Heft 3-2010 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

An den Landungsbrücken raus ...

Serie WirkungsStätten: die Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände in Hamburg

Von Claudia Thorn, Hamburg

Wer von uns Hamburgern steigt eigentlich gelegentlich mal die Treppen neben der S- und U-Bahnhaltstelle Landungsbrücken hinauf, um von der Elbhöhe den Blick über Hafen und Landungsbrücken schweifen zu lassen? Meistens sind es Touristen und Schülergruppen, die diesen Weg gehen – entweder zur Aussichtsterrasse, dem Elbbalkon, oder in die Jugendherberge Stintfang. Dabei hat dieser Ort nicht nur eine wunderbare Aussicht zu bieten, sondern auch eine besondere Geschichte, die erklärt, wie es dazu kam, dass sich auf dem Stintfang neben der Jugendherberge auch ein Haus der Jugend befindet.

Baugeschichte.
Früher thronte hier oben der burgartige Bau der Deutschen Seewarte. Nachdem sie im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, sollte das Grundstück Anfang der 50er Jahre neu bebaut werden. Üblicherweise entstehen in Hamburg auf solchen Sahnegrundstücken repräsentative Gebäude. So hatte es sich der damalige Bürgermeister Max Brauer auch für den Stintfang vorgestellt: Er wollte hier ein Hotel mit erstklassiger Aussicht errichten lassen. Allerdings hatte er nicht mit dem Widerstand der ersten Frau in einer bundesdeutschen Landesregierung, Paula Karpinski, gerechnet. Sie setzte als Präses der Jugendbehörde den Bau der Jugendherberge auf dem Stintfang durch, in deren hinteren Gebäudeteil sich das Haus der Jugend befindet. Mit ihrer Beharrlichkeit setzte Senatorin Karpinski zugleich ein Zeichen für den Stellenwert, den die Jugendarbeit in Hamburg haben sollte.

Ein Jugendverband mit einem Dilemma. Im Haus der Jugend Stintfang hat seit vielen Jahren die Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände in Hamburg ihren Sitz. Sie wird kurz AGfJ genannt und dieses Jahr 40 Jahre alt. So besonders wie der Ort ist auch die AGfJ. Denn obwohl sie eigentlich als Dachverband für kleinere Jugendverbände gegründet wurde und ihre Hauptaufgabe die Vertretung eben dieser Mitgliedsverbände gegenüber den Behörden sowie die Juleica-Ausbildung für die Mitgliedsverbände ist, betreibt sie seit Jahren engagiert eigene Projekte der politischen Bildungsarbeit und interkulturellen Jugendaustausche, die aus dem ehrenamtlichen Engagement Einzelner entstanden sind. Marc Buttler, der selbst Pfadfinder ist und seit einigen Jahren im Vorstand der AGfJ sitzt, nennt diese Zweigleisigkeit leicht ironisch, das »Dilemma der AGfJ«. Aber sofort ist klar, dieses »Dilemma« ist das Salz in der Suppe, macht die Arbeit in der AGfJ lebendig und spannend. Doch wie kam es zu diesem »Dilemma«?

Die AGfJ wurde am 1970 zunächst als eine konservative Abspaltung verschiedener Jugendverbände aus dem Ring Bündischer Jugend gegründet. Ziel war die gemeinsame Interessenvertretung der einzelnen Mitgliedsverbände außerhalb des als zu weit links empfundenen Ring Bündischer Jugend. Im Laufe der Jahre änderte sich die Struktur, Gründungsmitglieder schieden aus, neue Mitgliedsverbände kamen hinzu. Heute gehören der AGfJ die Fkk-Jugend, die Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe, der Bund Deutscher PfadfinderInnen, die CISV-Junioren, Internationaler Jugendverband Europa-Lateinamerika, die Jugendfeuerwehr Hamburg, die junge gemeinschaft, die Junge Presse Hamburg, Musiker ohne Grenzen sowie Juvente und der Waldjugendbund an. Die Fkk-Jugend ist der einzige Verband, der schon zu den Gründungsmitgliedern zählte. Als 1976 der Landesjugendring als Nachfolger des in den 60er Jahren aufgelösten Hamburger Jugendrings gegründet wurde, gehörte wiederum die AGfJ als Sprachrohr ihrer Mitgliedsverbände zu dessen Gründungsmitgliedern.

Internationales. Im Laufe der Jahre entwickelten sich innerhalb der AGfJ verschiedene Arbeitskreise zu internationalen Jugendaustauschen von Nicaragua bis Burkina Faso, denn interkulturelles Lernen wird in der AGfJ als wichtiger Teil der Bildungsarbeit verstanden. Hier können Jugendliche eigene Projekte entwickeln und unter Anleitung organisieren.

Gundela Thiess, heute Bildungsreferentin, ist seit 1996 bei der AGfJ. Angefangen hat sie ehrenamtlich im Arbeitskreis Nicaragua. Nicaragua war das erste Land, mit dem es einen Austausch gab. Diese Beziehung hat sich seit 1990, als die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Léon entstand, intensiviert. Alle zwei Jahre kommt eine Gruppe nicaraguanischer Jugendlicher nach Hamburg. Im darauf folgenden Jahr findet der Gegenbesuch in Léon statt. Gundela berichtet, dass diese Austausche von Anfang an auf Wechselseitigkeit ausgerichtet und mit viel vorbereitender Arbeit verbunden waren. »Dies ist eine der Besonderheiten unserer Austauschprogramme«, erklärt sie. »Es geht nicht darum, von Deutschland in die Welt zu reisen. Es geht um die Auseinandersetzung mit der Kultur. Die Reise ist nur ein kleiner Teil der interkulturellen Arbeit«. Deshalb ist es in den meisten Fällen so, dass dem ersten Austausch eine längere Planungsphase vorausgeht, in der sich die Hamburger mit der Kultur des Austauschlandes beschäftigen. Für viele aktive Ehrenamtliche steht sogar eher die Erfahrung mit den Jugendlichen, die zu Besuch nach Hamburg kommen, im Vordergrund. Sie arbeiten hier in Hamburg aktiv mit, sind aber selbst noch nie in ein Austauschland gereist.

Robert ist 23. Zur Jugendarbeit kam er über die AG Jugendweihe, in der er seit seinem 15. Lebensjahr aktiv war. Zunächst wollte er bei der AGfJ nur seine Juleica-Ausbildung machen, doch dann hat ihn die Arbeit der verschiedenen Arbeitskreise interessiert. Er ist aktiv eingestiegen und arbeitet seit Jahren in Hamburg in der Jugendbildungsarbeit mit, war aber noch nie in Nicaragua oder in einem der anderen Austauschländer.

Neben dem Arbeitskreis Nicaragua gibt es nämlich seit 1992 einen Austausch mit Israel in Zusammenarbeit mit der jüdisch-arabischen Organisation Re'Ut-Sadaka, das heißt Freundschaft in beiden Sprachen. Aufgrund der politischen Situation in Israel gab es immer wieder Phasen, in denen es keine wechselseitigen Besuche gab, doch seit 2003 finden regelmäßige Reisen nach Hamburg oder nach Israel statt.

Wie Projekte entstehen. Die Mitarbeit in den Arbeitskreisen der AGfJ steht allen offen und jede/r kann eigene Ideen einbringen. Dies zeigt die Entwicklung neuer Projekte. Der Austausch mit Peru entstand durch das Engagement ehemaliger Teilnehmer/innen des Nicaragua-Austausches. Da diese selbst peruanische Wurzeln hatten, waren sie neugierig auf das Leben in Peru. Die Gruppe nannte sich deshalb Los Chaskis, das sind Boten in den Anden, und knüpfte engen Kontakt zu den indigenen Jugendlichen der Wayras, das bedeutet Wind, in Peru. Die Wayras engagieren sich sozial und stammen aus dem peruanischen Hochland. 2006 fand der erste Austausch statt.

Der Kontakt mit L`Oeil des Jeunes in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, entstand über einen jungen Journalisten, der 2005 bei einem Aufenthalt in Hamburg die Redaktion der Jungen Presse Hamburg, einem Mitgliedsverband der AGfJ, besuchte. Er lud zum Gegenbesuch ein und 2006 fuhren erstmals 15 Jugendliche nach Burkina Faso. Sie lernten dort die Jugendzeitschrift von L`Oeil des Jeunes kennen und deren Projekte. Seither wurde jedes Jahr ein Austausch entweder in Hamburg oder in Ouagadougou realisiert.

2010 findet erstmals ein trinationaler Austausch zwischen Hamburg, Burkina Faso und Frankreich statt unter dem Motto »Identität und Integration«. Denn nach Frankreich gibt es seit 2008 ebenfalls regen Kontakt. Gemeinsam mit der dortigen Organisation CEMEA führt die AGfJ deutsch-französische Jugendleiterschulungen in Nantes und Hamburg durch. Was lag da näher, als die Beziehungen zu intensivieren und gemeinsam mit Burkina Faso ein Austauschprogramm zu entwickeln, an dem Jugendliche aus drei Ländern beteiligt sind.
Bei ihren Besuchen in Hamburg erkunden die Jugendlichen unsere Stadt, besuchen soziale Projekte, machen gemeinsame Workshops und lernen z.B. bei Besuchen in Neuengamme die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte kennen.

Die Bildungsarbeit der AGfJ beschränkt sich jedoch nicht auf die Austauschprogramme. Auch in Hamburg gibt es viel zu tun. In den Projekten »Respekt – gegen alltägliche Gleichgültigkeit« und »Schau hin« engagieren sich Jugendliche in Workshops, auf Aktionstagen oder mehrtägigen Camps. »Respekt« entstand 2002 nach einer einmaligen Veranstaltung des Amts für Jugend in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hamburger Jugendverbänden unter dem Titel »Rassismus und seine Freunde stoppen«. Sie war der Anstoß für die Ehrenamtlichen in der AGfJ gemeinsam mit dem Pfadfinderinnen- und Pfadfinderbund Nord selbst einen Beitrag gegen Rassismus zu leisten. »Respekt« ist Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Bedrohungen von Rechts. Neben Workshops zu Themen wie Rechter Jugendkultur oder zur Frage »Wie kann ich Zivilcourage gegen Rassismus entwickeln« sind die Gespräche mit Zeitzeugen der Mittelpunkt der Veranstaltung. Die Begegnungen mit Esther Bejarano, einer der letzten Überlebenden des sogenannten Mädchenorchesters von Auschwitz, gehörte in den letzten Jahren zu den bewegenden und prägenden Eindrücken der Teilnehmer/innen.

Der Arbeitskreis »Schau hin« mit dem jährlichen Projekt »Camp Vision« hat dagegen ganz unterschiedliche Themen in petto. Sie kreisen um den Alltag der Jugendlichen und um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen: Privatisierung der Bildung, gewaltfreie Kommunikation, neoliberale Stadtentwicklung, Nahostkonflikt oder Klimafragen sind nur einige Beispiele.

An den Landungsbrücken raus? Der Hamburger Hafen galt immer auch als Sinnbild für Internationalität, das Zusammentreffen von Menschen aus vielen Ländern mit unterschiedlichsten Kulturen. Die AGfJ hat deshalb mit ihren internationalen Bildungsprojekten auf dem Stintfang einen passenden Ort für ihre Arbeit. Besonders für die Austauschgruppen, die dort Seminare abhalten und früher auch übernachten konnten, entweder in den eigenen Räumlichkeiten oder in der Jugendherberge nebenan, ist er ideal. Dieses Jahr war es jedoch erstmals so, berichtet Gundela, dass »wir während der Sommerferien keine Gruppen zur Übernachtung in der Jugendherberge unterbringen konnten. Die Jugendherberge fährt offenbar ein neues Konzept, das verstärkt auf Individualreisende setzt.« Auch wenn niemand etwas Genaues weiß: Es gibt immer wieder Gerüchte, dass die Jugendherberge sich gerne erweitern möchte und das Haus der Jugend ihr eventuell weichen muss. Ob diese Entwicklung im Sinne Paula Karpinskis gewesen wäre, darf man bezweifeln. Das internationale Engagement der AGfJ hingegen hätte sicherlich ihre Anerkennung gefunden. Die AGfJ hat also allen Grund ihr 40jähriges Bestehen zu feiern.


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Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände in Hamburg (AGfJ)

Alfred-Wegener-Weg 3 | 20459 Hamburg | Tel.: (040) 78 89 76 30 | mail@agfj.de | www.agfj.de

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