428 633 625 oder per Mail: bnw-hamburg@lawaetz.de
Wichtig: bei akuten Notfällen bitte die Notrufnummer 110 wählen.