Heft 2-2010 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Handfeste Träumer

Serie WirkungsStätten: Der Stamm Amarganth vom Pfadfinder & Pfadfinderinnen Bund Nord baut sich ein Haus

Von Christian Kahlstorff, Hamburg

Weit draußen gibt es eine Stadt. Silbern glänzt sie in der Ferne. Amarganth, die Stadt der Sänger und Geschichtenerzähler. Für Erwachsene ist diese Stadt fast unerreichbar, denn sie liegt im Reich der Fantasie von Jugendlichen und Kindern. Amarganth ist das Symbol eines gleichnamigen Stammes des Pfadfinder & Pfadfinderinnen Bundes Nord (PBN). Erdacht hat die Stadt Michael Ende in seiner »Unendlichen Geschichte«. Vor 27 Jahren wählten Pfadfinder diesen Namen für ihren Stamm.

Wer sich einen Eindruck von Amarganth verschaffen möchte, nimmt am besten die U1 Richtung Meiendorf. Dort im Wichelnbusch entstand seit 2008 das Heim des Stammes Amarganth. Das Gelände lässt für Kinder und Jugendliche wenig Wünsche offen: Eine Feuerstelle, Zelte (»Kohten« und »Jurten« im Pfadfinder-Jargon), ein Haus ohne Tische, an denen man »gerade sitzen« müsste, jede Menge Platz zum Herumtollen und »Kindsein«. Überschreitet man die unsichtbare Grenze zum Grundstück, betritt man nicht nur das Gelände eines Jugendverbands mit Tradition und Geschichte, sondern auch ein Reich, in dem Jugendliche und Kinder gemeinsam lernen, erwachsen zu werden. Erwachsene schauen höchstens einmal zu Besuch vorbei. In der Tradition der Jugendbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts nannte man das ein »autonomes Jugendreich«.

Wer nun an sinnlose Tagträumereien denkt, liegt indes grundfalsch. Die Pfadfinder/-innen bringen ihren Mitgliedern die Natur und praktische, handfeste Fertigkeiten bei. Und der Stamm Amarganth wohnt mitten im Beweis dafür: Das zweistöckige Holzhaus in Volksdorf hat der Stamm selbst gebaut! Eine Leistung, auf die Thomas »Holzi« Jaschke (22), Leiter des Stammes Amarganth, zurecht stolz ist: »Ganze drei Tage hatten wir Unterstützung eines Richtmeisters für den Hausbau. Den Rest haben wir alleine gemacht.«

Heimatlos. Ganz aus dem Nichts kommt so ein großes und teures Projekt natürlich nicht. Im Oktober 2006 wurde dem Stamm sein ehemaliges Domizil in einem Gebäude von »Pflegen und Wohnen« zu Mitte 2007 gekündigt. Sofort begannen die Mitglieder mit einer intensiven Suche nach einer neuen Bleibe. »Einige sind sogar mit Fahrrädern durch Volksdorf gefahren und haben nach geeigneten oder leer stehenden Häusern gesucht«, schildert Holzi das Teamwork. Alle Freunde, Bekannte oder Ehemalige wurden aktiviert. Ohne Erfolg. Dann die zündende Idee: Auf dem Gelände am Wichelnbusch, das der PBN seit Jahren als Sommer-zelt- und Begegnungsstätte pachtet, war genug Platz. Ein Haus selbst bauen? Für Pfadfinder kein Problem – sondern eine Herausforderung!

Bei den Kalkulationen und Anträgen für die Planung half ein Ehemaliger, der inzwischen in der Immobilienbranche arbeitet. Knapp 120.000 Euro sollte das Holzhaus kosten, als Bausatz zum Selbstbauen. Die Sippenführer und Leiter wandten sich an die Stadt, den Bezirk, an Spender – und alle halfen. Holzi lobt die Unterstützer ausdrücklich: »Wir haben sehr früh Gespräche mit der Stadt geführt und schnell positive Signale bekommen.« Das Landesjugendamt stellte schließlich 85.500 Euro zur Verfügung, der Bezirk Wandsbek noch einmal 17.450 Euro. Der Rest wurde durch Spenden oder eigene Geldmittel aufgebracht. Im Sommer 2008 wurde der Grundstein gelegt. Der Stamm versenkte sogar eine Zeitkapsel im Fundament mit aktuellen Dingen und natürlich dem Stammesnamen aus der »Unendlichen Geschichte«.

Hausbau in den Sommerferien. Unendlich. Das ist eine sehr lange Zeit. So lange wollte man natürlich nicht an dem Haus bauen. In den Sommerferien hatten alle Stammesmitglieder Zeit. Ehemalige, die inzwischen Zimmermänner oder Tischler waren, halfen den Jugendlichen, wo sie konnten. Alles ging gut, sehr gut. »Das war viel Learning by Doing«, erinnert sich Holzi und ergänzt: »Wir sind sehr glücklich, dass alles so gut geklappt hat und sich wirklich keiner verletzt hat.« Bereits nach drei Wochen, Mitte August 2008, luden die Pfadfinder und Pfadfinderinnen ihre Sippen zum Bergfestgrillen ein. Ihr neues Vereinshaus stand – Wände, Decken, Dach. Nur der Innenausbau fehlte noch. Holzi erinnert sich: »Da dachten wir schon: Gut, noch weitere drei Wochen, dann sind wir fertig.« Doch mit den Sommerferien ging auch die Zeit der schnellen Fortschritte vorbei. »Einige hatten uns noch gewarnt, dass der Innenausbau viel länger dauern würde.« Sie sollten recht behalten. Zwei Jahre dauerte der Innenausbau. Schlechte Stimmung kam trotzdem nicht auf. »Wir hatten immer ein gutes Gefühl.« Ein Jugendverband, der Kinder und Jugendliche zu derart ausdauerndem Einsatz motiviert, macht offensichtlich vieles richtig.

Der Erfolg beim Hausbau spricht dafür. Es entstand ein neues, tolles Zuhause – allerdings ohne fließend Wasser oder Strom. »Die Abwasserleitung wäre sehr kompliziert geworden, da das Haus so weit abliegt«, erklärt Holzi, gibt aber zu: »Wir haben momentan noch Baustrom auf dem Grundstück. Bauarbeiten wären sonst nicht möglich.« Für das Wasser fanden die Pfadfinder eine Lösung ganz im Sinne ihres Verbands: einen Gartenbrunnen! Ganz alleine konnten sie den aber leider nicht bauen. Doch mit Unterstützung geologischer Gutachten und einem Spezialbohrer, der das handtellergroße Rohr in den Boden bohrte, hat das Grundstück zumindest Nutzwasser. Die Biokomposttoilette braucht das Wasser nicht. Sie erfüllt den umweltverträglichen Ansatz der Pfadfinder.

Hereinspaziert. Erst vor Kurzem, am 12. Juni 2010, feierten die Jugendlichen endlich Eröffnung. Benutzen konnten sie das Haus schon länger, doch jetzt sollte offiziell Bauschluss sein. »Wir freuen uns sehr. Doch ebenso froh sind wir, dass wir jetzt wieder andere Aktivitäten verstärken können«, resümierte Holzi stolz in seiner Rede zur Eröffnung. Die Gäste kamen zahlreich: Vertreter der Stadt, des Bezirks, Bekannte, Freunde, Ehemalige und die 64 aktiven Mitglieder des Stammes Amarganth. Sie alle bestaunten ein professionell gebautes Heim von Jugendlichen für Jugendliche. Vergleiche mit Bullerbü oder anderen Fantasie-Orten für Kinder drängten sich nicht nur den Erwachsenen auf. Auch der Stamm selbst sieht in dem Haus ein kleines Stück Amarganth in der realen Welt angekommen. Das Haus soll, wie die Bibliothek der Stadt in Michael Endes Buch, mit Geschichten gefüllt werden. Ein kleiner Auszug aus der »Unendlichen Geschichte« hängt neben dem Eingang.

Unter den Stolz auf die eigene Leistung mischte sich auch Bewunderung der Erwachsenen. Neben der Bachelor-Arbeit für das Studium der Elektrotechnik noch diesen Hausbau zu planen, zu organisieren und durchzuführen und dann noch eine souveräne Rede zur Einweihung zu halten, mache sie schon stolz auf Holzi, erzählte seine Mutter und erntete Zustimmung von allen Erwachsenen. Zu diesen gehört Holzi mit seinen 22 Jahren natürlich auch – zumal nach Pfadfinder-Maßstäben. Ob er sich auch als Erwachsener weiterhin bei den Pfadfindern engagieren will? »Nein, es wird Zeit, die Jüngeren ranzulassen. Das ist Ehrensache.« Getreu dem alten Motto der Jugendbewegung: »Jugend führt Jugend«. Und diese Jugendlichen und Kinder vom Stamm Amarganth blieben noch bis in die Nacht bei ihrer Einweihungsfeier – als fast alle Erwachsenen längst zu Hause waren. Aber nach so viel handfester Arbeit haben sich die Pfadfinder und Pfadfinderinnen ein wenig Träumerei redlich verdient.


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Pfadfinder & Pfadfinderinnenbund Nord (PBN)
Stamm Amarganth | Haus Wichelnbusch | Wichelnbusch 3 | 22359 Hamburg | http://pbn-hamburg.de/wp/staemme/amarganth 
PBN-Geschäftsstelle: Alsterdorfer Straße 575 | 22335 Hamburg
Infos: 15 Stämme sind in Hamburg aktiv; Näheres unter www.pbn.de

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