Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 3+4-2025, Rubrik Titelthema

Wenn ein Jugendverband wächst … und keine neue Räume findet

Beispiel: Pfadfinder*innenbund Nord

Von Jasper Wittenburg, Pfadfinder*innenbund Nord

Der Pfadfinder*innenbund Nord (PBN) freut sich über einen starken Zulauf. Auf über 1.200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist er in den letzten Jahren gewachsen. Was gut ist, stößt auf Grenzen. Diese drohen den Jugendverband zu überfordern. Denn ohne ausreichende Heimkapazitäten kann verbandliche Jugendarbeit nicht gelingen. Der PBN braucht dringend weitere Räume. Doch wie gelingt der erfolgreiche Einsatz dafür?

Die Raumfrage ist für die meisten Jugendbände in Hamburg eine existentielle Frage. Schon der Wohnungsmarkt ist knapp und die Mieten steigen. Doch besonders prekär ist die Raumfrage für Jugendverbände. Sie sind auf geförderte oder kostenfrei gestellte Räume angewiesen. Ohne staatliche Hilfe kann nicht gelingen, wozu nach dem Sozialgesetzbuch der Staat selbst in der Pflicht steht. Im dortigen Paragraphen SGB 8 ist die Förderverpflichtung für Jugendverbände explizit verankert. Das gilt auch für die Förderung von Räumen, der Voraussetzung für gelingende Jugendverbandsarbeit. 

Beim PBN ist die Situation der Heime (so nennen Pfadfinder*innen ihre Häuser und Räume) sehr unterschiedlich: die Lage reicht von erfolgreich – mit staatlicher Hilfe – abgeschlossenen Sanierungsprojekten über chronisch überfüllte Heime bis hin zu der existenzbedrohenden Situation, dass ein Stamm gänzlich ohne eigenes Quartier dasteht. Beim Stamm Saliskiaron ist die Situation besonders akut, seit er im November sein Heim verloren hat. Der bisher vergebliche Kampf der Gruppenleiter*innen für ein neues Zuhause lässt erahnen, wie schwierig die Realisierung neuer Heime geworden ist.

Diese wichtigen, aber auch frustrierenden Erfahrungen zwingen den PBN, sich strategisch neu aufzustellen. Sie zeigen jedoch vor allem eines: Damit der PBN auch weiterhin niedrigschwellige Jugendarbeit leisten kann, muss die Raumfrage von der Stadt Hamburg beantwortet werden – und zwar durch die unbürokratische und kostenfreie Bereitstellung von öffentlichem Raum für Jugendverbände.

Die Bedeutung eigener Heime. Der Pfadfin-der*innenbund Nord ist ein ehrenamtlich organisierter Jugendverband, der über 1.200 Mitglieder im Alter von neun bis 25 Jahren nach dem Prinzip »Jugend leitet Jugend« vereint. In den einzelnen Stämmen (Ortsgruppen) treffen sich die Mitglieder für ihre Gruppenabende – zum gemeinsamen Basteln, Kochen, Singen und Werken. 

Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen tragen aber auch eine große Verantwortung für ihr eigenes Heim. Diese reicht vom alltäglichen Putzen und Aufräumen bis hin zu umfangreichen Renovierungsarbeiten, die größtenteils in Eigenregie erledigt werden. Die Alleinnutzung der mittlerweile elf Heime ist dabei weit mehr als eine Bequemlichkeit: Sie ist der pädagogische Grundstein der selbstorganisierten Jugendarbeit. Hier können sich junge Menschen frei entfalten, ohne ständige Aufsicht durch »Erwachsene«, und so aktiv lernen, Verantwortung zu übernehmen. Damit sind die Heime ein wichtiger Sozialisationsort neben Schule und Elternhaus.

Mitgliederwachstum. Die insgesamt 19 Stämme des PBN verteilen sich auf elf Heime in ganz Hamburg, wobei ein aktueller Schwerpunkt mit sechs Standorten im Bezirk Nord liegt. Ein entscheidender Faktor: Alle Heime oder Grundstücke befinden sich auf öffentlichem Grund. Einige Häuser sind angemietet, andere erbaute der Jugendverband selbst auf gepachteten Flächen. Dieses Modell ermöglichte in der Vergangenheit die langfristige und sinnvolle Nutzung teils außergewöhnlicher Objekte. 

Seit der Eröffnung des letzten Heimes im Niendorfer Gehege im Jahr 2014 ist der PBN um beachtliche 400 Mitglieder gewachsen. Diese Entwicklung ist ein großartiger Erfolg. Sie bezeugt nicht nur das Interesse vieler Kinder am PBN und dem Spaß an der Pfadfinderei, sondern auch die große Bereitschaft vieler Jugendlicher, eine eigene Gruppe ehrenamtlich zu leiten. Der anhaltende Zuwachs macht jedoch neue Heime zwingend erforderlich, zumal sich die Entwicklung zwischen den bestehenden Standorten sehr ungleich verteilt. Es ist an der Zeit, einen schlaglichtartigen Einblick in diese unterschiedlichen und teils prekären Situationen zu gewinnen.

Unterschiedliche Situationen. Das Tieloh, ein altes Bahngebäude an der Habichtstraße, dient als gemeinsames Heim für die Stämme Depheiro, Elysios und Thyreatis. Insgesamt nutzen wöchentlich 37 Gruppen diesen Standort für ihre Gruppenabende. Seit Jahren ist das Heim maßlos überfüllt, inzwischen wird neben den Gruppenräumen auch der Flur genutzt. An einigen Tagen ist das Tieloh so überbelegt, dass Gruppen draußen bleiben müssen, wofür ein Rotationsprinzip entwickelt wurde. Um die Situation zu entschärfen, ist vor zwei Jahren der Stamm Saliskiaron ausgezogen, um sich in Lokstedt niederzulassen. Doch die Situation ist erneut untragbar: Nun plant auch der Stamm Depheiro auszuziehen. »Das Tieloh war für unseren Stamm lange Zeit ein schönes Zuhause«, so Gruppenleiterin Mascha »Faivel« Krieg, »doch leidet mittlerweile unsere Jugendarbeit unter dem Platzmangel. Im Winter und bei Regen können wir nicht nach draußen ausweichen, deshalb sind wir umso motivierter, ein neues Heim in Wandsbek zu suchen.« In enger Absprache mit Gruppenleiter*innen aus der Strandperle, einem ebenfalls überfüllten Heim in Ohlsdorf, beginnen sie nun ihren Einsatz für ein neues Heim.

( Das neue Dach der “Alten Wache” )

Ein positives Beispiel stellt die »Alte Wache« am Bahnhof Ohlsdorf dar, das Heim der Stämme Minas Tirith und Eldunari. Die ehemalige Polizeiwache wird bereits seit 1977 von den Pfadfindern genutzt, weshalb umfassende Sanierungsarbeiten dringend notwendig waren. Diese wurden letztes Jahr mit Förderung der Sozialbehörde durchgeführt; unter anderem erhielt das Haus ein neues Dach. Die Sanierung verlief dank der Zusammenarbeit mit Fachfirmen und viel Eigenarbeit reibungslos, wobei die Jugendarbeit fortgesetzt werden konnte – ein voller Erfolg. Gruppenleiter Jan »Poča« Eckmann, der sehr engagiert bei der Sanierung dabei war, zieht folgendes Fazit: »Man kann also sagen, dass die umfassende Sanierung nicht nur das Haus überholt und aufgewertet hat, sondern auch einen großen Schwung neuer Motivation für viele weitere Jahre ehrenamtliche Jugendarbeit mitgebracht hat.«

( Fotos © PBN )

In Harburg hingegen wurden umfassende Reparaturarbeiten am Heim der Stämme Orion und Pleione zu einer echten Belastungsprobe für die Jugendarbeit. Ausgelöst durch einen Wasserrohrbruch im Jahr 2021, war eine Kernsanierung des Heimes notwendig geworden. Alte Dämmung und Böden mussten mit tatkräftiger Hilfe von Eltern und Ehemaligen herausgerissen werden, bevor der Neuaufbau beginnen konnte. Vieles – das Verlegen von Böden, das Ziehen von Wänden und die Installation von Leitungen – wurde in Eigenarbeit und mit Förderung der Sozialbehörde gestemmt. Ein herber Rückschlag erfolgte Ostern 2023 durch einen Einbruch, bei dem Werkzeug gestohlen und Eingangstür sowie Fenster beschädigt wurden, was das Projekt zusätzlich in die Länge zog. Dennoch konnten die beiden Stämme Ende September die erfolgreiche Fertigstellung ihres Heimes mit einem Sommerfest feiern und dem restlichen Verband das geschaffte Werk präsentieren.

Der Stamm Saliskiaron sieht sich aktuell mit einer äußerst schwierigen Situation konfrontiert. Nachdem die Gruppen 2022 zur Entlastung des Tielohs in ein Übergangsheim am Siemersplatz gezogen waren, mussten sie dieses Ende Oktober erneut verlassen. Die Mitglieder sind nun stark über ganz Hamburg verstreut und müssen auf individuelle Notlösungen in Privaträumen oder bereits überfüllten Heimen anderer Stämme ausweichen. Für den Stamm, der seinen zentralen Raum für gemeinsame Treffen verloren hat, beginnt damit eine strapaziöse und ungewisse Zeit. Seit über einem Jahr kämpfen die Aktiven unermüdlich für ein neues Heim in Lokstedt. Sie durchsuchten das Viertel auf eigene Faust, kontaktierten Jugendverbände, Kirchen und Vereine. Auch das Bezirksamt wurde kontaktiert und die drängende Situation mehrfach im Jugendhilfeausschuss vorgetragen, die keine passenden Vorschläge unterbreiten konnten.

Einsatz für das historische Kutscherhaus. Auf der verzweifelten Suche nach einem Heim stießen die Gruppenleiter*innen auf das Kutscherhaus am Amsickpark. Das historische Gebäude (Stellinger Chaussee 34a) steht seit 2017 leer und soll nach den Plänen des Bezirks abgerissen werden. Aufgrund seiner Lage im Grünen und der guten U-Bahn-Anbindung wäre es jedoch hervorragend als Pfadfinderheim geeignet.

Deshalb setzt sich Saliskiaron entschieden für den Erhalt und die Nutzung des Hauses ein. Mit einer Kundgebung Ende September machten sie öffentlich auf ihren akuten Heimverlust aufmerksam und forderten das Bezirksamt zur Freigabe des Kutscherhauses auf. Über 500 Menschen, darunter Pfadfinder*innen, Eltern und unterstützende Nachbar*innen, versammelten sich, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen. Die Initiative wird zusätzlich von Organisationen wie dem Denkmalverein Hamburg und dem Landesjugendring unterstützt.

Der PBN befindet sich in Gesprächen mit der neuen Bezirkskoalition Eimsbüttel (SPD/Grüne) und dem Bezirksamt. Bislang mangelt es jedoch an der Bereitschaft, die mögliche Nutzung des Kutscherhauses kurzfristig zu prüfen oder geeignete Alternativen anzubieten.

Die Frustration ist groß: Ein scheinbar perfektes, öffentliches Haus wird dem Verfall preisgegeben, während über 100 junge Menschen ihr Quartier verlieren. Iska »Kirjava« Treibel, Gruppenleiterin bei Saliskiaron, äußert ihr Unverständnis: »Wir sehen hier den Bezirk Eimsbüttel und die Stadt Hamburg in der Verantwortung. Sie könnten ein öffentliches Gebäude wie das Kutscherhaus zur Verfügung stellen und damit unsere Arbeit fördern. Stattdessen wird sich aus der Verantwortung gezogen und eine schnelle Lösung verschleppt. Da fragen wir uns zunehmend, ob die Stimmen junger Menschen politisch überhaupt beachtet werden.« Um den Druck zu erhöhen, verlegten die Pfadis sogar einen Gruppenabend vor das Bezirksamt. Die Gruppenleiter*innen stehen nun vor der drängenden Frage, wie sie den Einsatz für das Kutscherhaus oder ein anderes Objekt erfolgreich fortsetzen können.

Die akute Situation von Saliskiaron und ihre intensiven, aber schwierigen Erfahrungen im Kampf um das Kutscherhaus dienen dem PBN als Aufhänger, die Strategie zur Gewinnung neuer Heime verbandsweit neu zu diskutieren. Schließlich stehen auch Stämme wie Depheiro und ein weiterer in naher Zukunft vor der Herausforderung, neue Quartiere zu finden.

Die Debatte im PBN muss sich dabei zentralen Fragen stellen:
• Politische Rahmenbedingungen: Wie haben sich die Bedingungen für städtische Liegenschaften und Immobilien seit den letzten erfolgreichen Heimprojekten verändert?
• Adressaten: Wer ist beim Einsatz für neue Heime politisch korrekt und effektiv zu adressieren?
• Institutionelle Wege: Welche formalen Wege zur Beteiligung gibt es, und wie können diese optimal genutzt werden?
• Öffentlicher Protest: Welche Rolle und Bedeutung soll öffentlicher Protest in der Strategie einnehmen?
• Prioritäten: Wie und in welchem Maße können die eigentliche Jugendarbeit und das zeitaufwendige Engagement für ein neues Heim miteinander vereinbart werden?
• Unterstützung: Wie kann die Hilfe aus dem Rest des Jugendverbandes aussehen und effektiv organisiert werden?

All diese strategischen Überlegungen basieren auf einer klaren Prämisse: Alle bestehenden Heime des PBN befinden sich auf städtischem Grund. Durch die langfristige und sinnvolle Nutzung samt notwendiger Instandhaltungsarbeiten konnten diese Heime für die Stämme langfristig und vor allem kostengünstig gesichert werden. Der Vorstand des PBN hält an diesem Prinzip fest, denn: Ein niedrigschwelliges, kostengünstiges Angebot für alle Mitglieder lässt sich nicht realisieren, wenn marktübliche Mieten gezahlt werden müssen.

»Außerdem sehen wir die Stadt in der politischen Verantwortung, Jugendverbandsarbeit öffentlich zu fördern«, betont die PBN-Vorsitzende Luisa »Kiranó« Bremer. Während die Fördersituation investiver Mittel (wie bei den erfolgreichen Sanierungen in der Alten Wache und in Harburg) dank der Schulbehörde aktuell als ausreichend gilt, scheint es bei der Bereitstellung von städtischem Grund oder Immobilien für neue Heime gänzlich anders auszusehen. Mit bald drei Stämmen, die akut auf der Suche nach einem neuen Heim sind, haben Politik und Verwaltung genügend Möglichkeiten, das Gegenteil zu beweisen.

Ein Fazit und eine Forderung. Der langwierige Einsatz für das eigene Heim wird für die Stämme oft zu einer massiven Belastungsprobe, da dieses Engagement zusätzlich zur eigentlichen Jugendarbeit und neben dem privaten Schul-, Ausbildungs- oder Studienalltag geleistet werden muss.

Die bisherige Erfahrung des PBN zeigt jedoch eindeutig: Ein geeignetes, gesichertes Heim ist die unverzichtbare Grundlage für eine positive Entwicklung der Stämme. Im Gegensatz dazu führen Unsicherheit und langwierige Heimprojekte die ehrenamtlichen Pfadfinder*innen an ihre Belastungsgrenzen und können zu Mitgliederverlust führen.

Daher steht die Bearbeitung des Themas Heime wieder ganz oben auf der Tagesordnung des PBN. Die Raumfrage kann letztlich aber nur durch die Stadt Hamburg und die Bezirke gelöst werden. Sie sind es, die passende Räume unkompliziert und kostenfrei zur Verfügung stellen können – und müssen, um die Jugendarbeit langfristig zu sichern.

Wirkungsstätte: Pfadfinder*innenbund Nord