Heft 4-2010 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Ottensen ade?

Serie WirkungsStätten: Der Deutsche Pfadfinderbund Hamburg (DPBH) und der Pfadfinder & Pfadfinderinnenbund Nordlicht widersetzen sich

von Christian Pohl, Hamburg

Die Räume im zweiten Stock des Hauses in der Ottenser Hauptstraße 38 nutzen zwei Pfadfinderbünde für ihre Gruppenstunden: der Deutsche Pfadfinderbund Hamburg (DPBH) und der Pfadfinder & Pfadfinderinnenbund Nordlicht (PBNL). Beide Bünde sind anerkannte Träger der freien Jugendhilfe und konfessionell wie politisch unabhängig. Sie sind beide Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Pfadfinderverbände (AHP). Jeweils ein Mädchen- und ein Jungenstamm aus jedem der beiden Bünde hat hier sein »Heim«. Insgesamt kommen jede Woche 100 bis 150 Kinder hierher. Die Arbeit vor Ort wird ausschließlich von Ehrenamtlichen gestaltet.

Toben in Ottensen.
Auf mehr als 300 Quadratmetern stehen den Pfadfindern ein großer Saal, zwei weitere Gruppenräume, ein Toberaum, eine Küche und sanitäre Anlagen zur Verfügung. Ein weiterer Raum und eine weitere Küche werden von einer Schülergruppe genutzt. »Vor allem der Toberaum ist toll«, sagt Hannah Borkowski, »den benutzen die Kleinen gerne.« Die 15-jährige Schülerin ist seit sechs Jahren Pfadfinderin und leitet seit kurzem eine Gruppe im »Nordlichter«-Stamm Caradrhas. In ihrer Gruppe von Acht- bis Zehnjährigen darf noch viel getobt und gespielt werden. Auch gebastelt und gekocht wird gerne. Wenn die Kinder älter sind, möchte Hannah ihnen beibringen, selbst Verantwortung zu übernehmen: »Das können am Anfang ganz kleine Dinge sein – wie das Schreiben eines Textes für die Stammeszeitung.« Verantwortung übernehmen ist ein wichtiges Element pfadfinderischer Arbeit.

Auch Benjamin Ehlers übernimmt Verantwortung. Der 23-Jährige ist seit 2004 Gruppenleiter im DPBH. Seit 2005 ist er Stammesführer im Stamm »Ambronen«. Aufgrund seines ehrenamtlichen Engagements gehörte der Physikstudent vor drei Jahren zu den zehn Stipendiaten des Landesjugendrings Hamburg. Benjamin schätzt an seiner ehrenamtlichen Arbeit vor allem die Vielfalt in seinem Stamm. »Ottensen ist einfach ein spezieller Stadtteil.« sagt er. Die Angebote der Pfadfinder nutzen hier Kinder aus sozial benachteiligten Familien ebenso wie Kinder aus Akademikerfamilien. Der Anteil der Mitglieder mit Migrationshintergrund liegt in beiden Bünden bei rund 25 Prozent. Benjamin hält das für selbstverständlich: »Ottensen ist ein Stadtteil, der bunt gemischt ist, das macht den Charme aus.«
Seit mehr als 30 Jahren gibt es Pfadfindergruppen in Ottensen. Zunächst gab es ein Pfadfinderheim in der Bahrenfelder Straße. Im Jahr 1983 erfolgte der Umzug in die Ottenser Hauptstraße. Damals war unter den Räumen der Pfadfinder noch ein Maschinenlager, heute ist dort eine Arztpraxis. »Ottensen hat sich mit der Zeit gewandelt.«, sagt Benjamin. Da das so ist, sind die Mieten in Ottensen auch deutlich angestiegen. Das wäre den Pfadfindern nun beinahe zum Verhängnis geworden. Fast wäre ihnen der sprichwörtliche Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Nur der Teppich soll raus? Rückblick auf den Januar dieses Jahres: Bei einem Routinebesuch des Gesundheitsamtes hat dieses den Zustand des Teppichs in den Räumlichkeiten bemängelt. Nach fast 20 Jahren pfadfinderischer Benutzung ist doch hier und da Abnutzung erkennbar, Flecken sind auch mit der Chemiekeule nicht mehr zu bekämpfen. Der Teppich soll raus. Für die Innenausstattung der Räumlichkeiten gibt es Instandhaltungsmittel des Bezirksamtes Altona. Dort beantragen die Pfadfinder einen neuen Teppich. Zunächst läuft alles glatt. Die Teppich-Firma kommt und nimmt Maß. Eigentlich ist alles klar: Die Firma muss nur noch Bescheid geben, wann der neue Teppich kommt. Doch nichts passiert. Wochenlang. Nach einiger Zeit ruft einer der ehrenamtlichen Hauswarte der Pfadfinder bei der Teppich-Firma an. Zu seinem Erstaunen erfährt er, dass der Auftrag storniert wurde. Die Pfadfinder sollen doch schließlich raus aus dem Gebäude. Für diese ist die Nachricht ein Schock.

Eine Nachfrage beim Bezirksamt ergibt, dass es tatsächlich derartige Pläne gebe. Man möge sich schon mal nach Alternativräumen umschauen. Vielleicht auch selbst etwas anmieten. Das Bezirksamt macht in der Folgezeit seinerseits Alternativvorschläge. Zunächst werden den Pfadfindern Räume des Mädchentreffs »Wilde Göre« am Fischmarkt angeboten. Andere Umgebung, anderes Milieu, andere Struktur, raus aus Ottensen. Die Räumlichkeiten sind deutlich kleiner, zudem ist die Raumaufteilung ungünstig. Mehr als eine Gruppe zurzeit kann sich dort nicht treffen. Die Absprachen zur Raumbelegung zwischen den vier Stämmen, die bisher aufgrund der vielen Räume in Ottensen gut funktionieren, drohen unmöglich zu werden. Viele Heimabende müssten auf ganz andere Zeiten verschoben werden. Ein weiteres Problem: Das Gebäude ist vom Bezirk nur noch für fünf Jahre angemietet. Benjamin: »Was nach diesen fünf Jahren passiert wäre, wären wir dort eingezogen, das weiß niemand.« Nicht auszuschließen, dass die Suche der Pfadfinder dann aufs Neue hätte losgehen müssen.

Raus aus Ottensen?
In der Struenseestraße, 300 Meter weiter, wird eine ehemalige Hausmeisterwohnung angeboten. Dort stehen ein Durchgangsraum und ein halbes Zimmer zur Verfügung. »Ein sehr halbherziger Vorschlag«, glaubt Benjamin. Auch Räume in der Alsenstraße am Bahnhof Holstenstraße werden angeboten, aber auch diese bieten nicht den nötigen Platz. Grundsätzlich können sich die Verbände auch vorstellen, sich aufzuteilen, »aber die angebotenen Räume wären auch für nur einen Verband zu klein gewesen«, sagt Benjamin. Zudem befürchten die Pfadfinder bei einem Umzug raus aus Ottensen einen drastischen Mitgliederrückgang. Hannah bestätigt diese Einschätzung: »Das Tolle an unserem Heim ist, dass es so zentral liegt. Ich glaube nicht, dass ein Umzug bei den Mitgliedern so gut ankommen würde.« Sie haben dafür einen guten Grund: Rund 90 Prozent ihrer Mitglieder wohnen maximal 500 Meter von ihrem Heim in der Ottenser Hauptstraße entfernt. Die meisten können ihre Gruppenstunde also ohne die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und ohne das Kreuzen von Hauptverkehrsstraßen aufsuchen. Bei allen angebotenen Alternativen wäre das nicht mehr der Fall.

Die Pfadfinder suchen den Kontakt zum Amt für Jugend. Gleichzeitig schalten sich der Landesjugendring und die AHP ein. Es gibt viele Briefwechsel. Letztendlich wenden sich die Pfadfinder an das beschlussfassende Gremium. Das ist in solchen Fällen der Jugendhilfeausschuss des Bezirks. Die Pfadfinder laden die Mitglieder zu sich in die Ottenser Hauptstraße ein, wo im September der Ausschuss tagt. Das Interesse der Ausschussmitglieder ist groß. Viele kommen besonders früh, um einen Live-Eindruck von der Pfadfinderarbeit vor Ort zu erhalten. Mit ihrer Präsentation können die Bünde punkten. Themen, die im aktuellen politischen Diskurs eine Rolle spielen, wie Integration und das Aufbrechen von Geschlechterrollen, sind seit jeher wichtige Säulen ihrer Arbeit. Im Laufe der Sitzung wird den Bünden auch von Bezirksseite Mut gemacht. Man sei an einer einvernehmlichen Lösung interessiert.

Probleme und positive Signale.
»Das große Problem ist, dass es keinen Nutzungsvertrag gibt.«, beklagt Benjamin. Die Räume werden vom Bezirk Altona angemietet und den Pfadfindergruppen zur Verfügung gestellt. Schriftlich festgehalten ist das nirgends. Die Pfadfinder haben im Laufe der Jahre viel Arbeit in die Räume gesteckt, bei Instandhaltungsmaßnahmen selbst mit Hand angelegt. Man wünscht sich einen Vertrag, der ruhig auch mit Pflichten einhergehen soll. Sie selbst haben Vorschläge zu Sparmöglichkeiten gemacht. So wollen sie die Reinigungs- und Hausmeistertätigkeiten, die bisher durch externe Kräfte erfolgen, in Zukunft selbst erledigen. Zudem könnten die Räume in den Vormittagsstunden an andere Einrichtungen weitervermietet werden. Die Pfadfinder gehen von einem Einsparpotenzial von fast 10.000 Euro im Jahr aus. Für Benjamin ist vor allem Planungssicherheit wichtig. »Es ist schon blöd, wenn man in Ottensen Mitglieder wirbt und dann kurze Zeit später umziehen muss.«

Inzwischen gibt es positive Signale: »Die Räumlichkeiten stehen den Pfadfindern zur weiteren Nutzung zur Verfügung.«, teilt Peter Weinem vom Bezirksamt Altona mit. Der Abschluss eines Nutzungsvertrages ist geplant und wird von der Hausverwaltung des Bezirksamtes vorbereitet. Die Angebote der Pfadfinder werden dabei eine Rolle spielen. Die Gruppen werden die Räume aber weiter kostenfrei nutzen können. Peter Weinem macht aber auch klar: »Wenn das Bezirksamt Altona alternative Räumlichkeiten findet, die kostengünstiger sind und den Anforderungen der Nutzer entsprechen, wird es erneut Gespräche mit den Nutzern geben müssen.« Die Dienststellen der Stadt Hamburg seien zu einer wirtschaftlichen Haushaltsführung verpflichtet. Insofern bleibe der Auftrag der Kostenreduzierung bestehen.

Vorerst können die Pfadfinder aber in ihren Räumen bleiben. Das sind gute Nachrichten für die Ehrenamtlichen vor Ort. Und auch ein anderes Problem scheint damit behoben: Ein neuer Teppich soll noch im Januar geliefert werden.


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Pfadfinder & Pfadfinderinnenbund Nordlicht
Ottenser Hauptstraße 38 | 22765 Hamburg
Stamm Caradhras (Mädchen) | Kontakt: Lisa Borkowski | Tel.: (0176) 63 10 47 22 | www.caradhras.pbnl.de
Stamm Ambronen (Jungen) | Kontakt: Torben Voß | Tel.: (0176) 50 08 72 25 | torben@pbnl.de | www.ambronen.de
PBNL-Geschäftsstelle: Postfach 50 05 02 | 22705 Hamburg | Tel.: (0800) 732 33 46 | info@pbnl.de | www.pbnl.de

Deutscher Pfadfinderbund Hamburg
Ottenser Hauptstraße 38 | 22765 Hamburg
Hag Eichhörnchen (Mädchen) | Kontakt: Birgit Wemhöner | Tel.: (040) 715 19 81 | wuschel8765@alice.de
Stamm Ambronen (Jungen) | Kontakt: Benjamin Ehlers | Tel.: (040) 61 69 79 | mail@dpbh.de | www.stammambronen.de
DPBH-Geschäftsstelle: Grünebergstraße 7 | 22763 Hamburg | Tel.: (040) 880 57 09 | info@dpbh.de | www.dpbh.de

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