Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 3+4-2023, Rubrik Vielfältige Jugendarbeit

»Das bleibt erstmal stehen, bis es vielleicht von selbst einstürzt«

Über die große Raumnot beim Pfadfinder*innenbund Nord

Von Hannah Knipper und Jürgen Garbers, Landesjugendring Hamburg

Es ist Noalei anzumerken, dass es hier um eine Herzensangelegenheit geht. Die 23-Jährige ist seit Jahren beim Pfadfinder*innenbund Nord (PBN) aktiv und seit Frühjahr 2023 auch im Vorstand des Jugendverbands. Eines ihrer Sorgenthemen: die große Raumnot und die Baufälligkeit der Pfadfinder*innenheime. Fast 1.200 Mitglieder teilen sich in Hamburg elf Heime, von denen fünf baufällig oder elementar renovierungsbedürftig sind oder deren Erhalt aufgrund befristeter Mietverhältnisse in der Schwebe steht. Der Verband wächst zudem. Immer wieder müssen sich einzelne Stämme auf mehrere Heime aufteilen, weil so viele junge Menschen mitmachen möchten.

Heute hier, morgen dort. »Einige Gruppenleiter weichen schon ins private Zuhause aus für ihre Gruppenstunden«, berichtet Noalei. Alternativ gehen sie im Sommer gemeinsam in den Park und im Winter werden die Heime bis in die hinterste Ecke gefüllt. Mit der Nutzung von Flur und Küche bekommt man meist alle Gruppen einmal pro Woche irgendwo unter.

Diese prekäre Situation ist der Tatsache geschuldet, dass die bestehenden Heime teilweise nicht groß genug für die Mitglieder der jeweiligen Stämme sind. Immer wieder müssen Gruppen sich neue Orte für ihre wöchentlichen Treffen suchen. In Lokstedt beispielsweise hat man, vermittelt über ehemalige Pfadfinder*innen, eine leerstehende Kneipe gefunden, die vorläufig genutzt werden kann. So fahren nun regelmäßig 50 bis 60 Personen von Barmbek nach Lokstedt, um sich dort zu treffen, da das eigene Heim des Stammes aus allen Nähten platzt. Die wöchentliche Fahrerei ist jedoch keine langfristige Lösung. Noalei schätzt, dass bereits 20 bis 30 Mitglieder aufgrund des Wegeaufwandes abgesprungen seien. Gerade für jüngere Kinder ist dies unzumutbar. Die Platzproblematik gibt es auch in anderen Bezirken. Bis zu zehn Gruppen – rund 100 Pfadfinder*innen – weichen in Hamburg auf einen stadtteilfernen Behelfsort für ihre wöchentlichen Gruppentreffen aus.

Baufällig. Zudem fehle es jedoch nicht nur an ausreichend großen Heimen, betont Noalei. Die vorhandenen Häuser befinden sich zum Teil in einem miserablen Zustand, so dass sie nur eingeschränkt nutzbar sind. Schimmel, Einsturzgefahr, Wasserschäden, unzureichende Dämmung. Die Mängelliste ist lang. Die Fotos auf diesen Heftseiten zeigen die baufälligsten Standorte, ein vorübergehendes Ausweichquartier sowie beispielhaft grobe Baumängel. Erhalt und Renovierung der bestehenden Heime hat daher oberste Priorität für den PBN. In Harburg musste das alte Heim aufgrund eines Wasserschadens abgerissen werden. Der Neubau ist nur durch die Hilfe von ehemaligen Pfadfinder*innen möglich gewesen. Nach langem Warten auf die Bewilligung der Fördergelder, zweimaligem Einbruch auf der Baustelle, Diebstahl des Baumaterials und entsprechender Neubeantragung der Fördergelder ist das neue Heim nun nutzbar. Fast, denn die Heizung funktioniert noch nicht. Diese soll wiederum durch Gelder, die bei einer Ehemaligenfeier gesammelt werden konnten, instandgesetzt werden.

Grenzen. Der Erhalt der Heime ist somit überaus zeitaufwendig und für die Aktiven eine große Herausforderung, die sie zwar sehr engagiert angehen, aber es werden auch Grenzen deutlich. Denn die große Raumnot und die Baufälligkeit vieler Heime sind keine »kleinen« Einzelprobleme, die mit etwas gutem Willen und ein paar Fördergeldern abzustellen wären. Hier stößt ein durchweg ehrenamtlich organisierter Jugendverband, zumal wenn er von jungen Menschen unter 25 Jahren getragen wird, insgesamt an seine Grenzen.

 »Wenn der Fokus auf den Heimen liegt, fällt vieles andere hintenüber«, erläutert Noalei. Die Pfadfinder*innen organisieren wöchentliche Gruppentreffen, fahren gemeinsam auf Zeltlager und Freizeiten, halten die Heime »schön und sauber«, beantragen Fördergelder, kommunizieren mit Erziehungsberechtigten, entwickeln den Verband weiter, sind ansprechbar und tragen Sorge dafür, dass der Bund ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche ist. Diese Kernaufgaben neben Schule, Studium und Job zu realisieren, ist für Ehrenamtliche im PBN schon Herausforderung genug. Auch noch dafür zu sorgen, dass die notwendigen räumlichen Voraussetzungen für diese elementaren Aufgaben gegeben sind und nicht wegbröckeln, bedeutet zusätzliche Arbeit und Verantwortung. Als Vorstandsaktive investiert Noalei viel Zeit in ihr Ehrenamt. Die Frage der Instandhaltung alter und Suche nach neuen Heimen nimmt einen großen Teil ihrer Arbeit im PBN ein. Dies alles zu koordinieren, ist in den ehrenamtlichen Verbandsstrukturen nicht einfach. Denn das Schreiben von Förderanträgen, etwa bei Renovierungsbedarfen in den Heimen, muss von den Stämmen selbst übernommen werden. Für manche Stammesleitungen kann so eine Aufgabe auch überfordernd sein, weswegen Anträge teilweise liegen bleiben und gar nicht erst gestellt werden. Vor Corona wurde bereits eine Heim-Such-Crew gegründet, die jedoch von der Pandemie an ihrer Arbeit gehindert wurde. Nun wird diese wiederbelebt. Auf der Internetseite des PBN sind erste Schritte sichtbar. Mit einem Online-Tool werden potentielle Objekte in einem Pool zusammengetragen. Wie das funktioniert? Unter PBN-Mitgliedern sei es mittlerweile normal geworden, berichtet Noalei, mit offenen Augen durch den eigenen Kiez zu laufen und nach leerstehenden Häusern Ausschau zu halten. Diese können in das Online-Tool eingetragen werden. Aufgabe des Vorstandes und des PBN-Fördervereins sei es dann, weitere Informationen zu den Immobilien einzuholen: Wer ist Eigentümer*in und Ansprechpartner*in? Gibt es eine Chance zur vorübergehenden Zwischennutzung? Eignet es sich möglicherweise auch längerfristig als Heim?

Wünsche. Es gibt also einiges zu tun. Konkret, so Noalei, wünschten die Pfadfinder*innen sich den Erhalt ihrer bereits im Bestand befindlichen Häusern sowie das Finden neuer Heime in Lokstedt, Barmbek und Ohlsdorf. Das ist eine Aufgabe, die der PBN nicht ohne Hilfe umsetzen kann. Es ist notwendig, dass bei den zuständigen Stellen verstanden wird, dass Kinder nicht quer durch die Stadt zu ihren Gruppenstunden fahren können. Um das vielfältige Engagement der Pfadfinder*innen langfristig abzusichern, braucht es langfristige Lösungen. Dabei ist man besonders auf die gute Zusammenarbeit mit dem Landesjugendamt in der Sozialbehörde angewiesen, um welche man sich momentan sehr sorge, da es aktuell keine Ansprechpartnerin für die Pfadfinder*innen im Landesjugendamt gibt. Beantragt ist – neben Geldern für die Heime – auch eine Bildungsreferent*innen-Stelle, die insbesondere bei den bürokratischen Aufgaben, die im Jugendverband anfallen, unterstützen soll.

Bis diese Wünsche Realität werden, werden junge Ehrenamtliche wie Noalei auch weiterhin in ihrer Freizeit nach leerstehenden Häusern Ausschau halten und parallel dazu überlegen, »in welchen Park wir die Kinder so lange setzen können«.


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Die PBN-Heime mit Problemen

Selbstgebaut, aber kalt
Stämme:
Orion und Pleione
Ort: Am großen Dahlen 5, 21077 Hamburg (Harburg)
Probleme: Heizung funktioniert nicht, zu klein für beide Stämme
 

Außen respektabel, innen rott
Stämme:
Eldunari und Minas Tirith
Ort: Alsterdorfer Straße 575, 22335 Hamburg (Ohlsdorf)
Probleme: Zu klein für beide Stämme, Decken teilweise einsturzgefährdet, mangelhafte Dämmung, Heizung unzureichend, insgesamt stark renovierungsbedürftig, schlechter Zustand der Sanitäranlagen, Schimmel


Das Ausweichquartier in einer Kneipe
Stamm:
Saliskiaron
Ort: Osterfeldstraße 86, 22529 Hamburg (Lokstedt)
Probleme: Lange Fahrwege für Gruppen aus Barmbek, Mietvertrag läuft aus


Nur im Sommer schön
Stamm:
Xephalonia
Ort: Zeisigstraße 1, 22081 Hamburg (Barmbek-Süd)
Probleme: Das Heim muss laut Gutachten wegen elementarer Baumängel abgerissen werden; es wird jedoch mangels Gelder weiter genutzt.


Zukunft ungewiss
Stamm:
Chersonisos
Ort: Wellingsbüttler Landstraße 73, 22337 Hamburg (Klein Borstel)
Probleme: Mietvertrag läuft aus; unverputzte und feuchte Wände, Wasserschäden, Schimmel, schlechter Zustand der Sanitäranlagen, unzureichende Heizung


Überlaufen
Stämme:
Depheiro, Elysios und Thyreatis
Ort: Tieloh 87, 21077 Hamburg(Barmbek-Nord)
Problem: Viel zu klein für drei Stämme


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Baumängel in den PBN-Heimen, nur eine kleine Auswahl