Heft 1-2017 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Anlaufstation mit kulinarischen Vorzügen

Projekte für junge Geflüchtete bei der Arbeitsgemeinschaft Interkultureller Jugendverbände

Von Oliver Trier, Hamburg

In Hamburg Altona sitzt die Arbeitsgemeinschaft Interkultureller Jugendverbände (AGIJ). Seit letztem Jahr bietet die AGIJ Projekte speziell für junge Geflüchtete an. Die ganze Woche über gibt es verschiedene Angebote. Am Mittwoch wird gekocht. Ein Besuch.

Kurz nach 16 Uhr hat Fahed schon alle Hände voll zu tun. Im dritten Stock eines Altonaer Altbaus verspricht ein Flyer an der Tür zum Treppenhaus für heute: Cooking with Fahed. Während er am Herd in einem Topf rührt, versucht er in der schmalen Küche das Treiben seines syrischen Kochtrios im Blick zu behalten. Yaman, sein selbsternannter Sous-Chef, heißt die ankommenden Gäste dafür umso entspannter willkommen. Die Gäste sind in erster Linie junge Geflüchtete.

Fahed (27 J.) kommt selber aus Syrien und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Jeden Mittwoch übernimmt er die kulinarische Verantwortung für den Workshop Musik & Kochen mit Fahed. Der Kurs ist Teil des Projektes »Bildung durch Empowerment« (Arbeit mit jungen Geflüchteten in interkulturellen Jugendverbänden), das die Arbeitsgemeinschaft Interkultureller Jugendverbände in Hamburg durchführt. Unterstützt von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) umfasst das Projekt seit Oktober 2015 von Montag bis Freitag verschiedene Angebote für junge Geflüchtete. Die Inhalte reichen über Computer- oder Fotokurse, zu Sprachcafés oder Tanzabenden. Wer will, kann jederzeit kommen, sich austauschen, neue Leute kennenlernen und im Idealfall auch mitmachen. Denn das Projekt will den jungen Geflüchteten niederschwellig zeigen, welches Potential ehrenamtliches Engagement in sich birgt, um eigene Interessen zu verfolgen und gemeinsame Aktivitäten zu ermöglichen.

Die Lebensmittel erhalten Fahed und die AGIJ über Lebensmittelrettung von lokalen Biogeschäften. So weiß er vorher nie, was er am Ende kochen wird. Sollte was Essentielles fehlen, kauft der Syrer das nötigste dazu. Seit Oktober 2016 gibt es dieses Angebot, erzählt Alina Thiele, die Leiterin des Projektes, während sich im Hintergrund lautstark die ersten Musiker einfinden. Der ursprüngliche Plan sei gewesen, mittwochs eine Jam-Session anzubieten und viele verschiedene Musiker zusammenzubringen. Sehr schnell kam auch das Kochen hinzu, denn genau darauf hätten viele Geflüchtete durch und nach der Unterbringung in den Unterkünften besonders Lust. Mit Fahed fand sich ein leidenschaftlicher Koch und inzwischen ist der Mittwoch der erfolgreichste und geselligste Bestandteil im Rahmen des Projekts.

Eine Etage höher, im vierten Stock, sitzen Melanie und Vicente Martínez im Büro der AGIJ und schildern, wie es zu dem Engagement des Verbandes für Geflüchtete kam. »Letztes Jahr haben wir einen Schwerpunkt auf die Flüchtlingsarbeit gelegt, um unsere Verbände besser unterstützen zu können. Einige waren sehr überlaufen, denn viele Geflüchtete kommen direkt zu Ihnen. Sie können die gleichen Sprachen, sind im selben Alter und manche – oder zumindest ihre Eltern – haben die gleichen Fluchterfahrungen gemacht. Die Kommunikation ist einfach auf Augenhöhe.«

Neben dem Projekt Bildung durch Empowerment verantwortet die AGIJ ein weiteres, von der Aktion Mensch gefördertes Projekt: Gemeinsam lernen, zusammen gestalten. Als Melanie (29 J.), die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft, auf die Motivation der AGIJ und ihrer Verbände für dieses große Engagement eingeht, bringt sie auch das Besondere des Dachverbandes auf den Punkt: »Weil wir Migranten aus der Jugendverbandsarbeit so viel mitnehmen. Wir versuchen, den jungen Flüchtlingen diese Erfahrungen weiterzugeben und ihnen zu sagen: ›Vielleicht ist das nichts für Euch, aber uns hat es total geholfen, einen Ort zu haben, an dem wir uns austauschen konnten, wo wir experimentieren, argumentieren und uns einfach frei entfalten konnten, und vielleicht bringt es Euch auch was‹.«

Interkulturelle Plattform. Ursprünglich stand das »I« der AGIJ für »international« und nicht für interkulturell. Doch das sei irreführend gewesen, erklärt Vicente, der als hauptamtlicher Sozialpädagoge und Koordinator für die AGIJ tätig ist. »Es geht nicht darum, dass Leute von woanders hierherkommen. Die Jugendlichen sind von hier, sind hier geboren, aber sie haben einen anderen kulturellen Hintergrund.« Ziel der interkulturellen Arbeit sei es, diese Jugendlichen stark zu machen und einen Austausch zu ermöglichen, damit sie leichter in der hiesigen Gesellschaft ankommen und sich besser zurechtfinden.

Die AGIJ ist ein Dachverband für interkulturelle Jugendverbände in Hamburg. Ende der 80er Jahre loteten sieben Verbände von Jugendlichen mit eritreischen, kurdischen, lateinamerikanischen, portugiesischen und spanischen Wurzeln die Möglichkeiten einer Kooperation aus. »Wir haben sehr schnell gesehen, es geht nicht nur gut – es geht sehr gut«, erinnert sich Vicente. 1991 kam es zur Gründung der AGIJ. Heute ist sie der Dachverband von 27 Jugendverbänden und -gruppen – und erreicht mehr als 5.000 junge Menschen in Hamburg und Umgebung.

Die Schwerpunkte der Mitgliedsvereine sind sehr unterschiedlich. Einige sind sehr politisch, andere haben eine kulturelle Ausrichtung, andere tanzen und manchen geht es einfach darum, die Sprache zu erhalten. »Die einzelnen Mitgliedsverbände arbeiten auch untereinander eng zusammen. Wenn KOMCIWAN ein Festival macht, tritt da auch MALCA auf. Bei anderen Veranstaltungen genauso«, erzählt Melanie.

Als Migranten habe man viele Gemeinsamkeiten und Bedürfnisse, für die man kämpfen müsse, erklärt Melanie und verweist auf Themen wie Chancengleichheit, doppelte Staatsbürgerschaft nicht nur für EU-Bürger und politische Teilhabe. »Das sind Dinge, die nicht nur für Kurden, Russen oder Spanier wichtig sind, sondern für die wir gemeinsam kämpfen müssen. Das ist auch der Grundgedanke und die Struktur der AGIJ: gemeinsam ist man stark.« So gesehen erscheint es naheliegend, wenn sich interkulturelle Jugendverbände zusammenschließen. Gleichwohl sei die AGIJ bis heute der einzige Zusammenschluss migrantischer Jugendverbände in Deutschland.

Selbst im vierten Stock ist nun nicht mehr zu überhören, dass sich die Musiker eingerichtet haben. Auf der Bühne des großen Saales sitzen sechs junge Afghanen zusammen und verwirklichen Alinas ursprüngliche Idee der Jam-Session. Begleitet von einem Keyboard dominiert ein Harmonium den Klang, während Trommeln den Takt angeben und zwei Mikrophone den Sängern helfen, sich Gehör zu verschaffen. Einer der Trommler ist Arian (26 J.). Mit Hingabe begleitet er die anderen Musiker. Er lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland und macht sich regelmäßig von Buchholz aus auf den Weg zur AGIJ.

Bislang richte sich der Kurs am Mittwoch vor allem an junge Geflüchtete, stellt Alina fest. »In Zukunft wollen wir uns gern stärker für die Nachbarschaft öffnen.« Das dürfte den meisten Anwesenden gefallen. Sie sind alle sehr kommunikativ und ihre Lust, sich mit jemanden auf Deutsch zu unterhalten, ist förmlich spürbar.

Aufgaben. Nach Außen dient die AGIJ als Sprachrohr und Interessensvertreter junger Menschen mit Migrationshintergrund. Nach Innen folgen ihre Angebote den Bedürfnissen der Verbände und Mitglieder: Schulungen für Multiplikatoren und Jugendgruppenleitende, Internetkurse, Fortbildungen, Debattierclubs oder Jugendbegegnungen. Angebote, die die einzelnen Vereine nicht immer alleine stemmen und bei denen sich die vielen Akteure der einzelnen Verbände untereinander kennenlernen können.

Von Anfang an ist der Dachverband fest in Hamburg Altona zwischen der Holstenstraße und dem Bahnhof Altona verwurzelt. Ein Viertel, das die Polizei in einer Pressemeldung im Jahre 2013 wegen der vielen Straßen mit Kopfsteinpflaster noch zum »Stolperviertel« erklärte, tatsächlich aber eher zum Stolpern über vielfältige Lebens- und Kulturformen einlädt. Während der Verband die ersten Jahre ein Haus weiter untergekommen sei, ist die AGIJ nun in der Thedestraße 99 zu Hause. Im dritten Stock gibt es Räume für Veranstaltungen, im vierten sind die Büros der Verwaltung und des Vorstands.

Die Räumlichkeiten stehen in erster Linie den eigenen Vereinen zur Verfügung. Diese haben Vorrang, denn es sei schwer, in Hamburg bezahlbare Räume für Jugendverbandsarbeit zu finden. Eigene Räume wären natürlich ideal, meint Melanie, schließlich lägen sie meist näher und wären jeden Tag zugänglich. Bis auf den Dachverband arbeiten alle Vereine rein ehrenamtlich und ohne hauptamtliche Unterstützung, so dass kaum Mittel für eigene Räume blieben. In die Thedestraße kommen aber alle gern – ganz gleich, ob sie über eigene Räume verfügen oder nicht. Dadurch könne es inzwischen spürbar voller werden. Schließlich sei der Raumbedarf durch die zwei Projekte für Geflüchtete höher als zuvor. Es helfe, dass viele Vereine in der Woche notgedrungen weniger Zeit für eigene Maßnahmen hätten. »Wir schaffen das«, beruhigt die Geschäftsführerin. Einen höheren Raumbedarf zu haben, sei ja auch ein gutes Zeichen.

Bilinguales Experiment. Durch die intensive Arbeit mit Geflüchteten habe sich inzwischen ein ganz neues Projekt ergeben, berichtet Vicente: bilinguale Juleica-Kurse. Diesen Herbst soll das erste deutsch-arabische Modul losgehen. Die Materialien für die Grundschulungen von Jugendgruppenleitenden seien schon ins Arabische und Dari übersetzt worden. Die Fassung für Tigrinya sei noch in Arbeit. Die Idee sei, die Grundkurse vor allem auf Deutsch durchzuführen. Doch da sie vor allem von dem Austausch und der Diskussion der Teilnehmenden leben würden, sei es wichtig, jederzeit auf die jeweilige Muttersprache wechseln und den passenden Lesestoff mitgeben zu können. In diese Kurse setzen Melanie und Vicente große Hoffnungen. Es wäre wunder voll, junge Leute für die Jugendverbandsarbeit zu gewinnen, sie dazu zu motivieren, eigene Gruppen zu gründen. Dabei ginge es weniger darum, neue Mitgliedsvereine der AGIJ zu gründen. Man wolle nur den Impuls geben und mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn es Bedarf gäbe. Unbegründet ist diese Hoffnung nicht, wie das Beispiel des zweiten Vorsitzenden der AGIJ zeigt. Reza, der vor einigen Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam, beherrschte schon nach einem dreiviertel Jahr so gut Deutsch, dass er anderen Geflüchteten Deutschunterricht geben konnte. Inzwischen organisierte er eine Fotoausstellung, hält Vorträge und führt Behördengespräche für andere Geflüchtete. Überzeugt von den Möglichkeiten von Jugendverbänden, rief er 2012 einen Verein für junge Afghanen ins Leben: INDIVIDUELL – ein Afghanischer Jugendverein Hamburg. Also angekommen im deutschen Vereinsrecht. In gewisser Hinsicht kann Integration kaum besser funktionieren.

Mit musikalischem Nachtisch. Im dritten Stock, hat Fahed mittlerweile mit seinem Küchenteam das Buffet aufgebaut. »Ich weiß nie, für wie viele ich kochen muss. Ich gucke einfach. Wenn mehr Leute kommen, koche ich weiter – wenn nicht, dann nicht«, beschreibt Fahed seine Methode mit den unberechenbaren Gästezahlen umzugehen, während mehr als ein Dutzend junger Männer aus Afghanistan und Syrien am gemeinsamen Tisch das Essen genießt. In der Regel kämen deutlich mehr, so dass es teilweise sehr lebhaft werden könne. »Ich will den anderen Flüchtlingen helfen. Ich weiß ja, wie schwer es ist«, begründet Fahed sein Engagement. Nach dem Essen geben wieder die Musiker den Ton an. Während auf der Bühne gesungen und musiziert wird, putzen andere in der Küche. Fahed räumt Töpfe und Teller aus dem Geschirrspüler und verabschiedet sich von den Gästen. »Komm' nächstes Mal wieder!«