Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2026, Rubrik Titelthema

We need Space – Zwischen Kirchenschließung und Gruppenstunde

Über die Herausforderungen der DPSG Hamburg beim Wegfall kirchlicher Räumlichkeiten und neue Wege zur Selbsthilfe

Von Jana Karner, Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg

Die Frage nach geeigneten Räumen für Jugendverbandsarbeit ist auch in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) Hamburg eine sehr aktuelle. Für einige Ortsgruppen der DPSG, die mit 11 Ortsgruppen in Hamburg und 9 Ortsgruppen in Schleswig-Holstein vertreten ist, wird sie zunehmend existenziell.

Kirchliche Räume als gewachsene Grundlage. Traditionell sind die Ortsgruppen der DPSG an katholischen Gemeinden angesiedelt. Die Kirchenräume wurden den Pfadfinder*innengruppen bislang kostenlos zur Verfügung gestellt – meist mehrere Gruppenräume für Gruppenstunden und Lagerung von Zeltmaterial sowie die Möglichkeit zur Mitnutzung von Küche und weiteren Gemeinderäumen. Jugendverbandsarbeit wird hier ermöglicht, ohne Ausgaben für Mieten oder Belastung der LFP-Gelder durch die DPSG. Was auf den ersten Blick nach einem komfortablen Arrangement aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung für manche Gruppe als strukturelle Abhängigkeit. Denn wo langjährige Probleme mit Feuchtigkeit und Schimmel, baufälligen Gebäuden oder Standortschließungen durch Immobilienreformen hinzukommen, stehen Ortsgruppen plötzlich vor konkreten Problemen und Fragen: Welche Bedeutung messen die Gemeinden der Jugendarbeit der DPSG bei? Wo finden zukünftig Gruppenstunden statt? Wo bleibt das Material? Und wie sollen alternative Räume finanziert werden?

Ursachen: Kirchlicher Wandel und Immobiliendruck. Der Hintergrund ist struktureller Natur.  Die Gemeinden sind zu Pfarreien zusammengefasst, die als eigenständige Körperschaften des Erzbistums Hamburg eigene finanzielle Verantwortung tragen. Sinkende Mitgliedszahlen der katholischen Kirche erhöhen den Kostendruck spürbar für das Erzbistum und die Pfarreien. Die laufenden Immobilienreformen sind eine direkte Konsequenz – mit dem Ziel, finanzielle Lücken zu schließen, aber mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Jugendarbeit vor Ort.
Die Betroffenheit der einzelnen Ortsgruppen ist dabei höchst unterschiedlich: Sie reicht von stabilen Verhältnissen ohne absehbare Veränderungen über unverbindliche Sanierungszusagen und ersatzlose Abrisse, bis hin zu Neubauprojekten mit eigens für die Jugendarbeit geplanten Räumen. Pauschale Lösungen für den Wegfall der Räumlichkeiten gibt es nicht. Die ersten Ortsgruppen können bereits seit geraumer Zeit ihre Räume am ursprünglichen Standort nicht mehr nutzen und sind angewiesen auf gutes Wetter oder die vorrübergehende Mitnutzung anderer Gemeinderäume, teilweise auch der Gemeinde in einem anderen Stadtteil. Organisatorisch und logistisch bedeutet dies einen erheblichen Mehraufwand für alle Beteiligten, um sicherzustellen, dass Gruppenstunden stattfinden können.

Neue Räume – neues Denken. Die Suche nach Alternativen erfordert mehr als nur das Finden einer neuen Adresse. Sie verlangt mehr Zeit, Engagement und Verantwortung von den Leiter*innen in ihrem Ehrenamt. Sie zwingt Ortsgruppen zur Reflexion ihrer eigenen Strukturen: Welche Ansprüche sind unverzichtbar, welche verhandelbar? Wann und wie können Gruppenstunden stattfinden? Wo sind neue Räumlichkeiten im Einzugsgebiet zu finden? Welche Kooperationspartner kommen in Frage – andere Verbände, Schulen, städtische Einrichtungen? Neue Räume bedeuten in vielen Fällen tiefgreifende inhaltliche und organisatorische Veränderungen, Abschied von Gewohntem und den Neuanfang unter veränderten Bedingungen.

»We need Space«. Um den Ortsgruppen in dieser Situation konkrete Unterstützung zu bieten, veranstaltete die DPSG Hamburg einen Fachtag unter dem Titel »We need Space«. Ziel war es, die betroffenen Gruppen aus einer Haltung der Ohnmacht herauszuführen und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten: Wissen teilen, neue Perspektiven entwickeln, Netzwerke sichtbar machen und Erfahrungsaustausch ermöglichen.
Das Programm umfasste einführende Vorträge zur aktuellen Raumsituation und zur Lage des Erzbistums sowie praxisorientierte Workshops mit Referierenden aus dem Erzbistum Hamburg, der Sozialbehörde Hamburg, dem AHP und aus den Ortsgruppen selbst. Themen waren unter anderem alternative kirchliche und städtische Kooperationsmöglichkeiten, bestehende Lösungsmodelle anderer Verbände und Ortsgruppen, infrastrukturelle Ideen, Story Telling und Netzwerken sowie eine Schreibwerkstatt für Anträge an Behörden und Gremien.
Mit rund 40 Teilnehmenden war der Tag gut besucht. Besonders bemerkenswert war das konstruktive Miteinander zwischen Gruppen, die unmittelbar von Raumverlust bedroht sind, und solchen, die aktuell keine Engpässe haben. Ein einheitliches Fazit ergab sich angesichts der unterschiedlichen Ausgangssituationen nicht – aber mehrere gemeinsame Haltungen kristallisierten sich heraus:
• Der Wunsch nach aktivem Vernetzen mit anderen Verbänden, Schulen und potenziellen Kooperationspartnern
• Die Pflege bestehender Beziehungen und Netzwerke, auch ohne akute Raumnot
• Das Bewusstsein, dass räumliche Veränderungen häufig auch inhaltliche Neuausrichtungen anstoßen
• Eine gestärkte Haltung im Sinne von Selbstwirksamkeit und Eigeninitiative

Der Fachtag machte jedoch auch eine strukturelle Grenze sichtbar: Wenngleich die DPSG Hamburg an diesem Tag erhebliche personelle Unterstützung seitens des Erzbistums Hamburg erfahren hat, wurde zugleich deutlich, was das Erzbistum nicht leisten kann – nämlich die Pfarreien und Gemeinden zur gemeinsamen Lösungsfindung oder zur Bereitstellung von Räumlichkeiten für die Jugendarbeit zu verpflichten. Der Grund liegt in der bereits erwähnten finanziellen Selbstverwaltung der Pfarreien als eigenständige Körperschaften innerhalb des Erzbistums Hamburg. Diese rechtliche und finanzielle Eigenständigkeit entzieht sich dem direkten Zugriff des Erzbistums – und verlangt von den Ortsgruppen umso mehr, auf eigenes Engagement und Vernetzung zu setzen.

Fazit. Die Situation der DPSG Hamburg zeigt eine Facette der Entwicklung, die viele Träger der Jugendverbandsarbeit kennen: Der Wegfall kostenloser oder günstiger Räume trifft Gruppen, die auf ehrenamtlichem Engagement und knappen Mitteln basieren, besonders hart. Lösungen entstehen nicht durch Abwarten, sondern durch frühzeitige Vernetzung, den Willen zur Veränderung Fachveranstaltungen, die genau dafür den Raum schaffen – und idealerweise auch durch politische und gesellschaftliche Unterstützung.