Heft 3-2016 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Bande, die halten

Serie WirkungsStätten: Besuch beim CVJM Altona-Eimsbüttel

Von Christoph Fuchs, München

Die Jugendverbandsarbeit des CVJM Hamburg hatte lange eher die bürgerliche Mittelschicht im Blick. Der erst vor zwei Jahren gegründete CVJM Altona-Eimsbüttel will das ändern. Gerade Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien sollen dort eine Anlaufstelle finden. Dank Behördenzuschüssen, eines kreativen Spendenaufrufs und viel ehrenamtlichen Engagements waren in diesem Jahr bei der ausgebuchten Sommerfreizeit nach Dänemark 26 Teilnehmer/innen dabei, die sich das sonst nicht hätten leisten können. Ein Besuch beim Freizeit-Nachtreffen.

Es ist eine bunte Gruppe Kinder und Jugendlicher, die sich auf dem Platz vor der Apostelkirche versammelt. Als eine der ersten ist Lea gekommen, ein 14-jähriges Mädchen. Wenig später kommt Clarence, elf Jahre alt, mit ghanaischen Wurzeln. Begrüßt mit großem Hallo trudeln aus allen Richtungen weitere Gäste ein, im Alter zwischen zehn und 16 Jahren. Weil die Sonne sich an diesem Samstag im September noch einmal aufgerafft hat und Hamburg zu kurzen Hosen und T-Shirts einlädt, ist spätestens auf den zweiten Blick erkennbar, dass diese gemischte Schar Heranwachsender etwas eint: Alle tragen sie ein Stoff-Armbändchen am Handgelenk, wie man es sonst von Besuchern von Musikfestivals kennt. Auf dem Bändchen steht: CVJM Altona-Eimsbüttel. 

Seit einigen Wochen ziert es die Handgelenke der Versammelten, genauer: Seit Beginn der 15-tägigen Sommerfreizeit des CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen) Ende Juli ins dänische Løkken, die insgesamt 41 Kinder und Jugendliche gemeinsam mit zehn Teamer/innen unternahmen. In den Räumen der Apostelkirche findet nun das Nachtreffen statt. Bei der Diashow zu Beginn schwelgen alle, die dabei waren, in Erinnerungen. Ziel des Nachtreffens ist für die Teamer/innen aber auch, den ebenfalls eingeladenen Eltern der Teilnehmer/innen einen Eindruck zu vermitteln, was auf der Freizeit passiert ist, einander später bei Kaffee und Kuchen kennenzulernen und über weitere Angebote im CVJM zu informieren. 

Ein guter Monat ist vergangen seit der Rückkehr der Reisegruppe aus Løkken. Clarence muss nicht lange überlegen: »Klar wär’ ich gern immer noch dort.« Als ihm dann ein wenig die Worte ausgehen, um zu erklären, woher die Sehnsucht rührt, fasst er sich an sein Stoff-Bändchen. Das Gemeinschaftserlebnis der Freizeit, es dauert fort und es lässt sich an den Handgelenken ablesen: Ein Blick in die Runde ergibt, dass keiner das Stoffband durchgeschnitten hat. Was in Løkken entstanden ist, hat gehalten.

Ein schöner Anblick muss das sein für die zehn Teamer/innen der Freizeit, die auch das Nachtreffen organisiert haben. Denn als Leitbild und Motivation der Jugendarbeit im Verein gibt Laura Vanselow, eine der Teamer/innen, aus: »Wir alle haben Gemeinschaft in der Vergangenheit als besonderen Wert erfahren. Wir alle sind in unserer Gemeinschaft gestärkt worden, haben uns neu erfahren und ausprobieren dürfen. Nun möchten wir das weitergeben.« 

Zusammenwachsen. Dafür, finden sie beim CVJM Altona-Eimsbüttel, eignet sich das Format einer gemeinsamen Freizeit besonders gut. »15 Tage lang können wir jeden Tag alle miteinander wieder von Vorne anfangen. Wenn etwas im Miteinander nicht glückt, nicht klappt, dann versuchen wir es neu, anders.«, so Gwen Schwethelm, ebenfalls Teamerin, »Wir wachsen miteinander zusammen. Das ist jedes Jahr wieder eine tolle Erfahrung!« Den typischen Tagesablauf erklärt die 14-jährige Lea: »Um 9.30 Uhr gab es Frühstück. Der Küchendienst wurde deswegen schon um 8.30 Uhr geweckt. Nach dem Frühstück gab es einen Programmpunkt – immer etwas Anderes. Dann gab es Mittagessen. Nachmittags war manchmal Programm, manchmal freie Zeit. Und dann gab es Abendessen. Abends dann Shows, Singstar oder Disko.« Jeder Teilnehmer war an einem Tag der Freizeit für alle drei Mahlzeiten für die Küche zuständig, nur Lea häufiger: »Ich hab’ da Spaß dran.« Die Programmpunkte zwischen den Mahlzeiten waren abwechslungsreich ausgestaltet. Der elfjährige Henry zählt auf: »Ans Meer gehen, in den Tierpark, Fußball spielen, basteln.« Außerdem gab es in Projekteinheiten Gelegenheit, eine Vorstellung über gelungenes gesellschaftliches Zusammenleben im Großen wie im Kleinen zu entwickeln und sich mit Problemen wie Kinderarmut auseinanderzusetzen. 

Teamer Finn Hoffmann fasst zusammen: »Die Tage sind so ausgelegt, dass es jeden Morgen einen möglichst großen Horizont an Möglichkeiten gibt, selbst zu sein, mit anderen zu sein und etwas zu bewegen.« Martin Wincierz, ebenfalls Teamer, ergänzt: »Es geht uns darum, Raum zu schaffen für die Kinder, damit sie zeigen können: So bin ich.«

Die eigene Sangeskraft haben auf der Freizeit alle Teilnehmer/innen entdeckt. Den Eindruck gewinnen die Zuhörer/innen, als beim Nachtreffen noch einmal »Wenn der Abend naht« angestimmt wird, eines der Lieder aus Løkken. Es wird vorgetragen mit der Patina, die ein Lied wohl nur auf solchen Freizeiten bekommen kann, wenn stete Wiederholung Gelegenheit gibt, die eine oder andere Stelle mit lautmalerischen Umspielungen zu verfeinern. Die Inbrunst erreicht ihren Höhepunkt im Refrain, da heißt es: »Draußen weht gewiss ein kalter Wind, doch die Feuer nicht erloschen sind für uns Sänger, wie ihr wisst.«

 

Ein Zuschuss, der nicht reicht. Der kalte Wind weht manchen der Sänger/innen in ihrem jungen Leben mit einiger Wucht ins Gesicht. Von den 41 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen kommt mehr als die Hälfte aus einkommensschwachen Familien. Ihre Eltern konnten die 495 Euro, die die Freizeit pro Person kostet, nicht aufbringen. Die Hamburger Sozialbehörde BASFI hilft in solchen Fällen mit einer Förderung, die die Reisekosten auf 90 Euro senkt. »Eine super Sache«, sagt Anne Dewitz, Schatzmeisterin beim CVJM Altona-Eimsbüttel und ebenfalls als Teamerin auf der Reise aktiv. Aber der Verein hat festgestellt, dass der Zuschuss allein die Probleme nicht löst.

Ein Grund ist, dass die Auskunft über die eigene finanzielle Leistungsfähigkeit viel Vertrauen voraussetzt, weshalb es immer wieder vorkommt, dass zunächst unausweichliche Termine vorgeschoben werden, um die Nicht-Teilnahme zu begründen. »Wir können es uns nicht leisten«, das sagen Eltern weder ihrem Kind noch Dritten gegenüber gern. In Zuwandererfamilien kommt hinzu, dass die Formulare der Behörden für die Eltern schwer verständlich sind und die Gespräche über die finanziellen Verhältnisse nicht einfach am Telefon geführt werden können. Dann muss entweder das älteste Kind einspringen oder die Teamer/innen des CVJM fahren zu den Familien nach Hause, um die nötigen Unterlagen gemeinsam zusammen zu suchen. Auf Verbandsseite bedeuten Zuschüsse somit einen erheblichen Verwaltungsaufwand. Oft sind es zudem Ehrenamtliche, die sich in die nicht immer leicht durchschaubaren Unterlagen der antragstellenden Familien einarbeiten müssen. Stimmt etwas bei der Berechnung nicht, kann das folgenschwer sein: »Mit dem Risiko, dass bei der Prüfung der Einkommensverhältnisse ein Fehler unterläuft und der Zuschuss zu unrecht gewährt wird, ist der ehrenamtlich getragene Jugendverband allein gelassen«, so Laura, die die Anträge im CVJM-Landesverband prüft.

 

Crowdfunding. Selbst mit Zuschuss kann manche Familie ihrem Nachwuchs die Reise nicht bezahlen, zum Beispiel, weil alle vier Kinder mitwollen, was die von der Familie selbst zu tragenden Kosten vervierfacht. »Als im letzten Jahr viel mehr Kinder aus einkommensschwachen Familien mitfahren wollten, als Behördenmittel zur Verfügung standen und wir viele Familien mit drei und mehr Kindern hatten, die zusätzliche finanzielle Entlastung benötigten, entstand bei uns die Idee, eine Art Crowdfunding zu machen«, berichtet Anne. Die Teamer/innen aktivierten ihren Verwandtschafts- und Freundeskreis, um die Beträge einzuwerben, die manchen Teilnehmer/innen noch fehlten. Dafür wurden sie kreativ: Jeder Spender wurde zum Nachtreffen eingeladen und erhielt eine Postkarte sowie ein gerahmtes Gruppenfoto und eine Foto-DVD der Reise. Wer aber noch ein wenig mehr spendete, der wurde zum Beispiel mit einem eigens komponierten Lied von der Reise belohnt. Zum zweiten Mal hat der Verein in diesem Jahr den unkonventionellen Weg des Spendenaufrufs beschritten. »Es hat zwei Mal sehr gut funktioniert«, resümiert Anne.

Den CVJM Altona-Eimsbüttel gibt es erst seit gut zwei Jahren. Gegründet wurde die dritte Ortsgruppe des Hamburger CVJM-Landesverbandes im Juni 2014. Zuvor in einer anderen CVJM-Ortsgruppe aktiv, wollten die acht Gründungsmitglieder mehr Freiheit bei der Bestimmung der Ziele und Ausgestaltung der ehrenamtlichen Jugendarbeit haben und entschlossen sich deshalb, ihre eigene Ortsgruppe zu starten. Zum »C« für christlich im CVJM haben sie inzwischen ein eigenes Verhältnis gefunden: »Ich glaube, dass man sich mit dem ›C‹ auseinandersetzen kann, ohne dauernd aus der Bibel zu lesen. Wir wollen es vorleben, nicht vorbeten«, fasst Gwen zusammen.

War für die Gründung selbst noch ein Café ausreichend, begann danach die Suche nach Räumlichkeiten. Als neuer Verein einen Ort für sich zu finden, fällt in Hamburg nicht leicht. »Theoretisch kann man einen Raum anmieten und Mietkostenzuschuss beantragen. Aber das ist praktisch schwer umzusetzen«, so Gwen. Stattdessen ging der Verein auf die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Eimsbüttel zu. Dort empfing man sie mit offenen Armen. Nun geht es für den Verein darum, in der Kooperation mit der Kirche die richtige Balance zu finden zwischen der Unterstützung der Gemeinde im Alltag, wie etwa bei Jugendgottesdiensten und auf der Konfirmandenfreizeit, und eigenen Angeboten. »Es geht uns darum, auch etwas jenseits der traditionellen kirchlichen Angebote zu machen«, gibt Martin die Richtung vor, »und wir merken: Der Bedarf ist groß.«

 

Über den Tellerrand. Das liegt auch daran, dass der Verein eine für Jugendverbände ungewöhnliche Zielgruppe erschlossen hat. Zumeist war Jugendverbandsarbeit in der bürgerlichen Mittelschicht beheimatet. Der CVJM Altona-Eimsbüttel will hingegen auch Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien und mit Migrationshintergrund ansprechen. Ein Glück für Kinder wie Clarence, denn die Leute vom CVJM bringen Hartnäckigkeit mit, nachzufragen, wo Anmeldebögen bleiben, und Geduld, um beim Ausfüllen zu helfen. Wenn es am Geld fehlt, werben sie Spenden ein. Sie treffen den richtigen Ton – das ist schon nach wenigen Minuten beim Nachtreffen erkennbar – im Umgang mit den Eltern, vor allem aber mit den Kindern. Und dann geben sie Kindern, die in ihrem Alltag mit viel kaltem Gegenwind zu kämpfen haben, Gelegenheit, sich auf einer Freizeit in einer Gemeinschaft zu finden. »Dass so viele Kinder in Hamburg in Familien leben, für die ein Urlaub nicht möglich ist, begreifen wir als Appell an die Jugendverbände, den Kindern eine Reise möglich zu machen«, sagt Finn.

Aber auch über das Jahr versucht der CVJM Altona-Eimsbüttel mit Aktionen, Angeboten und Wochenendfahrten, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und die Teilnehmer/innen für gemeinsames, solidarisches Handeln zu begeistern. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Neben Nachmittagsunterricht und Ganztagsschule erschwert auch häufig der weite Anfahrtsweg die regelmäßige Teilnahme an Angeboten des Vereins.

Dass da trotzdem etwas (zusammen)hält, dafür ist Riccardo (14 Jahre) der beste Beweis. Er fährt seit 2010 mit dem CVJM im Sommer weg. Nächstes Jahr möchte er selbst Teamer werden und weitergeben, was er erfahren hat.

Am Ende des Nachtreffens steht ein Ausblick: Im nächsten Jahr geht es nach Schweden. Die diesjährige Freizeit war weit im Voraus ausgebucht. Das könnte wieder passieren, denn es gibt zahlreiche Werbeträger. Der elfjährige Clarence sagt: »In der Schule fragen mich alle, woher ich mein Armband habe.« Und er will es weiter dran lassen.