Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 3-2019, Rubrik Kommentar

Abschied, bleibende Aufgaben und Neustart

Von Laura Vanselow, LJR-Vorsitzende

Rund dreieinhalb Jahre ist es her, dass meine drei Vorstandskollegen/innen – Anne Dewitz, Daniel Knoblich und Melissa Kleist – und ich in den Vorstand des Landesjugendrings gewählt wurden. Wir haben unser ehrenamtliches Engagement dafür eingesetzt, den Hamburger Jugendverbänden die Möglichkeit des gemeinsamen Austausches, der Meinungsfindung und der daraus erwachsenden politischen Interessenvertretung zu bieten.

Die Umstände unserer Wahl waren nicht einfach. Auf einer vorangegangenen Vollversammlung hatte sich keine ausreichende Zahl an Kandidaten für den neu zu wählenden Vorstand im Landesjugendring gefunden. Verwunderlich ist das gar nicht mal so sehr. Denn wer hier angesprochen ist, sich auf einer quasi »Meta-Metaebene« der Jugendverbandsarbeit einzubringen, sollte in der Regel bereits Erfahrungen auf der Verantwortungsebene im eigenen Verein gemacht haben – und auch viel Gremiensitzfleisch besitzen. Diese Herausforderung kennen wohl alle, die schon mal Nachwuchs für die Gremien im eigenen Verband gesucht haben. Gleichwohl lohnen Suche und Engagement. Denn die Möglichkeit zum Austausch und gemeinsamer Interessensbildung sowie deren Vertretung auf der Ebene des Landesjugendrings bietet eine riesige Chance für die Hamburger Jugendverbände. Beim Blick über den eigenen Tellerrand finden sich gemeinsame Ziele, für die es sich lohnt, gemeinsam zu streiten. So dachte man offenbar in der Hamburger Sportjugend, im CVJM, in der DGB-Jugend und beim Jugendrotkreuz, die schließlich die Kandidaten zur LJR-Vorstandswahl stellten. Ein Verband ermöglichte es sogar, dass sein Aktiver einen Teil seiner Arbeitszeit für das LJR-Engagement einbringen konnte. Ein unglaublicher Mehrwert – insbesondere mit Blick auf zeitliche Flexibilität, den ich gerade im Nachhinein nicht missen möchte.

Personell – wie ich finde – toll aufgestellt, begannen wir also unsere Tätigkeit im LJR-Vorstand: mit mehr oder weniger Erfahrung im Rücken, mit mehr oder weniger klaren Vorstellung von dem, was wir wollen und wo es hingehen soll. Das galt es zunächst herauszuarbeiten – auf vielen Feldern. Mit den LJR-Mitgliedern auf der Vollversammlung war heraus zu finden, was von allen anliegenden Aufgaben wichtig ist, was fortgeschrieben, korrigiert oder neu gedacht werden muss. Dabei galt es, den Mitgliedsverbänden zu verdeutlichen, dass sie selbst die tragenden Akteure für jugendverbandspolitische Entscheidungen sind. Darüber hinaus mussten wir lernen, wo unser eigenes Engagement gefragt ist, was in die LJR-Geschäftsstelle delegiert werden kann und was von der Unzahl an Themen guten Gewissens auch mal hinten runter fallen kann. Diese Findungsphase sollte noch mal ganz schön Zeit und intensive, aber letztlich fruchtbare Diskussionen und Auseinandersetzungen benötigen.

Wenn am 6. November 2019 auf der kommenden LJR-Vollversammlung neue Vorstandsmitglieder gewählt werden, dann ist unser größtes Pfund, das wir weitergeben können: Wir haben im letzten Jahr den Kurs der LJR-Vorstandsarbeit in transparenter Abstimmung mit der Vollversammlung und in enger Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung und den jeweiligen Referenten in der Geschäftsstelle grundsätzlich abgesteckt und das Ruder auf wesentliche Ziele ausgerichtet. Der Kompass für alle Themen und Aktivitäten lautet, die Bedingungen für die Möglichkeit gelingender selbstbestimmter und eigenverantwortlicher Jugendverbandsarbeit zu erhalten und, wo gefährdet, neu herzustellen. Das bedeutet in erster Linie Ressourcen und Freiräume für junge Menschen zu sichern und zu erweitern. Dafür stehen die drei großen Leitbeschlüsse der Vollversammlung für »Mehr Mittel für die Jugendverbandsarbeit«, für eine bessere »School-Life-Balance« und ebenso »Uni-Life-Balance«. Hinzu kam das Thema Kinderschutz. Insbesondere bei den ersten beiden Themen konnten wir schon wichtige Schritte machen. So haben wir für den aktuellen Haushalt der Hansestadt eine Mittelerhöhung von 200.000 € für Jugendverbandsarbeit in Zusammenarbeit mit den jugendpolitischen Sprecher/innen der Parteien anstoßen können. Das deckt noch nicht unseren aufgezeigten Bedarf, aber es bessert die Lage. Schwerer wiegt, dass wir wenig Einfluss darauf haben, wie die zusätzlichen Mittel eingesetzt werden. Jugendverbandsarbeit kann und muss als wichtiger zivilgesellschaftlicher und Demokratie bildender Player weiter wachsen, dafür gilt es, weiterhin politische Initiativen zu ergreifen. Beim Thema School-Life-Balance, bei dem es um mehr Freiräume für Schüler/innen für ein ehrenamtliches Engagement geht, erwiesen sich die Hamburger Schulen als ein sehr diverses und vor allem vielzähliges Gegenüber, was uns in den Dialog mit Senator Thies Rabe und seiner Behörde führte. Mit Erfolg. Gemeinsam konnte eine Broschüre erarbeitet werden, die mit einem Begleitschreiben vom Senator Rabe an alle Schulen verteilt wurde. Die Handreichung zeigt Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern Möglichkeiten auf, wie ein jugendverbandliches Engagement junger Menschen mit dem durchaus fordernden Schulalltag durch Erleichterungen oder Befreiungen vereinbar gemacht werden kann. Diesen Dialog mit Schule und Behörde gilt es weiter zu führen. Beim Thema Uni-Life-Balance, bei dem es analog zum Schulkomplex um mehr Freiräume für junge Studierende geht, gestaltet sich der Austausch mit den Hamburger Universitäten schwierig. Doch hier müssen wir dran bleiben. Denn es sind gerade die 18- bis 24-Jährigen, die uns aufgrund der verdichteten Anforderungen im Studium fehlen, wenn es darum geht, im Jugendverband weitere Verantwortung – wie z.B. bei der Vorstandsarbeit – zu übernehmen. In den Kinderschuhen steckt noch das Thema Kinderschutz, aber auch hier ist die Marschroute recht klar. Jugendverbände haben zwar längst eigene Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt erarbeitet. Aber wie schützen wir unsere Strukturen vor Quereinsteigern, die bereits in anderen Bereichen diesbezüglich auffällig geworden sind? Das erweiterte Führungszeugnis, das vorzulegen ist, bekundet allein vollzogene Verurteilungen ab einem gewissen Strafmaß nicht aber Auffälligkeiten oder noch laufende Prozesse in der Sache. Hier müssen wir weiter nach Lösungen suchen.

Das sind die großen Themen, die wir bewegt haben. Sie werden den LJR und seine Mitgliedsverbände in den nächsten Jahren gewiss weiter bewegen.

Nach zwei Legislaturperioden im LJR-Vorstand ist es für uns an der Zeit, Platz zu machen für neue Menschen mit anderen Perspektiven und frischen Ideen. Das heißt nicht, dass wir ab November komplett weg sind. Aber klar ist auch, dass eine so vielfältige und vielseitige Institution wie der LJR nicht zu lange von den gleichen Leuten bespielt werden sollte.

Für mich persönlich waren die letzten vier Jahre voller neuer Erfahrungen, toller Gespräche und intensiver wie neuer Kontakte.