Von Helen Vogel, Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, Hamburg
So etwas wäre heute nicht zu bekommen. Der Zeltlagerplatz der Hamburger Falken liegt hinter den Dünen direkt am Meer und bietet Platz für Gruppen bis zu 1.000 Personen. Ein fantastischer Ort für Ferienfreizeiten für junge Menschen, der auch anderen Jugendverbänden offen steht. Nach über 60 Jahren Betrieb gibt es einen beträchtlichen Sanierungsbedarf, der auch sozialpädagogisch bedingt ist, und dessen Kosten die Falken und der Trägerverein nicht alleine stemmen können.

Über Pfingsten waren wir, die Hamburger Falken für unser alljährliches Landesverbandscamp auf der Nordseeinsel Föhr, dieses Mal unter dem Motto »Wer wir sein sollen? Wer wir sein wollen!«. Für viele ist es das Highlight des Jahres: Knapp vier Tage Sonne, Natur, politische Bildung, Spiel und Spaß mit Kindergruppen der Falken, dem Falkenflitzer und im besten Fall auch vom Kindergarten Falkennest aus Billstedt, einer Küchencrew bestehend aus Altfalken sowie Mitarbeiter:innen des Zeltlagervereins – und das alles in »unserer welt«.
Der Anfang. »unsere welt«, das ist unser Zeltplatz auf Föhr. 1963 wurde die Wiese mit Strand nach längeren Verhandlungen mit der Gemeinde Nieblum von den Falken Hamburg gekauft. Es war schon immer ein großer Traum der Hamburger Falken einen Zeltplatz an der See zu finden. Gleich im ersten Sommer wurde der Platz mit einem großen Zeltlager eingeweiht, in den ersten zwei Jahren nur mit behelfsmäßigen Sanitäranlagen in Zelten mit Sickergruben. Alle waren von dem Zeltplatz begeistert, so dass schnell weiteres Geld aufgetrieben werden konnte, und schon 1965 wurden neu errichtete Sanitär- und Küchengebäude eingeweiht werden. Seitdem füllt sich jeden Sommer die acht Hektar große Fläche mit Kindern und Jugendlichen aus Hamburg und von überall aus Deutschland und der ganzen Welt. Viele von uns sind auf dem Platz groß geworden oder kennen ihn mindestens seit frühesten Kindertagen.
Betrieben wird der Platz von unserem Zetlagerverein »unsere welt«, ausschließlich von (ca. 70) ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen »geschmissen«, teilweise in der dritten Generation. Um Kindern Erholung und das spielerische Kennenlernen der Umwelt (von Ebbe und Flut bis zum unter Naturschutz stehenden Feuchtbiotop), sowie die Erfahrung von Selbstorganisation und Solidarität zu ermöglichen, braucht es so allerlei: Neben Organisation und Verwaltung gehören selbstverständlich die Instandhaltung und Pflege des Platzes, der Gebäude und der Zelte dazu ebenso ein Küchenteam, das gesundes und leckeres Essen für bis zu 500 hungrige und anspruchsvolle Leckermäuler kocht, und ein Team aus Sanitäter:innen für Erste Hilfe. Letztlich gibt es noch einen Kiosk am Mittag und die Sauerkrautbar am späten Abend.
Mehr als Zelten. Die Falken haben Zeltlagererfahrungen seit 1927 gesammelt. Damals fand die erste Kinderrepublik in Seekamp bei Kiel statt. Zeltlager heißt bei uns: die Welt verstehen lernen und verändern – gemeinsam. Gegenwelterfahrung ist die Praxis, schon heute so zu leben, wie das Morgen sein soll. Gegen Konkurrenz und Einsamkeit lernen wir den Alltag in der Gruppe und im Kollektiv zu gestalten. Geschlechter gemischte Gruppen stellen kulturelle Stereotype und Vorurteile infrage und ermöglichen es, sich als Gleiche zu begegnen. Über die Gestaltung des Lagerlebens wird demokratisch entschieden. Dabei haben alle gleichberechtigt Bedeutung (Kinder, wie Jugendliche und Erwachsene), und alles kann geändert werden, was nicht bspw. durch den Jugendschutz vorgegeben ist oder das finanzielle Budget sprengen würde. Vom Zähneputzen und Geschirr abwaschen bis zur Geschichte des antifaschistischen Widerstands lernen wir mit- und voneinander – spielerisch, ausgehend von den persönlichen Erfahrungen, Interessen und Fragestellungen – für die Gestaltung einer besseren Welt.
Das wollen wir viele Jahre weiter so machen, wir wollen unsere Arbeit – insbesondere nach dem Corona-Lockdown – ausbauen und vielen weiteren Kindern die Erfahrung ermöglichen, Teil eines Zeltlagers und somit einer sozialen Gemeinschaft zu sein.
Insbesondere in Zeiten sozialer Polarisierung und wachsender rechter Kräfte, die die bestehende soziale Ungleichheit aggressiv verteidigen wollen, kommt echter Demokratiebildung eine besondere Bedeutung zu. Denn wer gelernt hat für Gerechtigkeit einzustehen, wer erkannt hat, dass er:sie mit anderen zusammen für Verbesserungen streiten kann, wer mit Gleichaltrigen verschiedenster Herkunft zusammengelebt und festgestellt hat, dass uns mehr verbindet, als uns trennt, der:die wird wohl kaum »den Ausländer« zum Hauptproblem erklären oder gar auf die Politik »starker« Männer hoffen und die AfD wählen. Ganz im Gegenteil: Wer gelernt hat, mit anderen das Zusammenleben in einem Zeltdorf oder einer Zeltstadt zu organisieren, kann das auch in größerem Maßstab.
Bei steigender Armut ist gesunde Ernährung und Erholung an der Meeresluft zu günstigen Preisen nicht nur entscheidend dafür, dass Kinder und Jugendliche dem Alltag entfliehen können, sondern vor allem, dass sie Zeit, Raum und Abstand gewinnen, um zu reflektieren, was sie Tag für Tag erleben. Wenn es auf Zeltlager anders geht, dann muss es auch in Familie oder Schule anders sein können. Wenn Lernen mit Gleichgesinnten freiwillig und interessengeleitet plötzlich Spaß macht, dann ist das eine Erfahrung, die weit über das Zeltlager hinausreicht.
In einer Gesellschaft, in der die »Kriegstüchtigkeit« der Bevölkerung gefordert wird und Kinder schon jetzt durch Werbung der Bundeswehr und Besuche in Schulen darauf eingestellt werden sollen, dass sie später das Töten mit der Waffe in der Hand »lernen« sollen, erhält Friedenserziehung große Bedeutung und Brisanz. Denn: Konflikte lassen sich nur ohne Gewalt lösen; im Großen wie im Kleinen kommt es darauf an zu lernen, Aushandlungen zu treffen und sich zu einigen. Auf einem Zeltlager gilt nicht das Recht des Stärkeren, vielmehr sind vernünftiges Begründen, überzeugendes Argumentieren und kluge Kompromissbildung handlungsleitend. Demütigungen, Erniedrigungen und konkurrenzhaftes Verhalten haben nicht nur keinen Platz, Kinder lernen auch, dagegen solidarisch zu handeln.

Marode Infrastruktur. Das alles geht nicht ohne die entsprechende Infrastruktur. Unser Waschhaus, zuletzt im Jahr 2000 renoviert und mit einer Solaranlage versehen (damals die größte ihrer Art auf der Insel) braucht ganz dringend eine grundlegende Sanierung. Vor allem aus pädagogischen Gründen: Die offenen Gruppenduschen entsprechen in der Regel nicht den Konzepten zur Prävention sexualisierter Gewalt, zudem ist das gesamte Haus ist nicht barrierefrei gestaltet. Beides führt schon jetzt dazu, dass Jugendgruppen nicht mehr nach Föhr kommen. Darüber hinaus ist auch die Sanierung der Wasserleitung für die Gewährleistung der Hygiene erforderlich.
Auf unserem Landesausschuss im vergangenen Jahr haben wir mit den aktiven Helfer:innen und Jugendlichen des Verbandes verschiedene Entwürfe zum Umbau diskutiert und eine Präferenz getroffen. Jedoch ist solch eine Sanierung sehr teuer, wir rechnen mit 1,5 Millionen €. Denn aus Naturschutzgründen kann das Gebäude nicht einfach abgerissen und neu gebaut werden. Und jeder Stein, der auf die Insel kommt, muss vom Festland mit dem Schiff hinübergebracht werden, ebenso wie jede Schaufel und jeder Bagger. Das ist teuer. Muss aber sein. Für die Kinder und Jugendlichen von heute und von morgen.
Deswegen brauchen wir Unterstützung von jedem, damit noch viele Zeltlager auf Föhr stattfinden können, bei denen Kinder lernen, dass die Welt ganz anders sein kann.
Ihr seid mit eurem nächsten Zeltlager und auch sonst jederzeit herzlich willkommen in unserer Welt auf Föhr.
Und bis dahin grüßen wir mit dem Falkengruß »Freundschaft«!
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Info
Zeltlagerplatz unsere Welt auf Föhr
Meedsweg, 25938 Nieblum, T. 04681 – 28 36