Von Marek Neu, Hamburg
Ob sich Hamburg für die Austragung der olympischen Spiele im Jahre 2036, 2040 oder 2044 bewerben sollte, ist derzeit eines der hitzigsten Streitthemen innerhalb der Stadt. Am 31. Mai können alle Hamburger*innen beim Bürgerschaftsreferendum darüber abstimmen. Doch was dafür und was dagegenspricht, ist vielen Menschen in der Stadt noch unklar. Um über alle Positionen aufzuklären, lud die Deutsch-Türkische Jugend Hamburg Anfang März zu einem Streitgespräch mit zwei Politiker*innen in den Teepavillon in den Neuen Wallanlagen ein. Die Pro-Seite vertrat Kemir Čolić, SPD, während Heike Sudmann, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft, sich gegen die Spiele aussprach. Ein Bericht über die Debatte und über die Reaktionen des Publikums.
Nicht bloß Geklöne. Die Veranstaltung findet im Rahmen des »Klönschnacks« statt, dem zweimal monatlichem Zusammentreffen der Deutsch-Türkischen Jugend. Jede*r Zuhörer*in erhält beim Einlass drei farbige Kärtchen: Erkan Şahin, Vorsitzender des Verbands und Moderator des heutigen Streitgesprächs, ruft das Publikum zu Beginn des Abends zum Stimmungsbild auf: Wer für Olympia ist, solle seine grüne Karte hochhalten, wer dagegen ist, seine rote. Man kann sich allerdings auch enthalten, indem man seine weiße Karte zeigt. Interessanterweise entscheidet sich die Mehrheit für Letzteres: Ideale Bedingungen für die beiden Diskussionspartner*innen, um das Publikum von der jeweils eigenen Position zu überzeugen.
Eine klare Sache? Innerhalb der Hamburger Politik herrscht eine fast einhellige Meinung über die Streitfrage: Mit Ausnahme der Partei Die Linke sprechen sich alle der in der Bürgerschaft vertretenen Parteien für Hamburg als mögliche Spielstätte aus – weshalb, wie Erkan erklärt, auch nur ein*e Vertreter*in des jeweiligen Standpunkts eingeladen ist. »Wir alle, und jede Generation, die nach uns kommt, würden davon profitieren«, fasst Kemir am Ende seines Vortrags seine Pro-Perspektive zusammen, die sich mit denen aller anderen Befürworter*innen deckt: Das Konzept verspricht u.a. massive Investitionen in die Infrastruktur, den Ausbau von U- und S-Bahnen in bisher abgehängte Bezirke, Klimaneutralität für die gesamte Veranstaltung sowie die Förderung von Jugend- und insbesondere Behindertensport. Jede*r Schulgänger*in solle fünf Stunden Sport in der Woche auf dem Plan haben, außerdem nimmt sich Hamburg vor, die »barriereärmste Metropole Deutschlands« zu werden. Doch das Wichtigste sei, dass sich die Gesamtkosten mit den Einnahmen durch die Veranstaltung decken sollen. Man werde keine neuen Sportstätten bauen, sondern auf die vorhandenen Orte zurückgreifen. Die Einnahmen durch Ticketverkäufe und Sponsoring würden an die Stadt Hamburg gehen – und nicht ans Internationale Olympische Komitee (IOC), anders als beispielsweise bei einer FIFA-WM. Außerdem plane man, einen Vorrang für Hamburger Publikum einzurichten: Eine Millionen Tickets für nur zwanzig Euro sind einkalkuliert, und 60% der Spiele sollen an Orten stattfinden, an denen es gar kein Eintrittsgeld braucht.

»Das hört sich doch alles gut an«, leitet Erkan nach Kemirs Statement zum Gegenpol über: »Warum bist du, Heike, trotzdem dagegen?«. Sie kann aber leicht dagegenhalten: »Ich bin zwar für Sport«, erklärt Heike (sie habe jahrelang Basketball gespielt), »doch der Nutzen von Olympia für den Breitensport und die Stadtentwicklung ist keineswegs offensichtlich«. Sie widerspricht Kemir in nahezu allen Punkten: Es ergäbe keinen Sinn, bei akuten Problemen in der Stadt die Lösungsperspektive auf den Zuschlag für Olympia auszurichten. Beispiel Wohnungsnot: Warum sollen Wohnungen in der geplanten »Science City Bahrenfeld«, in der auch das olympische Dorf Quartier beziehen soll, erst zum Zeitpunkt der olympischen Spiele fertig gebaut werden? Beispiel Schwimmunterricht: Das Olympia-Konzept verspreche, dass es in Zukunft kein Hamburger Kind mehr geben solle, das nicht schwimmen kann. Heikes Einwand: »Warum müssen wir vierzehn Jahre warten, bis Kinder schwimmfähig werden?«.

Allein für die jetzige Olympia-Werbekampagne gebe die Stadt elf Millionen Euro aus. »Das könnte man besser für Jugendarbeit verwenden!«, betont Heike, »So viele Kinder stehen derzeit auf Vereinswartelisten und können kein Fußball spielen. Wenn diese Listen abgearbeitet sind, sind diese Kinder inzwischen keine Kinder mehr!«. Außerdem sei das Ziel, die Stadt »barrierearm« zu gestalten, ein Unfug, da »barrierefrei« genauso gut erreicht werden könnte. Zudem würden die meisten Hamburger*innen von Olympia wahrscheinlich gar nichts haben, weil die angekündigten 20€-Karten nur für Wettkämpfe zu Randzeiten freigegeben würden und man als normale*r Verkehrsteilnehmer*in höchstwahrscheinlich wegen der vielen Straßensperrungen innerhalb der Stadt überhaupt nicht vorankäme. Allgemein befürchtet Heike, dass sich die Kosten für alles zusammen eben doch nicht mit den Einnahmen decken würden, was sie anhand von Beispielen aus anderen Städten belegt.
Kemir beendet den Debattenteil mit persönlichen Worten. Seine Eltern kommen aus Bosnien-Herzegowina und erinnern sich gerne an die Winterspiele 1984 in Sarajevo. So etwas würde Kemir gerne in Hamburg sehen: »Es wäre ein wunderschönes Ereignis, die Welt bei uns zu Gast zu haben«.
Weiterhin unentschlossen? Nun ist das Publikum ein zweites Mal dazu aufgefordert, seine Meinung per Karte kundzutun. Zwar gab es an die beiden Diskutant*innen fast keine Fragen, doch zeigt sich in der zweiten Abstimmung, dass sich die Positionen von mehrheitlich Weiß (wie unentschlossen) nunmehr zu etwa gleich großen Pro- und Kontra-Blöcken verschoben haben. Im nachfolgenden »Klönschnack« berichten einige Anwesende, dass sie die Veranstaltung nutzen wollten, um sich einen besseren Überblick über die verschiedenen Positionen zum Thema zu verschaffen. So ist Onno zwar nach wie vor unentschlossen, doch seine Kritikpunkte hätten sich nun verringert. Tutku hingegen stand den Spielen vor der Diskussion neutral gegenüber, lehnt sie nunmehr allerdings ab: »Das Geld könnte man gut woanders hinstecken«, sagt sie. Jemand anderes ergänzt für den Fall des Olympia-Zuschlags an Hamburg, dass er als Bürger der Stadt die Sportereignisse dann auch live erleben wolle. Durch Heikes Argumente befürchtet er nun, dass dieser Wunsch unerfüllt bleiben könnte.
Erkan als Gastgeber des Abends hingegen spricht sich für Hamburg als Austragungsstätte der olympischen Spiele aus: Er hält sie für ein zukunftsträchtiges Projekt, das auch strukturschwache Teile der Stadt bereichern würde. Nur einen kleinen Haken sieht er für sich persönlich an Olympia: »Ich als Autofahrer werde den Verkehr hassen«, gesteht er scherzhaft.
Noch ist alles offen: Ob die Hamburger*innen für oder gegen Olympia stimmen werden, wird sich beim Referendum am 31. Mai zeigen. Vielleicht hat der heutige Diskussionsabend beim anwesenden Publikum zur Entscheidungsfindung beigetragen. Dem guten Beispiel sollten weitere folgen!
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© Photos: Marek Neu