Heft 3+4-2017 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Der Wahl-O-Mat auf Tour – und was hat’s gebracht?

Von Charlotte Schindler, Landesjugendring Hamburg

Drei Wochen lang war der Wahl-O-Mat zum Aufkleben (WOMZA) vor der Bundestagswahl im September quer durch Hamburg unterwegs – die bislang größte WOMZA-Tour. Das Projekt wurde vom Landesjugendring Hamburg in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) realisiert.

Schon die Auftaktveranstaltung zur Wahl-O-Mat-Tour am 6. September war beispielhaft: Denn im Mittelpunkt der Presseveranstaltung in der Hamburger Zentralbibliothek standen nicht die eingeladenen Politiker/innen sondern eine Schulklasse. Oberstufenschüler/innen aus der Sophie-Barat-Schule nutzten den Wahl-O-Maten gemeinsam mit drei Politiker/innen – Anja Hajduk (Die Grünen), Ronja Schmager (SPD) und Fabio De Masi (Die Linke) – und Daniel Knoblich (LJR-Vorstand). Die Schüler/innen teilten sich, ausgestattet mit Klebepunktzetteln für ihre inhaltliche Positionierung, in Gruppen ein und stellten sich jeweils zu einer der vier Thesenplanen – schon ging das große Kleben los. Vor allem aber starteten sofort lebendige Diskussionen über politische Streitfragen. Schüler/innen diskutierten untereinander, stritten um Einschätzungen, stellten Fragen – und die begleitenden Politiker/innen und Teamer/innen standen Rede und Antwort. Politik einmal ganz anders – nicht Top-down sondern Bottom-up: Über die 38 Thesen des Wahl-O-Maten, damit ausgehend von Sachthemen, kamen die Beteiligten mit einander ins Gespräch und suchten im Diskurs nach ihrer Positionierung. Das ist auch etwas, was der digitale Bruder des Wahl-O-Maten nicht bieten kann: Hier bleibt der Nutzer allein an seinem PC oder Smartphone. Die Auftaktveranstaltung war insofern ein voller Erfolg, denn die Wirkungsweise des WOMZAs konnte lebendig vermittelt werden. Beispielhaft für die vielen Tourstationen des WOMZAs in Hamburg.

Begleitet. Zwölf hochmotivierte Teamer/innen, vom LJR und LpB extra für die Tour ausgebildet, betreuten den WOMZA auf den knapp 30 Stationen innerhalb der drei Wochen vor der Bundestagswahl – zeitweise an bis zu vier Spielorte an einem Tag. Diese intensive Betreuung war wesentlich für die erfolgreiche Nutzung des WOMZAs. Denn bei der einen oder anderen These bedurfte es einer Erklärung des politischen Hintergrunds, was nicht nur Jugendlichen sondern auch «älteren« Nutzer/innen so erging. Zudem diskutierten die Teamer/innen mit den Gruppen im Anschluss an die Klebeaktion über Ergebnisse und daraus resultierende, weitergehende Fragen.

Jugendtour. Diese bildete in diesem Jahr wiederum den Schwerpunkt der WOMZA-Tournee durch Hamburg. So fand der WOMZA an neun Schulen (von Stadtteil- über Berufsschulen bis hin zum Gymnasium), sechs Häusern der Jugend und bei sechs Jugendverbänden in allen Hamburger Stadtteilen statt. So heterogen wie die angesprochenen Jugendlichen (hinsichtlich Bildung und sozialem Hintergrund) waren, so positiv war die Nutzung des WOMZAs: Die Jugendlichen tauschten sich immer untereinander aus, gaben sich gegenseitig Hilfestellungen und debattierten politische Streitfragen. Auch das Feedback der Lehrer/innen und Gruppenleiter/innen war überaus positiv. Viele berichteten, dass sich die Jugendlich auch nach der Veranstaltung noch intensiv mit dem Thema Wahl auseinandersetzten und weitere Informationen nachfragten.
Öffentlich. Zum ersten Mal wurde bei der Tour durch Hamburg getestet, wie der WOMZA an öffentlichen Orten und bei einem »Laufpublikum« angenommen werden würde. So stand ein Set des WOMZAs auch mehrere Tage an Orten wie dem Rathausfoyer, der Zentralbibliothek, der Rindermarkthalle und bei interkulturellen Organisationen. Dieses Angebot wurde sehr unterschiedlich genutzt. Während der WOMZA in der Zentralbibliothek oder auch bei verikom, einem interkulturellen Träger, sehr intensiv genutzt wurde, blieb der Zuspruch an anderen Orten hinter den Erwartungen zurück. Dies zeigt, dass der Wahl-O-Mat zum Aufkleben, der ein spielerisches Element hat, vor allem bei jenen gut ankommt, wo auch der LJR ihn verortet – bei jungen Menschen.
Dennoch waren sich alle Verantwortlichen der Spielorte in ihrem Feedback einig: Sie würden den Wahl-O-Mat zum Aufkleben auf jeden Fall bei einer der nächsten Wahlen wieder buchen. Die Nutzung zur Bundestagswahl war übrigens, dank der finanziellen Mittel von der Landeszentrale für politische Bildung, für alle Standorte kostenfrei möglich.

Fazit. Der Wahl-O-Mat zum Aufkleben ist organisatorisch und personell aufwendig – im Vergleich zum smarten Online-Tool also »echt old-school«. Doch er vermittelt etwas politisch Elementares: Denn Politik basiert auf Debatte und Streit der Bürger/innen um inhaltliche Positionen. Und diesen öffentlichen Diskursraum eröffnet der WOMZA für seine Nutzer. Und da er von Thesen zu Sachthemen ausgeht, ist er, zumal durch die begleitende Betreuung durch Teamer/innen, ein Gegenmittel zu populistischen Haltungen, die auf Meinungsmache statt rationalem Diskurs setzen.

(Alle Fotos © Annika Samesch, Landeszentrale für politische Bildung)