Heft 2-2009 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Starke Familienbande

Serie WirkungsStätten: die Alevitische Jugend Hamburg

Von Christian Kahlstorff, Hamburg

Eine »typisch deutsche« Erfahrung an der Türschwelle: Muss diese Reportage leider ausfallen, weil auf das Klingeln an der Tür zum Haus der Alevitischen Gemeinde Hamburgs niemand reagiert? Ist eventuell die Klingel defekt? Als der Besucher schließlich bemerkt wird, bittet man ihn sofort und freundlich, doch einfach einzutreten. Die Tür sei schließlich immer offen …

So unauffällig und still die kleine Einbahnstraße in der Nähe des Bahnhofs Altona ist, so lebendig geht hinter der offen Tür des Kulturzentrums zu. Dabei ist an diesem Sonntag im Alevitischen Kulturzentrum Hamburg alles wie immer: Bei Tee und Gebäck sitzen zahlreiche Gemeindemitglieder zusammen, unterhalten sich oder planen gemeinsame Aktivitäten. Ständig kommen und gehen Menschen aus ganz Hamburg – und sogar darüber hinaus. Das Einzugsgebiet der Gemeinde erstreckt sich über Hamburgs Stadtgrenze hinaus. Von den Jugendlichen kommen mehrere aus Winsen, südlich von Hamburg. Es ist laut, durcheinander oder einfach sehr lebendig. Eine feste Raumverteilung gibt es nicht. Einen eigenen Bereich für die Jugendlichen sucht man allerdings vergebens. Sie organisieren sich einen eigenen Raum, wenn sie unter sich sein wollen. Es ist nicht das einzige Provisorium, doch Sibel Karasu (19 Jahre alt), Sekretärin der Alevitischen Jugend Hamburgs, sieht darin kaum ein Problem: »Alles gehört allen. Wir dürfen alles nutzen.« Sogar das Büro des Vorsitzenden, wo sich acht der 20 bis 25 aktiven Mitglieder der Alevitischen Jugend Hamburgs versammelt haben – dort ist Ruhe für ein Gespräch. Schnell wird klar, warum alevitische Verbände immer wieder als vorbildlich hervorgehoben werden, wenn es um Integration und Engagement geht: Die Jugendlichen sehen zwar die aktuellen Probleme, die fehlenden Räumlichkeiten und Strukturen, doch sie sind fest entschlossen, ihre Zukunft besser zu gestalten. Derya Sahan (23) hat den Jugendverband vor etwa fünf Jahren mitgegründet: »Wir wollten einen eigenen Ausschuss, um unsere Wünsche besser artikulieren zu können.«

Die Wünsche waren und sind meist einfach: Die Jugendlichen wollen ihre Freizeit selbst gestalten können. Das Ziel der AJ fasst Gülizar Sahan (20), Schatzmeisterin des Vereins, zusammen: »Zunächst wollen wir mehr Mitglieder gewinnen. Mehr Hände, die helfen, eigene Projekte auf die Beine zustellen.« Projekte – das sind oft gemeinsame Abende mit Musik, Tanz oder Filmen, an denen bis zu 80 Personen teilnehmen. Çagdas Karababa (21), aktuell der Vorsitzende des Jugendverbandes, ergänzt: »Wir haben schon Seminare zum Thema Anti-Rassismus gemacht oder Ausflüge zum Heide-Park in Soltau organisiert.« Eine starke Gemeinschaft, eine Familie, die sich gegenseitig hilft und füreinander da ist, ist aber natürlich nur ein Ziel der Alevitischen Jugend. Im Alltag hilft die Gruppe ihren Mitglieder bei der Vertretung ihrer Interessen gegenüber der deutschen Bürokratie, im Schulalltag oder sonstigen Bildungsfragen. Die Vermittlung der Geschichte, Kultur und Religion der Aleviten ist allerdings integraler Bestandteil aller Aktivitäten.

»Wir haben den Menschen als Buch«

Die Besinnung auf den inneren Zusammenhalt darf dabei nicht als Rückzug missverstanden werden. Das Alevitentum, entstanden im 13./14. Jahrhundert, ist eine Religionsgemeinschaft, die sich aus dem schiitischen Islam entwickelt hat, aber auch Aspekte anderer, vorislamischer Religionen in sich vereint. Manche Aleviten sehen sich als Muslime, andere wiederum nicht. Als relativ kleine Religionsgemeinschaft sind Aleviten nicht nur in ihrem Entstehungsgebiet Anatolien eine Minderheit, was ein umso stärkeres Gemeinschaftsgefühl erzeugt hat. Im Unterschied zum Christentum oder Islam beruht das Selbstbild der Aleviten nicht auf Büchern (Bibel, Koran), sondern auf einer in der Geschichte verankerten Erzähltradition. Aleviten geben ihren Glauben über Lieder, Tänze und mündlich überlieferte Geschichten weiter. Und das bis heute, betont Gülizar: »Wir haben den Menschen als Buch«. Die zwei wichtigsten Angebote für Kinder und Jugendliche im Zentrum sind folgerichtig die Gitarren- und Tanzkurse. Einzig sie finden in einem festen Raum statt. Dort lehrt Asir Özek das Gitarreninstrument Baglama (auch Saz genannt). Die Laute ist für die Aleviten ein besonderes Instrument. Mit ihm begleiten die Gläubigen traditionell ihre Gottesdienste (Cem). Wichtig ist auch, dass Aleviten von der Entscheidungs- und Glaubensfreiheit des Menschen überzeugt sind. Jeder Mensch ist frei zu glauben, was er will. Die Grundpfeiler der alevitischen Vorschriften sind in dem Satz »eline beline diline sahip ol« vereint. »Eline« steht dabei für die Hände, »beline« für die Lende und »diline« für die Zunge des Menschen, die er beherrschen sollte (»sahip ol«). Weder mit Händen noch in Worten (oder gar der Triebe wegen) dürfen die Gläubigen jemand anderem Schaden zufügen. Die Verbote von Mord, Diebstahl, Verleumdung oder Ehebruch gelten ausdrücklich allen Menschen gegenüber, egal welcher Religion oder Überzeugung. Vorurteile gegenüber den Aleviten entzündeten sich in der Geschichte häufig an der – aus heutiger Sicht selbstverständlichen – Gleichstellung von Mann und Frau. Ein Cem wird von allen Aleviten – Männer und Frauen – zusammen und gleichberechtigt gefeiert. Die Gottesdienste finden nur wenige Male im Jahr statt. Ein Besuch steht jedem Interessierten offen – genau wie die Tür zum Gemeindezentrum.

Dreifache Minderheit in Deutschland
Den Jugendlichen ist anzumerken, dass sie ihre Geschichte und die Minderheitserfahrung in dreifachem Kontext (sprachlich, kulturell und religiös) als identitätsstiftend verstehen. Gleichzeitig begreifen sich die Jugendlichen als moderne und integrierte Bürger. Çagdas ergänzt: »Es muss nicht immer um unsere historische Kultur gehen«. Gerade erst haben die Jugendlichen eine eigene Fußballmannschaft gegründet, den »FC Hamburg AKM 09«, in der nicht nur Aleviten spielen. Auch ein Grieche sei dabei, berichtet Anil Dogan. Der Teenager weiß als aktiver Spieler, worum es dort geht: Fußball pur – so wie bei Millionen anderer deutscher Jugendlicher auch. Bei Filmabenden läuft auch mal ein Actionfilm Marke Hollywood. Bei vielen anderen Veranstaltungen stehen Musik und Tanz im Mittelpunkt. Auf Tanzfesten versammeln sich schnell 700 Menschen. Das Geld dafür kommt nicht vom Alevitischen Kulturzentrum; laut den Jugendlichen werden externe Sponsoren dafür gewonnen. Falls ein solches Fest einen Gewinn abwirft, wird er investiert – und zwar in die Förderung noch jüngerer Gruppen. Zuletzt kaufte die AJ Schulmaterialien für mehrere Grundschulen in Anatolien, erzählt Derya.

Ein Leben zwischen den Stühlen
Natürlich begegnen den Jugendlichen noch immer Vorurteilen und Problemen. Besonders die sprachlichen Schwierigkeiten sind präsent, auch wenn Cem Haydar Celik aus der Gruppe es mit viel Humor nimmt. »Hier sprechen wir türkisch miteinander und denken, dass wir das gut sprechen. Wenn wir dann in die Türkei reisen, merken wir erst, wie schlecht unsere Aussprache ist«, grinst er. Hier wie dort sieht man in den Deutsch-Türken allzu oft Fremde und nicht Mitbürger. Çagdas berichtet von einer typischen Episode, die sich für alevitische Jugendliche immer wieder abspielt: Beim Kennenlernen suchen Schüler einer neuen Klasse nach Gemeinsamkeiten, türkisch stämmige Schüler berichten sich gegenseitig, in welche Moschee sie gehen, da fast alle Muslime sind. Alevitische Kinder, die sich zunächst zu den türkisch stämmigen Schülern zählen, fallen da bereits aus der Gruppe heraus bzw. werden bewusst ausgegrenzt. Sind sunnitische Muslime in der Mehrzahl verschärft sich die Abgrenzung noch. Als junger Teenager wunderte sich Çagdas über seine türkischen Kameraden, die sich mit kleinen Kopfstößen nach links und rechts begrüßten. Als er seiner Mutter davon erzählte, meinte sie lapidar, dass er kein Tier sei und daher keine Kopfstöße verteilen sollte. Später erfuhr Çagdas, dass diese Begrüßungsgeste ein Zeichen der »Grauen Wölfe« ist – einem konservativen türkischen Verband mit starkem nationalen Bezug. Von allen Seiten werden Aleviten als »andersgläubig« betrachtet und – ob mit oder ohne bösen Willen – gehören sie erst einmal nicht »dazu«.
Man spürt, dass die Jugendlichen etwas bewegen wollen – für sich, aber eben auch für andere. Um noch mehr aufzubauen und zu bewegen, hat die AJ nun einen Antrag auf Aufnahme in den Landesjugendring Hamburg gestellt. Als gelernte Bankkauffrau ist Gülizar nicht nur bei den Finanzen sehr engagiert: »Ziel unseres Beitritts in den LJR ist mehr Reichweite für unsere Projekte. Wir müssen nicht nur nach innen arbeiten, sondern auch nach außen.« Zu diesem Zweck haben die Jugendlichen ein ganz besonderes Projekt ins Auge gefasst. Im Sommer soll ein Jugend-Cem stattfinden – auf deutsch!

Integration mit Ebbe und Flut
In der kleinen Einbahnstraße in Hamburg Altona wird das Streben heute durch die Flut symbolisiert. Cengiz Orhan, der Vorsitzende des Kulturzentrums, organisiert zur Zeit eine gemeinsame Fahrt an die Ostsee. »Viele von den Älteren leben seit 30 Jahren hier und haben noch nie das Meer gesehen«, schmunzelt er selbst. Es ist nur ein Ausflug, dennoch steht er stellvertretend für den Willen zur Integration. An der Wand im Gemeinschaftsraum hängt eine Liste mit Namen und Zahlen. »Die Spenden für den Kauf eines neuen Gemeindehauses«, erklärt Orhan. Das Zentrum sucht seit Längerem nach einem größeren Gebäude. Einer der wichtigsten Gründe ist für Orhan der Nachwuchs: »Die Kinder sind unsere Zukunft. Sie bedeuten uns alles.«

Mehrere Objekte sind zuletzt gesichtet worden, doch bis auch die Alevtische Jugend eigene Räume bekommt, wird es noch eine Weile dauern. Ein großes Problem ist das aber nicht. Wozu hat man schließlich eine Gemeinschaft, in der man alles miteinander organisieren kann? Nicht erst der Besuch bei der Alevitischen Jugend Hamburgs hat gezeigt, dass wir dabei alle gewinnen und dazulernen können. Offene Türen und mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft zum Beispiel – Integration ist eben eine Bewegung von zwei Seiten aufeinander zu.


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Kontakt:
Alevitische Jugend Hamburg | Hamburg Alevi Kültür Merkezi | Nobistor 33 - 35 | 22767 Hamburg | T. (040) 389 27 24 | hakm-jugend@gmx.de | www.alevi-hamburg.com (website der Alevitschen Gemeinde)

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