Heft 1-2009 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Die Europa-Netzwerker

Serie WirkungsStätten: Die Jungen Europäischen Föderalisten bauen an einem geeinten Europa

von Christian Kahlstorff, Hamburg

Europa ist eine Baustelle. Sogar an diesem Samstag wird fleißig gearbeitet. Die Bauarbeiter haben eine komplette Seite der Rudolf-Roß-Gesamtschule in Beschlag genommen. Die sogenannte Europa-Schule wird zur Zeit saniert. Doch Baulärm und gutes Wetter müssen gemeinsam draußen bei den Handwerkern bleiben – die wahre Arbeit für Europa findet drinnen statt: Mit ein wenig Verspätung eröffnet Lars Becker (31 Jahre) das Treffen von neun jungen Leuten, die offenbar nichts gegen einen Schulbesuch am Wochenende haben. Lars ist der Landesvorsitzende der Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) und hat Vertreter verschiedener Jugendorganisationen für ein Ziel zusammen gebracht, für das sich die JEF seit über 50 Jahren engagiert: ein gemeinsames Europa. Fast alle sind gekommen – fast.

Unabhängig, nicht unpolitisch

»Wer ist mal wieder nicht da? Die Jusos!«, frotzelt Katharina Wolff. Die 25-jährige Jura-Studentin von der Jungen Union grinst. Böse gemeint ist das nicht, aber einen Seitenhieb kann sie sich nicht verkneifen. Die Vertreter des Jusos werden trotz ihrer Abwesenheit in alle Planungen integriert. Hier zeigt sich auch das Credo der JEF: unabhängig, aber nicht unpolitisch! Viele Mitglieder der JEF haben auch ein Parteibuch, manche sind in Doppelfunktionen unterwegs. Doch ob Jusos, Junge Union oder Junge Liberale – das Engagement für die Wahlkampagne ist allen gemein.

Die neun Vertreter der Jungen Union, Jungen Liberalen und des Studentenbundes AEGEE haben sich versammelt, um eine Kampagne zur Europawahl am 7. Juni 2009 zu erarbeiten. Lars hat als Moderator alle Hände voll zu tun, um die Vorschläge aufzunehmen. Und die sind nicht bescheiden: Warum nicht ein Konzert auf dem Spielbudenplatz? Hier zeigt sich eine der Stärken der JEF: ihr Netzwerk. Auch wenn sie kein JEF-Mitglied ist, aber Katharina kann einen Kontakt zu Corny Littmann herstellen. Die Kiezgröße ist an der Betreibergemeinschaft, die den Platz verwaltet, beteiligt. Bandnamen machen die Runde. Auch alberne Ideen (»Europa sucht den Superstar« als Slogan) werden von Lars auf eine Ideen-Tafel aufgenommen. Ob dieses so genannte »Mind-Mapping« aus seinem Beruf kommt – Lars ist selbstständiger Software-Entwickler – ist nicht klar, doch seine mehr als zehnjährige Tätigkeit in Jugendverbänden haben ihn zu einem rhetorisch geschickten Moderator gemacht. Betont konstruktiv bindet er alle in das Gespräch ein, vermittelt und fasst zusammen. Lars ist engagiert, seine Hände sind Kommunikationsmittel. Auch wenn es vermutlich Zufall ist, dass der Bewegungssensor für das Flurlicht vor der offenen Tür des Besprechungsraumes praktisch keine Pause bekommt, so ist es dennoch ein schöner Ausdruck des unermüdlichen Einsatzes für seine Ideen. Sein gestenreicher Vorschlag, nun in Dreier-Gruppen die gesammelten Ideen weiterzuentwickeln, wird dennoch abgelehnt. Demokratie bedeutet eben auch, dass man nicht immer kriegt, was man vorschlägt. Trotzdem bekommen die Hände keine Pause: Gemeinsam werden die Zahl der Stände, die Aktionen und die Teilnehmer besprochen. Mitmach-Aktionen sollen die Zuschauer einbinden, gleichzeitig wollen und sollen die Politiker der verschiedenen Parteien ihre Wahlkampf-Botschaft an den jungen Menschen bringen. Dafür sollen sie auf der Bühne körperlichen Einsatz zeigen. »Die sollen ruhig ein wenig ins Schwitzen kommen«, wirft Katharina ein, »Hauptsache ist doch, dass die Leute zugucken und nachher zur Wahl gehen.« Das Hauptziel der Veranstaltung ist, die Teilnahmebereitschaft für die Europawahl zu wecken. Und die bedarf dringend einer Euphorie-Spritze.

Schritt für Schritt in Richtung Europa
Bei der letzten Europawahl 2004 lag die Wahlbeteiligung bei ca. 35 Prozent – bei jungen Wählern sogar nur bei 26. Das ist nur jeder vierte Wahlberechtigte. Junge Menschen nehmen die Vorzüge eines vereinten Europas schon als selbstverständlich hin: Reisen ins europäische Ausland sind heute so leicht wie ein Ausflug ins nächste Bundesland. Schüler und Studenten verbringen regelmäßig Aufenthalte in fast allen Ländern der EU. Passkontrollen und Geldwechsel gehören fast überall der Vergangenheit an. Warum muss man junge Menschen für Europa begeistern? Lars Becker formuliert das konstruktiv: »Die Begeisterung für Europa ist da, nur nicht für die Politik.« Doch kann eine Organisation mit einem reichlich intellektuellen Titel wie die JEF junge Menschen für Politik gewinnen? Lars wird konkreter: »Programme wie Erasmus oder Leonardo, die Stu–denten oder Arbeitnehmern Auslandserfah-
rungen ermöglichen, sind beliebt; auch die Auslandskrankenversicherung möchte wohl keiner missen.« Die Finger seiner Hände verketten ineinander: »Wir versuchen den Transfer vom gelebten Europa zum politischen Europa zu leisten. Wir wollen vermitteln, dass allen diesen Errungenschaften ein langer politischer Prozess vorausgegangen ist.« Welchen Namen die Organisation trägt, ist dabei zwar nicht unwichtig, doch eine 50-jährige Geschichte kann man eben nicht so einfach zurücklassen. Das Netzwerk an ehemaligen Mitgliedern ist eine der großen Stärken der JEF.

Die JEF wurde 1949 unter dem Namen Bund Europäischer Jugend (BEJ) gegründet. 1957 taufte sich der Verband in seinen heutigen Namen um. Das Ziel und die Gründungsideale waren so einfach wie gewaltig: Friedenssicherung in Europa. Und dafür waren den Mitgliedern radikale Aktionen als Mittel durchaus recht. 1950 wurden beim »Sturm auf die Schlagbäume« Grenzpfähle abgesägt und demonstrativ verbrannt. Man wollte einen europäischen Bundesstaat gründen. Lars Beckers Hände wiegeln ein wenig ab: »Natürlich sind wir heute nicht mehr so radikal. Wir machen mehr politische Bildung.« Das Ziel – ein friedliches Europa für alle Bürger – hat sich nicht verändert.

Beim Finanzplan kommen die Ähs und Ähms
Zurück zur Planung des Musik-Festivals. Neben dem Ablauf denken die JEF'ler auch an die Finanzen. Erst bei den Fragen des Etats kommt Lars ein wenig ins Stocken. Die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) Landesverband Hamburg e. V. werden durch die Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz (BSG), Amt für Familie, Jugend und Sozialordnung (FS), als anerkannter Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe gefördert. Doch das Budget des Festivals ist mit rund 15.000 Euro größer als die gesamte Grundförderung der JEF. Deshalb ist eine Beteiligung von privaten Geldgebern, Beiträgen der Partnerorganisationen und des Komissionsprogrammes »Jugend für Europa« erforderlich. »Ohne massives Fundraising wäre eine solche Veranstaltung nicht zu finanzieren. Und auch wenn wir optimistisch sind, alles hinzukriegen, ist die Finanzierung noch nicht restlos gesichert,« gibt Lars zu bedenken.

Auch Lina Ohltmann ist Mitglied der JEF. Die 21-jährige studiert in London »European Studies« und ist nicht nur damit ein Paradebeispiel für ein JEF-Mitglied. »Ich finde Europa toll«, erklärt Lina ihr Engagement und ergänzt, »ich kann mich aber noch nicht für eine Partei entscheiden.« Zur Zeit ist die geborene Hamburgerin zurück in ihrer Heimat für ein Praxis-Semester. Zudem ist sie frisch in den Vorstand der JEF-Hamburg gewählt worden. Passt das Auslandsstudium zur Tätigkeit bei den JEF? »Dann kann sie aus London unsere Kontakte dorthin stärken«, sieht Lars die Sache positiv. Ein Netzwerker denkt eben in die Zukunft.

Die Kampagne zur Wahl ist natürlich nicht die einzige Aktion der JEF – im Gegenteil. Solche einmaligen Aktionen bilden eher die Ausnahme. Zur Zeit gibt es drei Arbeitskreise, die sich zum Beispiel mit dem Schwerpunkt Ostsee-Anrainerstaaten oder dem sogenannten Europamarkt beschäftigen. In der Rudolf-Roß-Gesamtschule profitieren JEF und Schule seit nunmehr acht Jahren voneinander. Selbstverständlich ist die Nutzung der Räumlichkeiten allerdings nicht. Lars hofft weiterhin auf eine fruchtbare Zusammenarbeit und verweist auf die Erfolge: Gemeinsam hat man einen Flur zum Europa-Flur umgetauft, dessen Gestaltung Schüler und JEF'ler mit bunten Farben und Infotafeln übernommen haben. Der Titel Europaschule und die Anwesenheit der JEF passen hervorragend zusammen. Und die JEF ist dankbar für die freie Nutzung der Infrastruktur. So kann der monatliche Treff »Euroschnack« an jedem letzten Dienstag im Monat auch in der Schule stattfinden. Dort gibt es einen Billard-Raum und auch eine große Küche, in der schon der Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin, natürlich auch ein JEF-Mitglied, am polnischen Länderabend Anekdoten aus seinem Alltag zum Besten gab. Zu anderen Gelegenheiten gehen die Jugendlichen auch schon einmal zusammen ins politische Kabarett.

Zur Zeit hat die JEF etwa 100 Mitglieder, von denen 20 intensiv in die Arbeit eingebunden sind. Damit ist der Verband in Hamburg relativ klein. Bundesweit gibt es 2.500 Mitglieder unter 27 Jahren (insgesamt 4.000). Neugierige sind jederzeit willkommen. Das jährliche Einstiegsseminar vom Bundesverband ist dabei nur ein Weg, den Kontakt mit den JEF zu suchen. Leichter geht es durch den Euroschnack oder durch Wochenendseminare des Hamburger Verbandes. »In der Europawoche planen wir ein großes Tagesseminar im Rahmen eines ›Debate Europe‹-Projektes«, weiß Lars zu berichten. Dazu sollen möglichst junge Europapolitiker gewonnen werden, die den Teilnehmern hautnah von ihrem Beruf und ihrem Alltag erzählen können. Noch stehen die Termine nicht.
Und heute kann nicht alles geklärt werden. Die Bauarbeiter am Gebäude haben inzwischen Feierabend; und auch Bewegungssensoren für das Flurlicht der Schule bekommen von Lars' Händen eine Pause. Europa dagegen ist noch lange nicht fertig. Die Jugendlichen gehen noch ins nächste Café – Ideen weiterspinnen, oder vielleicht einfach nur zusammen einen Kaffee trinken. Interessante Menschen treffen und sich mit ihnen austauschen ist bei den JEF ein wichtiges Motiv. Lars formuliert es einfacher: »Leute in ganz Europa zu kennen, hat praktische Vorteile!« Am 7. Juni könnte sich zeigen, ob mehr junge Leute diese Vorteile zu schätzen wissen und Wählen gehen. Als JEF-Vorstand ist Lars zuversichtlich – die wohl wichtigste Fähigkeit, die Europa braucht: Vorstellungskraft für die Zukunft.


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Junge Europäische Föderalisten | Adolphsplatz 1 |  20457 Hamburg | info@jef-hamburg.de | www.jef-hamburg.de

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