Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 1-2026, Rubrik Vielfältige Jugendarbeit

Kommen und Gehen

Veränderungen in der Hamburger Jugendverbandsszene

Von Marek Neu, Hamburg

Jugendverbände vertreten die Interessen junger Menschen und bilden in ihrer Vielfalt deren Bedürfnisse ab. Da »Jugend« nie gleichbleibt, verändern sich nicht nur bestehende Jugendverbände. Es entstehen immer wieder neue Verbände und alte, die nicht mehr in die Zeit passen, lösen sich auf. punktum zeigt drei Hamburger Beispiele, die jeweils auf ihre Art und Weise in den Zug der Zeit einsteigen oder ihn verlassen. 

Einsteigen

»Wir machen Bildung!« Zuwachs wird der Kreis der Hamburger Jugendverbände bald mit Hinara haben. Die Bildungsinitiative lädt Anfang März zu ihrer ersten Podiumsdiskussion ins Haus Drei in Altona. »Wir machen Bildung« heißt die Veranstaltung, und dies beschreibt die Arbeit des Vereins treffend: Mitte 2025 schloss sich eine Gruppe junger, in Deutschland lebender Frauen aus dem SWANA-Kulturkreis (Südwest-Asien & Nordafrika) zusammen, um gemeinsam »alternative Lernräume« zu gestalten und die Wissenschaft um »nicht-eurozentristische, antipatriarchale Perspektiven« zu erweitern. »Wir von Hinara bieten Lernräume, die sich außerhalb von klassischer, hierarchischer Wissensvermittlung bewegen«, erklärt Roza, die die heutige Podiumsdiskussion moderiert. »Anstatt der frontalen Wissensweitergabe arbeiten wir dialogisch und machtkritisch«. Der Name »Hinara« ist kurdisch und bedeutet »Granatapfel« – der auch das Logo des Vereins darstellt. Die vielen Kerne der Frucht stehen symbolisch für die untereinander zusammenhaltenden Frauen sowie für deren politisch bildende Fruchtbarkeit. 

Perspektivwechsel. Zur heutigen Podiumsdiskussion sind zwei Referentinnen geladen: Dur Bibi, Verteidigungs- und Strategiewissenschaftlerin so-wie Exil-Aktivistin, berichtet von der Repression gegenüber ihrem Volk in ihrer Heimat Belutschistan – einem kolonisierten Gebiet, das sich über die Staaten Iran, Afghanistan und Pakistan erstreckt. Trotz der staatlichen Unterdrückung, die in allen drei Staaten von erheblichem Ausmaß sei, rege sich Widerstand in Belutschistan. Dieser würde laut Dur Bibi vor allem von Frauen getragen.

Außerdem spricht Hêvîdar Isik, Soziologin an der Universität Münster mit Fokus auf Gender- und Migrationsforschung und selbst Hinara-Mitglied. Sie erzählt vom Stand der Frauenakademien in Rojava, dem kurdischem Nordosten Syriens. Diese seien heute mehr denn je ein zentraler Bestandteil des Kampfs gegen totalitäre Ideologien, wie der des IS. Die innovativste Wissenschaft aus den Frauenakademien sei die Jineologie, zu Deutsch in etwa die »Wissenschaft der Frau«. Diese sei jedoch unvergleichbar mit westlicher Genderforschung, sondern habe zusätzlich zum Hinterfragen der bestehenden Geschlechterunterteilung in unserer Gesellschaft einen starken Praxisbezug: Alles angeeignete Wissen solle im Kampf um feministische Emanzipation, auch auf physischem Wege, genutzt werden. Dies sei eine Ergänzung zur westlich-patriarchalen Wissenschaft. Denn: »Bildungsinstitutionen und Wissenschaft sind nicht neutral«, so Isik. Dies überschneidet sich Auffassung Hinaras, wie Roza sie darlegt: »Forschung ist nicht neutral, sondern geprägt von patriarchalen, eurozentristischen Denkmustern. Wir von Hinara wollen sie deshalb um unsere Perspektiven erweitern«.

Reise ins Herz der Finsternis. Trotzdem es Hinara noch nicht einmal ein Jahr lang gibt, hat der Verein neben vielen Seminaren, Workshops und politischen Filmabenden auch schon erste Bildungsreisen auf die Beine gestellt. Anfang des Jahres ging es für eine Gruppe junger Frauen für vier Tage nach Paris, um sich kritisch mit dem kolonialen Erbe der französischen Hauptstadt auseinanderzusetzen. Insbesondere hatten sie dabei den Louvre, den berühmten Kunstpalast, im Visier. »Die Kritik am Louvre bezogen auf den Kolonialismus haben wir nicht erfunden«, schmunzelt Roza, »doch unser Ziel war es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass viele der ausgestellten Objekte eine Hintergrundgeschichte haben, die das Museum außen vorlässt«. Problematisch sei, dass die westliche Kunsthistorik ein Objekt ausschließlich aufgrund seiner ästhetischen Qualität bewerte. Insbesondere bei Ausstellungsstücken, die ursprünglich kulturell aus einem anderen Kontext stammen und als Folge des Kolonialismus nach Europa gelangten, müsse man diesen Bezugsrahmen in der Rezeption mitberücksichtigen. »Es gibt dort Vasen, die ganze Geschichten erzählen, und wunderbare Darstellungen der mesopotamischen Muttergöttin Inanna«, erinnert sich Roza. Doch anstatt die spirituelle Bedeutung der Kunstwerke angemessen wertzuschätzen, verrücke der Louvre diese ins Gebiet der Esoterik. Diese Geisteshaltung ist nicht nur im Louvre anzutreffen, sondern zieht sich durch die gesamte Wahrnehmung der Kultur und Gesellschaft der SWANA-Region im Westen, wie Roza weiter erläutert: »Der deutschsprachige Bildungsdiskurs ist maßgeblich von eurozentristischen Kanons geprägt. Andere Wissenssysteme werden abwertend behandelt. Insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund finden ihre Perspektiven in der Wissensvermittlung der Institutionen gar nicht wieder«. Roza ist dennoch überzeugt, dass sich ein Besuch des Louvre aus kritischer Perspektive lohnt: »Man braucht allerdings ein starkes ideologisches Rückgrat«. Für Hinara selbst haben sich durch die Reise neue Kontakte und Perspektiven ergeben. Infolge unternahmen sie eine kolonialkritische Führung durch die neubenannte »Sammlung SWANA«, ehemals »Sammlung für islamische Kunst«, im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Abgeschlossen werden soll das gesamte Projekt durch eine schriftliche, in der Gruppe ausgearbeitete Reflexion, die in naher Zukunft erscheinen soll.

Durch jede Wand hindurch. Als Hinara sich gründete, hatten die jungen Frauen mit Misstrauen und Zweifel zu kämpfen. Stimmen aus der Szene sollen gemunkelt haben, dass die Initiatorinnen Hinaras aufgrund ihres jungen Alters gar nicht über die Kompetenzen verfügten, diese Art von Bildung zu vermitteln – einem allgemeinen Trugschluss, dem wohl einige Jugendverbände ausgesetzt sind. Doch Hinara lässt sich nicht unterkriegen. Aktuell befindet sich der Verein im Anerkennungsverfahren zum Jugendverband. Von dieser institutionellen Absicherung erhofft sich Hinara eine langfristige Verbesserung ihrer Bildungsarbeit. Nicht nur sollen bundesweite Mitgliederversammlungen abgehalten werden und eigene Publikationen erscheinen, sondern der Verein will u.a. auch eine eigene Frauenakademie gründen. Weiterhin sollen die europäischen Beziehungen zur SWANA-Region gestärkt werden. Zudem möchte der Verein, der bereits in der Arbeitsgemeinschaft internationaler Jugendverbände (AGiJ) organisiert ist, sein eigenes Netzwerk erweitern. »Wir freuen uns auf den fachlichen Austausch mit den anderen Jugendverbänden«, sagt Roza vorausschauend.

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Info
Hinara – Bildungsinitiative für junge Frauen und Mädchen aus der Region SWANA 
www.instagram.com/hinara.verein/ | info@remove-this.hinara.de | Stresemannstraße 375, 22761 Hamburg
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Ankommen

Den Schritt über die Schwelle des Anerkennungsverfahrens bereits geschafft hat der Verein Basement aus Hamburg-Rissen. Den offenen Jugendtreff für 14 bis 27-jährige gibt es zwar bereits seit 2004, doch erst seit 2024 ist er ein eingetragener Verein und seit Beginn dieses Jahres ein anerkannter Jugendverband. In der Zeit davor war das Basement in den Kellerräumen der evangelischen Kirchengemeinde Sülldorf-Iserbrook untergebracht – daher dessen Name. »Wir haben uns irgendwann selbst dazu entschieden, uns aus der Hut der Kirche zu verabschieden«, berichtet Niklas Kleemiß aus dem Basement-Vorstand. »In der Gemeinde hatten ab einem bestimmten Zeitpunkt zu viele alte Menschen das Sagen, die nicht wollten, dass Jugendliche selbst etwas auf die Beine stellen«. Das Basement habe aber dennoch nicht alles aus seiner kirchlich geprägten Zeit im Damals zurückgelassen: »Wir singen nach wie vor gerne in der Gruppe aus unserem Liederbuch«, erzählt Niklas. »Außerdem leben wir die christlichen Werte, die enorm hilfreich im alltäglichen sozialen Miteinander sind«.

Startschwierigkeiten. Die Anfangsphase der Selbstorganisation war für Basement von vielen Turbulenzen durchzogen: Der Verband durfte die Räumlichkeiten, in denen er sich seit seinem Auszug aus der Kirchengemeinde befand, zwar kostenlos nutzen, doch hatte er keine Erlaubnis dort auf ewig zu bleiben. Ende 2025 stellte er deshalb einen dringlichen Antrag auf verbindliche Zusagen für Fördergelder beim Bezirksamt Altona, um die Mietkosten fürs Jahr 2026 decken zu können. Das Ringen war erfolgreich: die konsumtiven Kosten des Basements werden nun durch das Bezirksamt Altona gedeckt. Derzeit bezieht Basement neue Räumlichkeiten in der Straße Am Rissener Bahnhof, die langfristig genutzt werden können. 

»Wie eine Familie«. Das Basement bietet an zwei Abenden in der Woche ein dreistündiges Jugendcafé an. Die Stimmung heute ist locker-fröhlich. Am Esstisch sitzt eine Jungengruppe beim Kartenspiel, während aus Lautsprechern an den Wänden deutschsprachige Popmusik ertönt. Fröhlich grölt man die Refrains »Willst du mit mir Drogen nehmen?« sowie den zu Marterias »Lila Wolken«. Heute ist »Sandwichmaker Night«: Die warmen, belegten Toasts erhält man für einen geringen Preis hinter einem Bartresen aus Flaschenkästen. 

Die Jugendlichen beschreiben das Basement allgemein als einen Ort, an dem man abschalten könne und auf Leute treffe, die wie eine Familie zusammenhalten: »Viele bei mir haben die Schule gewechselt«, erzählt Dennis, der seinen Abend gemeinsam mit seinen Freunden im Basement verbringt: »Hier hat man die Gelegenheit, diese Menschen wiederzusehen«. Boris, der auch im Team tätig ist, verbringt gerne seine Zeit im Basement, weil man hier auch ohne Alkohol Spaß haben könne: »Man braucht hier keine Angst zu haben, gleich von jemandem vollgekotzt oder bepöbelt zu werden. Das Basement ist ein sicherer Raum, in den man sich zurückziehen kann«. Und Han Yu schwärmt davon, dass man hier auf Leute treffe, mit denen man gleiche Interessen und Vorlieben teile: »In der Schule fühlt man sich oft allein, wenn man beispielsweise gerne Jazz hört. Wenn das im Basement aber jemand anspielt, dann grooven die Menschen dazu genauso wie man selbst«. Als in der Gesellschaft später allerdings der Wunsch nach dem Song »Avocado Love« aufkommt, muss Han Yu sich selbst korrigieren: »Wir hören doch nicht die gleiche Musik!«.

Reisen in den Keller? Besucht man das Basement, so fallen einem besonders die Holzbasteileien ins Auge, die in den Räumen verteilt die Wände schmücken. Hierbei handelt es sich um die sogenannten »Gruppenprojekte«, die auf den jährlichen Sommerreisen des Basements entstehen. »Sie sind Erinnerungen an die Reisen, die im Raum hängen bleiben sollen, und zu denen jede*r ihren / seinen Teil zu beitragen soll«, erklärt Niklas. Jedes Gruppenprojekt erzählt von einer Sommerreise – jenes aus dem Jahre 2025 von Grouvy in Belgien: das Gruppenprojekt war hier eine Sonnenblume, bei der jede*r Teilnehmende jeweils ein Blütenblatt gestaltete. Neben Spiel und Spaß auf dem Ferienhof und im Badesee stattete die Gruppe u. A. den nahegelegenen Städten Luxemburg und Maastricht jeweils einen Besuch ab. Feste Bestandteile jeder Sommerfreizeit sind außerdem die »Mini-Olympiaden«, bei denen sich die Teilnehmenden in ihren Leibeskräften messen, und die sogenannten »Bergfeste«. Das sind Anlässe zu Mitte der jeweiligen Reise, zu denen exquisit gegessen wird und sich alle zusammen in ihrer besten Garderobe fotografieren lassen. 
Wichtig für die Reisen ist, dass jede Person, die mitfahren will, dies grundsätzlich auch kann. Zwar muss jede*r Teilnehmende ihre / seine Reisekosten selbst aufbringen, doch soll es daran selbstverständlich nicht scheitern: Falls das Geld nicht reicht, können Soli-Preise beantragt werden. 
Han Yu und sein Freund Phil haben 2018 das erste Mal an einer Basement-Reise teilgenommen. Sie wurden von bestimmten Gruppenleiter*innen anschließend gefragt, ob sie sich nicht ehrenamtlich im Team engagieren wollten, da sie dort gut hineingepasst hätten. Seitdem haben sie auch schon selbst Reisen mitgeleitet. Sie gestehen aber auch, dass die Rolle des Teilnehmenden manchmal sorgloser sei als die der Gruppenleitung, da man hier weniger Verantwortung habe. »Wir machen dennoch beides gern«, erklären sie lachend.

Was nun kommen kann. Die Vorteile der verbandlichen Aufstellung bestehen laut Niklas nicht mehr nur darin, dass das Basement nun eigene Juleica-Schulungen für seine Mitglieder anbieten kann: »Unsere Räumlichkeiten sind für uns nun keine Limitierung mehr. Wir träumen bestimmt davon, unsere Standorte irgendwann mal erweitern zu können. Wir hoffen auch darauf, dass andere Gruppen und Initiativen unser Konzept nachahmen, welches auf unserer Website öffentlich einsehbar ist«. 

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Info
Basement
basement-hamburg.de | kontakt@remove-this.basement-hamburg.de | Adresse voraussichtlich: Am Rissener Bahnhof 15, 22559 Hamburg
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Aussteigen

Mehr als nur Briefmarken. Eine lebendige Jugendverbandsszene ist durch Wandel gekennzeichnet. Dazu gehört, dass auch mal ein alteingesessener Verband sich auflöst. So wird der Landesring Hamburg der Jungen Briefmarkenfreude im April seine letzte Mitgliedervollversammlung abhalten. Seit 1956 vertritt er die Interessen junger Philatelist*innen in Hamburg. In zuletzt sechs Ortsgruppen trafen sich die Briefmarkenbegeisterten regelmäßig, um Marken auszutauschen, sich gegenseitig ihre Sammlungen zu präsentieren und um einfach eine gute, gemeinsame Zeit zusammen zu verbringen. Erfahrenere Philatelist*innen standen dem Nachwuchs dabei stets zur Seite, sie konnten ihm die Bedeutung einzelner Merkmale auf den Klebebildchen erklären und nützliche Praxistipps zu Pflege und Erweiterung der eigenen Sammlung erteilen. Aber nicht nur das Sachgebiet war Teil des Alltags der Jungen Briefmarkenfreunde: vielfach wurde auch einfach gemeinsam gesungen, gekocht oder auf Gruppenfreizeiten gefahren. »Die Briefmarken waren bei uns nur der Aufhänger«, erklärt Christoph Priewe, der Vorsitzende des Verbands und einer seiner jüngeren Urgesteine. 

Ein absterbender Zweig. Die Entscheidung, dass der Zeitpunkt der Auflösung gekommen sei, fiel im Laufe des vergangenen Jahres. Das Landesjugendamt erteilte damals die Vorgabe, dass der Verein seine Satzung dahingehend ändern müsse, dass Kinder und Jugendliche mehr in die Organisation des Verbands eingebunden werden sollten. Dies sei laut Christoph aber nur schwierig umsetzbar gewesen: »Die Verbindlichkeitsauffassung bei unseren Jugendlichen hat nachgelassen. Wenn es bei mir früher geheißen hat, dass ich um zwölf Uhr irgendwo zu sein habe, um mit anzupacken, dann bin ich zu jener Uhrzeit auch gekommen. Heutzutage erscheint man als Gruppenleiter, aber niemand sonst ist da. Im Nachhinein heißt es dann oft, man habe den Termin vergessen oder sich verplant«. Unterstützung für den Verband funktioniere eben nur, wenn auch die Bereitschaft dazu da sei, erklärt Christoph. Der Zeitraum, in dem man bei den Briefmarkenfreunden aktiv ist, habe sich allgemein bei den meisten jungen Menschen ebenfalls verkürzt. »Ich habe mich damals als Kind der Ortsgruppe angeschlossen und bin dann immer in höhere Ämter hineingewachsen«, berichtet Christoph. Heute bestünde die durchschnittliche Mitgliedsdauer einer Einzelperson zwischen ein bis drei Jahren. Deshalb habe man für das Jahr 2026 keine Unterstützung durch den Landesförderplan beantragt.

Aber dies ist selbstverständlich nicht der einzige Grund, weshalb die Jungen Briefmarkenfreunde sich auflösen. Denn durch die Entwicklungen der (Post-)Moderne spielen Briefmarken im Leben junger Menschen praktisch keine Rolle mehr. Christoph bemängelt, dass es kaum noch hübsche Motive auf modernen Briefmarken gibt. Wenn heutzutage noch Briefpost verschickt wird, fände man oben rechts anstatt einer schönen Briefmarke, die zu einem besonderen Anlass herausgegeben wurde, oft nur noch einen Barcode. Christoph persönlich mag es, aus dem Urlaub nicht nur WhatsApp-Nachrichten zu bekommen – sondern auch schöne Postkarten. Kinder von heute machten diese Erfahrung nicht mehr. Dänemark hat vor Kurzem seinen Postverkehr ganz eingestellt. Christoph sieht den Zeitpunkt nicht mehr allzu fern, an dem auch die Deutsche Post diesen Schritt gehen wird. »Meistens fängt man seine Sammlung mit Motiven aus dem eigenen Heimatland an«, sagt er, »wenn dieses aber keine eigenen mehr vertreibt, so entfällt der Zugang zur Philatelie über diesen Weg«. Zwar versuche die Deutsche Post mit Krypto- oder Pokémon-Marken die Sammelleidenschaft auch für Jüngere wieder zu wecken. Der langfristige Erfolg dieser Strategie hält sich allerdings laut Christoph in Grenzen.

Hoffnungsschimmer? Die Zukunft der Philatelie läge höchstens in der Archivierung von besonderen Briefmarken und -stempeln, da sie allesamt als zeitgeschichtliche Dokumente taugen. Dass verbandliche Jugendarbeit mit Fokus auf Briefmarkenkultur in Hamburg künftig in dieser Form nicht mehr stattfinden wird, findet Christoph selbstverständlich schade: »Wenn man als Kind in einer Senior*innengruppe vorbeischaut, bekommt man die Sammlungen oft einfach nur vorgesetzt. Da darf man sich dann ein paar heraussuchen, erhält aber sonst nur wenig Wissen darüber vermittelt. In einer Jugendgruppe hingegen legen wir viel mehr Wert auf Kontexte: Was kann ich mit jener Marke anfangen? Was bedeutet das Bild darauf? Wie kann ich die Marke sinnvoll tauschen?« Allerdings: ein paar der in Hamburg ansässigen Ortsgruppen der Briefmarkenfreunde wollen dennoch weitermachen – nur eben ohne verbandliche Organisation. Die Gruppe Simeon-Hamm z.B. trifft sich immer freitags in der Wichernkirche in Hamm, und auch die Jungen Briefmarkenfreunde aus Bergedorf sollen weiterhin regelmäßig aktiv sein. Vielleicht ist die Postkutsche also doch nicht abgefahren.

Resümee
Neben dem Landesring der Jungen Briefmarkenfreude hat sich auch der Internationale Jugendverband Europa – Lateinamerika (ijel) aufgelöst. Der Verein wurde 1990 zunächst als Selbstorganisation von jungen Chilen*innen unter dem Namen »Chilenische Jugend- und Kulturinitiative« gegründet und entwickelte sich zu einem wichtigen Player im internationalen Jugendaustausch mit vielen Partnern in Lateinamerika. Während der Corona-Pandemie waren Reisen und Austausche unmöglich, das Verbandsleben stagnierte und danach kam ijel nicht mehr so richtig auf die Beine. Damit stehen in der Hamburger Szene der Jugendverbände jüngst zwei Abgänge zwei Zugängen gegenüber. Bemerkenswert dabei: die beiden neuen setzen neue Akzente. Bei Basement, das einen offenen Jugendtreff organisiert, verwischen sich die Grenzen zwischen offener und verbandlicher Jugendarbeit. Hinara ist erfolgreich mit expliziter Bildungsarbeit und eröffnet das Fenster zur SWANA-Region. Die Jugendverbandsszene lebt und schafft Neues.

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© Photos: Hinara, Marek Neu und Junge Briefmarkenfreunde