Heft 1-2017 , Rubrik Titelthema

Zahlen, Prozente und Deutungen

Einleitung zum Titelthema

Unstatistik. Wer hätte das gedacht: Fußballfans sind überwiegend Akademiker. Dies behauptete Mitte letzten Jahres zumindest der Südkurier aus Konstanz: »Auf Platz 1: der SC Freiburg. 73,4 Prozent seiner Fans haben laut ›Xing‹ einen Hochschulabschluss.« Und selbst der Drittletzte der Bundesligavereine in diesem Bildungsranking lockt ein erstaunlich akademisches Publikum ins Stadion: »Mehr als die Hälfte (63,5 Prozent) der HSV-Fans hat einen Hochschulabschluss«, meldete das norddeutsche Zeitungsportal shz.de. Die Nachrichten basierten auf Daten einer Umfrage, die Xing, ein sogenannt soziales Netzwerk für berufliche Kontakte, unter seinen Nutzern gestellt hatte.

Die Meldungen zur Xing-Statistik waren fraglos blühender Unsinn. Sie wurde von einer wissenschaftlichen Initiative zur »Unstatistik des Monats« gekürt (www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/dossiers/unstatistik-des-monats). Warum? Laut Daten der OECD verfügten 2015 in Deutschland nur 16,3 Prozent der Bevölkerung über einen Hochschulabschluss. Wenn nun mehr als die Hälfte der HSV-Fans Akademiker sein sollen, wäre dies entweder eine erstaunliche und noch zu erklärende Ausnahme vom Durchschnittswert oder hier liegt statistisch etwas sehr im Argen. Die Auflösung ist einfach: Da das Netzwerk von Xing vorwiegend Akademiker nutzen, ergeben Umfragen unter denselben nur Daten, die für Xing-Mitglieder gelten – aber nicht repräsentativ sind für die Allgemeinheit respektive für Fußballfans. Den berichtenden Nachrichtenportalen ist also ein typischer Fehler unterlaufen: Sie publizierten isoliert eine korrekte Zahl – losgelöst vom Kontext der Datenerhebung. Richtig wäre gewesen: 63,5 Prozent der Xing-Mitglieder, die zugleich HSV-Fans sind, haben einen Hochschulabschluss. Folglich ist immer zu fragen: Prozent von was? Statistiken und nachfolgende Auswertungen, die über den Erhebungs- und Bezugskontext schweigen, sind in der Regel falsch.

Prozent von was? Diese Frage führt zum Titelthema dieser punktum-Ausgabe. Was bilden statistische Erhebungen von der Jugendverbandsarbeit ab? Welche Grenzen der Empirie gibt es? Werden diese benannt und reflektiert? Wie sieht die Datenerhebungsbasis aus? Wofür taugen Statistiken? Der vorausgeschickte Exkurs zum vermeintlichen Bildungsranking von Fußballfans zeigt: Es ist wichtig, genauer hinzuschauen, um irrlichternde Zahlen und Deutungen in der Öfentlichkeit einzufangen.
Die Titelthemenbeiträge in dieser punktum-Ausgabe beschreiben zwei unterschiedliche Wege: die amtliche Erhebung einerseits und andererseits zwei von Akteuren der Jugend(verbands)arbeit selbst initierte Erfassungen.

Amtlich. Das gesamte Feld der Kinder- und Jugendhilfe wird in Deutschland vielfach statistisch vermessen. Bundesweit gibt es 13 amtlich normierte Erhebungen, die im Sozialgesetzbuch VIII verankert sind und Akteure in diesem Bereich zur Auskunft verpflichten. Drei Erhebungen sind für das Gebiet der Jugendverbandsarbeit von besonderer Relevanz: die Jugendarbeitsstatistik (vormals Maßnahmenstatistik seit 1996, erstmalig in 2015 nach der Reformierung erhoben), die Statistik zu Personal und Einrichtungen sowie die Erhebung zu Ausgaben und Einnahmen (nur für öffentliche Träger). Die erste soll Angebote, Veranstaltungen und Projekte der öffentlichen Jugend- und freien Jugendverbandsarbeit abbilden, die zweite Auskunft geben über Beschäftigte und finanzierte Einrichtungen der gesamten Kinder- und Jugendhilfe; und die letztere listet unter anderem jene Gelder auf, welche durch die öffentliche Hand der Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung gestellt werden. In den letzten beiden Erhebungen taucht die Jugendverbandsarbeit nur mehr oder minder am Rande auf. Ohne die Jugendarbeitsstatistik wäre die Sichtbarkeit ihrer Leistungen im Gesamtzusammenhang der Jugendhilfe nicht gegeben.

Doch hier beginnen die Probleme erst. Nicht nur der Deutsche Bundesjugendring hat wiederholt auf Mängel und Kritikpunkte bei der Jugendarbeitsstatistik hingewiesen. Sie reichen von Unklarheiten bei der Datenabfrage, gehen weiter über die mangelnde Motivation der zur Auskunft verpflichteten Akteuere angesichts unklarem Nutzen und münden schließlich in Zweifel über die Verlässlichkeit der gewonnenen Daten. Wer sich einmal einen Erhebungsbogen für die aktuell anlaufende Abfrage in 2017 angeschaut hat (z.B.: www.statistik-berlin-brandenburg.de/datenerheb/dateien/ADJ.pdf), wird konstatieren, dass die Erfassungsbögen (20 Seiten inkl. Erläuterungen) weder jugendgerecht gemacht noch übersichtlich gestaltet sind. Junge Ehrenamtliche dürften von einem Bürokratiemonster sprechen. Lohnt gleichwohl die Mühe?

Erste Erkenntnisse. Die Daten der reformierten Jugendarbeitsstatistik liegen frisch für 2015 vor. Jens Pothmann von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik in Dortmund unterzieht sie in seinem Beitrag einer ersten Analyse und weist dabei auf methodische Einschränkungen der Datenerhebung hin. So erfasst die Statistik nur jenen Teil der Jugendverbandsarbeit, der mit öffentlichen Geldern gefördert wurde. Darüber hinausgehende Aktivitäten, die komplett ehrenamtlich ermöglicht wurden, blieben bei der Abfrage unberücksichtigt. Besonders erfreulich und hier erstmals publiziert: Pothmann zieht zum Vergleich der Bundesdaten die Ergebnisse der Hamburger Erhebung mit heran.

Ein Blick nach NRW. Im Unterschied zur isolierten Datenabfrage der Bundesstatistiken hat der Landesjugendring NRW einen Sonderweg eingeschlagen, der einzigartig in Deutschland ist. Gregor Gierlich vom Landesjugendring NRW beschreibt in seinem Beitrag, wie Datenerhebungen zum integralen Bestandteil eines Wirkungsdialoges zwischen Jugendverbänden, Verwaltung und Politik geworden sind. Der Dialog ist verankert im Kinder- und Jugendförderplan des Landes. Mit der regelmäßigen quantitativen Datenabfrage bei den Jugendverbänden und mit begleitenden qualitativen Evaluierungen geht eine Vereinfachung der Mittelzuwendung und des Nachweiswesens einher. Knapp gesagt: Für die Mühen der Datenerhebung erhalten die Jugendverbände im Gegenzug fachbezogene Pauschalen zum eigenverwortlichen Mitteleinsatz.

Schnelle Erfolgskontrolle. Bereits in der punktum-Ausgabe 2/2016 hat Wolfgang Ilg  das Forschungsprojekt Freizeitenevaluation vorgestellt. Es bietet Jugendverbänden die Möglichkeit, auf einfache Weise eigene Ferienfahrten zu evaluieren. Nun ist es noch einfacher und schneller geworden: Teilnehmer/innen und Veranstalter können via Online-Plattform ihre Antworten zu den Evaluierungsfragen auf dem Smartphone oder PC eingeben.

Die nächste Erhebung kommt. In 2017 steht turnusgemäß die nächste Datenerfassung für die Jugendarbeitsstatistik (s. S.9) an. Mit dem punktum-Titelthema »Wofür Statistiken?« möchte der Landesjugendring zur kritischen Auseinandersetzung einladen und ist gespannt auf Rückmeldungen. (jg)