Von Gunda Voigts, Maja Reifegerst und Sureija Gotzmann, HAW Hamburg
Ausgangslage und Ziel
Jugendverbände sind zentrale Akteure innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe. Sie bieten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Räume für Gemeinschaftserleben, Selbstorganisation und Partizipation. Ehrenamtlich Engagierte sind wichtige Basis von Jugendverbandsarbeit.
Gesellschaftliche Entwicklungen verändern nicht nur die Lebensrealitäten junger Menschen, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie sich ehrenamtlich engagieren (können). Jugendverbandsarbeit steht entsprechend vor Herausforderungen. Dass die Durchführung vieler Aktivitäten und ehrenamtlichen Engagements während der Corona-Pandemie stark eingeschränkt war, wirkt bis heute nach. In Folge war ein deutlicher Rückgang ehrenamtlichen Engagements in Jugendverbänden beobachtbar (Hafeneger 2023, S. 7f.; Reisner/Ilg 2023, S. 21, S. 26f.; Brinkmann/Ilg 2021, S. 170). Das ist Ausgangspunkt für das Projekt »Ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Jugendverbänden – Ein Praxisforschungsprojekt zur Zukunft von Jugendverbandsarbeit nach Corona«. Im Fokus steht die Frage, mit welchen Herausforderungen ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Jugendverbänden konfrontiert ist und was daraus für die konzeptionelle (Neu-)Aufstellung von Jugendverbänden folgt.
Zentrale Ergebnisse der Studie im Überblick
In der Veröffentlichung zur Studie (Voigts/Gotzmann/Reifegerst 2026) werden die empirischen Erkenntnisse unter 14 thematischen Zugängen zusammengefasst (s. unten). In diesem Artikel wird eine minimale Auswahl dieser vorgestellt.
Unsichere Finanzierung belastet ehrenamtliches Engagement
Die Forschungsergebnisse zeigen auf, dass Jugendverbände weder ausreichend mit geeigneten Räumlichkeiten noch mit hauptberuflichen Fachkräften ausgestattet sind und insgesamt unzureichend finanziell gefördert werden. Das hat Auswirkungen auf das ehrenamtliche Engagement junger Menschen.
Die Jugendverbände in den drei untersuchten Standorten – Hamburg, Stormarn und Westsachsen – finanzieren sich durch Zuwendungen aus öffentlichen Mitteln, Spenden von Unternehmen, Projektförderungen verschiedener Fördergeber, Unterstützung von Erwachsenenorganisationen sowie Teilnahme- bzw. Elternbeiträgen. Die Notwendigkeit, auf verschiedene und teilweise begrenzt bewilligte Förderquellen zurückgreifen zu müssen, führt zu fehlender finanzieller Sicherheit und eingeschränkter Planbarkeit. Inflationsbedingte Kostensteigerungen führen bei ausbleibender Erhöhung der Fördergelder zu einer faktischen Reduktion der Finanzressourcen. Infolgedessen müssen Jugendverbände verstärkt auf Spenden oder höhere Teilnahmebeiträge zurückgreifen. Einige Familien können sich Teilnahmegebühren für Jugendverbandsaktivitäten nicht mehr leisten. Jugendverbände sind mittunter gezwungen, Kompromisse in der Umsetzung ihrer Angebote einzugehen. Ehrenamtliche bezahlen Beiträge für Fahrten oder Seminare, obwohl sie sich dort als Jugendleiter:innen engagieren. Ehrenamt kostet damit trotz Engagement für andere und die Gesellschaft eigenes Geld, was es unattraktiv macht. Steigende Miet- und Nebenkosten sowie der Mangel an bezahlbaren Räumen belasten Jugendverbände zusätzlich. Räumlichkeiten sind häufig sanierungsbedürftig und verursachen Zusatzkosten. In den meisten Jugendverbänden müssen sich die Ehrenamtlichen mit dieser Situation auseinandersetzen. Das beeinflusst ihr Engagement negativ, da die Akquise von Geld und das Kümmern um Räume Zeit und Kraft kostet.
Support hauptberuflicher Fachkräfte für junge Ehrenamtliche wichtig
Ehrenamtlich engagierte junge Menschen profitieren davon, wenn Jugendverbände über hauptberufliche Fachkräfte verfügen. Die qualitativen Erhebungen zeigen, dass hauptberufliche Fachkräfte jugendverbandliche Strukturen aufrechterhalten, Ehrenamtliche qualifizieren, sie bei Verwaltungstätigkeiten und (pädagogischen) Herausforderungen fachlich unterstützen und die Verantwortung bei der Durchführung von Maßnahmen übernehmen. Zudem überbrücken sie zeitweise vakante Positionen und bauen neue Aktivitäten und Teams von Ehrenamtlichen auf. Damit schaffen sie »Gelegenheitsstrukturen« (Seckinger et al. 2009, S. 36 f.), welche ehrenamtliches Engagement ermöglichen und fördern.
Auswirkungen der Pandemie auf Juleica-Antragszahlen
Für Ehrenamtliche stellte die Durchführung von Jugendverbandsaktivitäten unter Pandemiebedingungen eine erhebliche Herausforderung dar. In den qualitativen Befragungen wird vom Rückgang Ehrenamtlicher während und in Folge der Coronazeit berichtet. Ursächlich seien ausgefallene Juleica-Ausbildungen, veränderte Freizeitinteressen sowie begrenzte Zeitressourcen junger Menschen, die schulische Inhalte nachholen müssen. Die Auswertung der bundesweiten Juleica-Statistik bestätigt diese Wahrnehmungen. Die Antragszahlen sanken in den Pandemiejahren 2020/2021 deutlich gegenüber 2018/2019. Im Jahr 2022 stiegen die Antragszahlen wieder, erreichten jedoch bundesweit nicht das Niveau von 2019. Aus den Ergebnissen der qualitativen Befragungen geht hervor, dass aktuell Ehrenamtliche in Jugendverbänden fehlen [1].
Strategien zur Gewinnung und Bindung junger Ehrenamtlicher
Die Diskrepanz zwischen einer hohen Nachfrage von Teilnehmenden nach Angeboten und einem Mangel an Ehrenamtlichen, die diese durchführen, wird in den qualitativen Befragungen als aktuelle Herausforderung bewertet. Ohne genügend Ehrenamtliche weniger Angebote, lautet die einfache Formel. Zugleich nimmt der Übergang von Teilnehmenden zu Ehrenamtlichen eine zentrale Rolle bei der Ehrenamtsgewinnung ein. Die Gewinnung von bisherigen Teilnehmenden als neue Ehrenamtliche wird als schwieriger denn bisher bewertet. Die Befragten beschreiben eine durch Corona entstandene »Generationslücke«.
Der Zugang in Jugendverbände entsteht zuallererst über persönliche Kontakte (Freund:innen, Familie). Die Übernahme eines ehrenamtlichen Engagements ist wahrscheinlicher, wenn Personen im persönlichen Umfeld engagiert sind. Allerdings korrelieren entsprechende Erfahrungen mit der sozialen Herkunft (Deutscher Bundestag 2024b, S. 76). Im Vierten Ehrenamtsbericht werden die Kategorien »Behinderung, zugeschriebener Migrationshintergrund und Klasse« (Deutscher Bundestag 2024b, S. 40) als zentrale Faktoren für ungleiche Zugangschancen zum Engagement benannt. Für Menschen in prekären Lebenslagen stellen begrenzte finanzielle Ressourcen, geringe zeitliche Freiräume, fehlende Netzwerke und mangelndes Zutrauen in ihre Fähigkeiten Hürden dar. Diese strukturellen Zugangsbarrieren gilt es zu überwinden.
Die befragten Expert:innen betonen, dass Jugendverbände jeweils individuelle Strategien zur Gewinnung neuer Ehrenamtlicher entwickeln müssen. Sie sehen Potenzial darin, bestehende Zugänge zu reflektieren und in Folge neue Zielgruppen zu erreichen (junge Menschen in ländlichen Regionen, Schüler:innen von Haupt- und Realschulen, junge Geflüchtete).
Grundlegend ist, dass sich Jugendverbände in den Räumen bewegen, in denen sich junge Menschen aufhalten. Soziale Medien, Bildungsinstitutionen, Einrichtungen Offener Kinder- und Jugendarbeit sowie lokale Veranstaltungen sollten dafür stärker in den Blick genommen werden. Gezielte Kooperationen mit Erwachsenenorganisationen können zusätzliche Zugänge schaffen. Zudem werden niedrigschwellige Einstiegsangebote wie Projekte oder Aktionstage hervorgehoben, bei denen ehrenamtliche Tätigkeiten kennengelernt werden können. Ein höherer Bekanntheitsgrad und eine größere Sichtbarkeit von Jugendverbänden und ihren Potenzialen für junge Menschen in der Gesellschaft insgesamt wird als zentral angesehen.
Bürokratie als Engagementkiller
Die zunehmende Komplexität von bürokratischen Anforderungen nimmt vielen Ehrenamtlichen die Freude am Engagement. Typische administrative Aufgaben in Jugendverbänden sind die Beantragung von finanziellen Fördermitteln und die Erstellung von Verwendungsnachweisen, die Einhaltung von Datenschutzverordnungen und die Sicherstellung von Kinderschutzvereinbarungen, die Erfüllung von Anforderungen in der Prävention sexualisierter Gewalt sowie die Instandhaltung und Betreuung der Räumlichkeiten.
Besonders die Beantragung und Nachweisführung von Fördermitteln wird als zeitaufwendig und kompliziert beschrieben. Zudem scheint die unübersichtliche Förderlandschaft den Zugang zu finanzieller Unterstützung erheblich zu erschweren. Etwa ein Fünftel der Teilnehmenden der Online-Befragung gibt an, dass bürokratische Aufwände, wie Anträge und Abrechnungen, ihr ehrenamtliches Engagement erschweren. Das ist bemerkenswert, da ein großer Teil der Befragten zwischen 15 und 17 Jahren waren. In Jugendverbänden ohne hauptberufliche Fachkräfte tragen Ehrenamtliche die Hauptverantwortung, investieren mehr Zeit in Verwaltungstätigkeiten und erhalten weniger professionelle Unterstützung. So besteht ein wachsender Bedarf an der Finanzierung von Verwaltungsstellen in Jugendverbänden, die Ehrenamtliche sowie pädagogische Fachkräfte von bürokratischen Aufgaben entlasten. Zur Erleichterung der Bewältigung administrativer Aufgaben durch ehrenamtlich (junge) Engagierte ist ein »Abbau bürokratischer Hürden« (Deutscher Bundestag 2024b, S. 17) erforderlich.
Gesellschaftliche Entwicklungen zeigen Folgen im Ehrenamt
Die qualitativen Befragungen zeichnen psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen nach, die Auswirkungen auf den Alltag in Jugendverbänden haben. Die Jugendleiter:innen berichten von geringerer Aufmerksamkeitsfähigkeit, mangelndem Interesse an gemeinschaftlichen Aktivitäten, Introvertiertheit, Schwierigkeiten im Sozialverhalten in der Gruppe, wahrnehmbaren Ängsten, Drogenkonsum und Suchterkrankungen. Im pädagogischen Handeln in Gruppentreffen und Freizeiten fühlen sich junge Ehrenamtliche dadurch pädagogisch besonders herausgefordert.
Auch ein neuer pädagogischer Umgang der Mediennutzung in Angeboten scheint erforderlich. Des Weiteren wird von der Auseinandersetzung mit rechtsextremistischen Anfeindungen und homophoben Äußerungen berichtet.
Die Diversität der Teilnehmenden (Alter, Herkunft, kulturelle Wurzeln) wird beschrieben und insgesamt zunehmend unterschiedliche Kompetenzen wahrgenommen. Das hat nach den Berichten einen großen Einfluss auf den pädagogischen Umgang von Ehrenamtlichen mit Teilnehmenden. Neben der Vorbereitung und Durchführung der Aktivitäten selbst wird das Miteinander in der Gruppe als steigende Herausforderung empfunden.
Die Corona-Pandemie, Kriegs- und Klimaängste der Teilnehmenden wie der Ehrenamtlichen selbst werden von Expert:innen als belastende Faktoren im ehrenamtlichen Engagement ausgemacht. Junge Ehrenamtliche sind auf zwei Ebenen von den gesellschaftlichen Krisen betroffen: Erstens, müssen sie sich selbst damit auseinandersetzen und können direkt von Folgen betroffen sein. Zweitens erleben sie die Folgen dieser Krisen auf die jungen Menschen in ihren Angeboten und müssen einen pädagogischen Umgang damit finden.
Motive für ehrenamtliches Engagement und Verantwortungsübernahme in Jugendverbänden
Als Forschungsergebnis werden zentrale Motive für die Übernahme eines ehrenamtlichen Engagements durch junge Menschen herausgearbeitet. Dazu gehört an erster Stelle die Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Durch die Begeisterung der Teilnehmenden an den Jugendverbandsaktivitäten sehen sich Ehrenamtliche in ihrem Handeln bestätigt, sie genießen das Ansehen der Teilnehmenden und es motiviert sie, wenn diese wertschätzen, was von ihnen gelernt wird. Darüber hinaus motivieren die Weitergabe von Erfahrungen und der Erhalt von Gemeinschaft, persönliche Entwicklungen und die Werteorientierung des Jugendverbandes, das Erleben von Handlungsmacht beim Erreichen von Veränderungen und das Erfahren von Selbstwirksamkeit sowie das Knüpfen von Freundschaften und Netzwerken zum Engagement.
Ehrenamtliche übernehmen in Jugendverbänden organisatorische, pädagogische, administrative sowie gremienbezogene Aufgaben. In den Gruppendiskussionen wird deutlich, dass die befragten Jugendleiter:innen Freude an unterschiedlichen Aufgaben empfinden und ihre Tätigkeit zum Teil interessengeleitet oder nach individueller Kompetenz auswählen. Während Jugendliche zu Beginn ihres Engagements meist in der Betreuung von Kinder- und Jugendgruppen aktiv sind (vgl. Düx 2010, S. 8; Voigts 2015, S. 147f), kann sich das Aufgabenspektrum im Verlauf des Engagements beispielsweise um die Anleitung jüngerer Ehrenamtlicher, die Übernahme von Gremienposten oder um (verbands-)politische Aktivitäten erweitern. Freizeiten, Gruppenstunden und Veranstaltungen sind den Ergebnissen der Online-Befragung nach die Jugendverbandsaktivitäten, bei denen sich die meisten jungen Menschen engagieren möchten.
Fehlende Freiräume im Aufwachsen als Hindernis für Engagement
Die Verdichtung der Jugendphase sowie die Vielzahl an möglichen Freizeitaktivitäten beeinflussen die Lebensgestaltung junger Menschen (vgl. Deutscher Bundestag 2017, S. 71; 2020b, S. 45; 2024a, S. 52f.; ebd., S.165). Die Forschungsergebnisse verdeutlichen die Auswirkungen auf das ehrenamtliche Engagement junger Menschen. Langfristiges und verbindliches Engagement ist weniger attraktiv. Spontanes, punktuelles und projektbasiertes Engagement nimmt zu. Jugendverbände stehen vor der Herausforderung, ihre auf Langfristigkeit, Verantwortungsübernahme und Selbstorganisation basierenden Strukturen anzupassen. Grundsätzlich ist die Bereitschaft zur Übernahme ehrenamtlichen Engagements bei jungen Menschen hoch (vgl. Deutscher Bundestag 2024b, S. 52), jedoch erschweren begrenzte Zeitressourcen die Übernahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Für Schüler:innen stellen die Zeitbindung der Ganztagsschule, die Menge an Hausaufgaben und der Leistungsdruck Herausforderungen dar. Für Studierende sind Blockveranstaltungen am Wochenende, Prüfungen in den Semesterferien sowie erst spät planbare Seminarzeiten schwierig mit einem Ehrenamt zu koordinieren. Hinzu kommt die finanzielle Notwendigkeit, neben Schule oder Studium zu arbeiten. In der quantitativen Online-Befragung geben mehr als die Hälfte (54%) als Hürde für ihr Engagement die Herausforderung der zeitlichen Vereinbarkeit mit Schule, Ausbildung oder Beruf an.
Für die befragten Expert:innen und Jugend- leiter:innen stellt eine bessere Vereinbarkeit ehrenamtlicher Tätigkeiten mit beruflichen sowie (hoch)schulischen Verpflichtungen einen zentralen Aspekt der Anerkennung und Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements dar. Die Anrechnung ehrenamtlichen Engagements in bestimmten Schulfächern, die Berücksichtigung im Zeugnis, die Vergabe von Creditpoints im Studium oder zusätzliche Urlaubstage für Berufstätige werden als mögliche Formen der Anerkennung gesehen. Die Freistellung von der Erwerbsarbeit für die Ausübung des Ehrenamts durch Sonderurlaub wird als wichtige, bestehende Unterstützungsform gewertet.
Ehrenamtliches Engagement junger Menschen benötigt gesellschaftliche Wertschätzung
Ein Viertel der Teilnehmenden der Online-Befragung sieht die fehlende gesellschaftliche Anerkennung von freiwilligem Engagement als Erschwernis in ihrem Ehrenamt. In den qualitativen Befragungen wird ein Mangel an Sichtbarkeit und politischer Wertschätzung von Jugendverbandsarbeit insgesamt formuliert. Jugendverbände würden von politisch Verantwortlichen häufig nach ökonomischen Kriterien beurteilt, wodurch das dort Geleistete oft als wenig wertvoll bewertet werde.
Als formalisierte Anerkennung werden die Vergünstigungen genannt, die Juleica-Inhaber:-innen erhalten können. Allerdings sind diese nicht allen befragten Jugendleiter:innen bekannt oder entsprechen nicht immer deren Bedürfnissen. Angesprochen wird auch hier die Anerkennung von Engagement in Schulen, Hochschulen und in der Ausbildung. Schließlich zeigt sich in den Ergebnissen der Gruppendiskussionen, dass Wertschätzung und Anerkennung aus dem persönlichen Nahfeld eine zentrale Voraussetzung für gelingendes ehrenamtliches Engagement darstellt. Mehr Anerkennung und Wertschätzung für Engagement würde aus Sicht der befragten Jugendleiter:innen motivieren, ein Ehrenamt auszuführen.
Stärkeres Bewusstsein junger Menschen für ihre Beteiligungsmöglichkeiten
Die Beteiligung junger Menschen an den demokratischen Strukturen innerhalb von Jugendverbänden ist mit verschiedenen Herausforderungen verbunden, wie die Ergebnisse der qualitativen Befragungen verdeutlichen. Partizipation wird von jungen Menschen teilweise als langwierig und anstrengend erlebt und der Anspruch an Selbstorganisation kann überfordernd wirken. Die für Partizipationsprozesse erforderlichen Fähigkeiten seien zudem anspruchsvoll und einige Interessierte würden die Voraussetzungen nicht erfüllen, sich beteiligen zu können. Eine in den Gruppendiskussionen thematisierte Herausforderung besteht darin, dass Ehrenamtliche in sehr unterschiedlichem Maß Bereitschaft zeigen, Verantwortung im Jugendverband zu übernehmen. Aufgrund uneindeutiger Aufgabendefinitionen für Verantwortungspositionen meiden junge Menschen diese oder geben sie frühzeitig wieder auf. Dies fordert die Funktionsfähigkeit der Jugendverbände heraus und führt bei stark Engagierten zu Überlastung und Unzufriedenheit. In den Expert:innen-Interviews wird auf die Gefahr von Familiarisierungstendenzen innerhalb von Jugendverbänden hingewiesen: Entscheidungen werden stellvertretend von einer kleinen Gruppe getroffen, ohne ausreichende Rückkopplung mit den übrigen Mitgliedern. Dies wirft die Frage nach der Legitimität von Entscheidungen auf. Zudem wird die Landesebene von vielen jungen Engagierten in Ortsgruppen als schwer greifbar wahrgenommen. Sie empfinden die auf Landesebene behandelten Themen als abgehoben. Die Jugendverbandsarbeit vor Ort hat häufig eine höhere Relevanz für Ehrenamtliche. Dies erschwert ein kollektives Verständnis für Partizipation über die Ortsgruppe hinaus und begünstigt eine Fragmentierung in autonom agierende Einzelgruppen. Hauptberufliche Fachkräfte können Beteiligungsprozesse begleiten und unterstützen, können Bildungs- und Selbstorganisationsprozesse jedoch auch durch übermäßige Einflussnahme verhindern.
Die Ergebnisse der qualitativen Befragungen verdeutlichen eine Diskrepanz zwischen den demokratischen Strukturen von Jugendverbänden und den Bedürfnissen von jungen Menschen – und damit der tatsächlich gelebten Partizipation. Beruhen demokratische Strukturen von Jugendverbänden überwiegend auf Gewohnheit und Pflichtbewusstsein, stellt sich die Frage nach ihrer tatsächlichen Wirksamkeit. Die Ergebnisse der quantitativen Online-Befragung und der qualitativen Gruppendiskussionen zeigen, dass die Möglichkeit zur aktiven Mitwirkung in Jugendverbänden Ehrenamtliche motiviert. Dies verdeutlicht, dass junge Menschen »ihre Wirkmächtigkeit selbst erfahren und durch sie in die Lage versetzt werden [müssen], Verbesserungen durchzusetzen« (DBJR 2020, S. 9), damit Demokratie für sie mehr »als eine leere Phrase« (ebd.) ist. Die bestehenden Partizipationsstrukturen in Jugendverbänden müssen weiterentwickelt werden, so dass ihr Ermöglichungspotenzial von Demokratieerfahrungen für junge Menschen intensiver genutzt wird (vgl. Richter et al. 2025, S. 110). Die befragten Expert:innen betonen als Voraussetzung hierfür ein stärkeres Bewusstsein für Partizipation, das durch gemeinsame Betroffenheit und Wissen über Beteiligungsstrukturen gefördert wird. Jugendringe bieten dazu wichtige Austauschplattformen. Durch sie kann das Verständnis für verbandsübergreifende Zusammenhänge gestärkt werden. Notwendig sind ausreichende finanzielle, fachliche und zeitliche Ressourcen, um Beteiligung junger Menschen zu gewährleisten (vgl. BMFSFJ/DBJR 2022, S. 72).
Handlungsempfehlungen zur Zukunft ehrenamtlichen Engagements junger Menschen in Jugendverbänden
Um jungen Menschen ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden zu ermöglichen, sind nachfolgende Handlungsempfehlungen, auf Grundlage der Erhebungen herausgearbeitet (Voigts / Gotzmann / Reifegerst 2026). Sie können dazu dienen, die Erkenntnisse in Jugendverbänden und Jugendringen sowie in für die Förderung politisch verantwortlichen Gremien zu diskutieren.
1. Junge Menschen brauchen neben Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeit Freiräume für ehrenamtliches Engagement.
2. Mehr Anerkennung und Wertschätzung des Engagements ehrenamtlich aktiver junger Menschen in der Gesellschaft ist gefragt.
3. Durch Bürokratieabbau wird junges Ehrenamt gestärkt werden.
4. Hauptberufliche Supportstrukturen sind abzusichern.
5. Finanzielle Förderung von Jugendverbänden ist langfristig gesichert anzulegen.
6. Ungleiche Zugangschancen zu ehrenamtlichem Engagement sind zu politisieren und zu verändern.
7. Neue Strategien zur Gewinnung von jungen Menschen für ein Ehrenamt in Jugendverbänden müssen gefunden werden.
8. Das Bewusstsein junger Menschen für ihre Beteiligungsmöglichkeiten ist zu stärken.
9. Anspruchsvolles pädagogisches Wirken junger Ehrenamtlicher in Jugendverbänden benötigt Aufmerksamkeit und Unterstützung.
10. Folgen der Corona-Pandemie müssen sowohl mit Blick auf junge Menschen wie die Situation von Jugendverbänden im Blick bleiben.
11. Die Digitalisierung der Kinder- und Jugendarbeit muss vorangebracht werden.
12. Das Spannungsfeld zwischen Prinzipien von Jugendverbänden und gesellschaftspolitischen Herausforderungen ist offensiv zu diskutieren.
Fazit
Sich ehrenamtlich in Jugendverbänden zu engagieren, ist für junge Menschen herausfordernd. Insbesondere aufgrund der vielfältigen Aufgaben, die sie im Aufwachsen zu bewältigen haben, fehlen ihnen die notwendigen Freiräume. Viele junge Menschen fühlen sich in den derzeitigen Krisenzeiten hoch belastet. Zugleich kann ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden Anerkennung und Wertschätzung vermitteln, die Erlangung von Kompetenzen und wichtige Freundschaften ermöglichen, Spaß und Freude hervorbringen, Selbstwirksamkeit und Demokratie erfahrbar machen.
Jugendverbände müssen den Spagat meistern, auf der einen Seite mit ihren traditionellen Prinzipien der Selbstorganisation, Partizipation, Freiwilligkeit und Gemeinschaft ihr Eigenleben weiter zu gestalten und junge Menschen davon zu begeistern, und auf der anderen Seite sich in der Vielzahl der gesellschaftspolitischen Anforderungen immer wieder neu anzupassen. Dieser Spagat zeigt sich beispielsweise, wenn die demokratische Selbstorganisation langfristiges Engagement von jungen Menschen benötigt, junge Menschen aber weniger Freiraum und Motivation für verbindliche, längerfristige Verantwortungsübernahme haben. Jugendverbände reagieren mit den Möglichkeiten punktuellen oder projektorientierten Engagements. Das sichert aber nicht ihre selbstorganisierten Strukturen ab. Dieser Spagat zeigt sich auch, wenn es als das Beste erscheint, neue Ehrenamtliche aus den Reihen der bisherigen Teilnehmenden zu gewinnen, um auf deren Erfahrungen und ihrem Wissen aufzubauen, zugleich diese Selbstverständlichkeit aufgrund der durch die Coronamaßnahmen entstandene Generationenlücke im Ehrenamt aber unterbrochen ist.
Die Forschungsergebnisse zeigen, dass in einer Gesellschaft, die von jungen Menschen freiwilliges Engagement fordert, Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt werden müssen, die das auch ermöglichen. Neben den Freiräumen für junge Menschen gehört dazu eine ausreichende, verlässliche Finanzierung von Jugendverbänden, der Abbau von Bürokratie, die Anerkennung ihres Engagements in Bildungs- und Ausbildungsstätten und die Unterstützung durch Hauptberufliche. Weiterhin ist wichtig, jungen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte, eigenen Fluchterfahrungen, mit Behinderungen oder aus prekären Verhältnissen Engagement zu ermöglichen. Dazu gehört, dass Engagement kein Geld kosten darf.
Die Erkenntnisse weisen auch darauf hin, dass die Juleica als zentrale, bundesweite Qualitätsnorm der Ausbildung von Jugendgruppenleitenden und damit ehrenamtlich engagierten jungen Menschen sich seit langem etabliert hat. Anerkennung und Wertschätzung mit diesem Instrumentarium zu verbinden, ist damit schlüssig. Das gilt mit Blick auf Anforderungen in Schule und Hochschule ebenso wie mit Blick auf Vergünstigungen durch die Juleica.
Ehrenamtliches Engagement junger Menschen steht in engem Bezug zur Welt, in der diese aufwachsen. Krisen, Kriege und Pandemien nehmen Einfluss darauf. Auch deshalb ist es wichtig, Entwicklungen im ehrenamtlichen Engagement junger Menschen in Jugendverbänden und darüber hinaus regelmäßig empirisch zu beforschen und zu beobachten.
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Endnoten
1 Die Juleica-Zahlen und Schlussfolgerungen beziehen sich auf den Untersuchungszeitraum bis Ende 2022. Im Jahr 2025 lag die Zahl der Neu-Anträge mit 40.242 über dem letzten Vor-Corona-Jahr mit 32.773 (2019); ebenso stieg die Zahl der gültigen Juleica von 94.323 (Ende 2019) auf 114.527 (Ende 2025).
Literatur
Brinkmann, H. / Ilg, W. (2021): Wie geht es der Jugendverbandsarbeit nach dem Corona-Lockdown? Empirische Erkenntnisse aus einem evangelischen Jugendverband. In: deutsche jugend, 69 (4), 170–179.
BMFSFJ / DBJR (2022): Mitwirkung mit Wirkung! Qualitätsstandards für Kinder- & Jugendbeteiligung. Impulse zur Weiterentwicklung in Theorie und Praxis. Berlin.
Corsa, M. (2022): Jugendleiter/in. In: Deutscher Verein (Hg.): Fach-lexikon der Sozialen Arbeit. Baden-Baden, 476.
DBJR (2020): Politische Bildung in der Jugendverbandsarbeit - anerkennen, wertschätzen, weiterentwickeln! Position der DBJR-Vollversammlung. Berlin.
Deutscher Bundestag (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.
Deutscher Bundestag (2020a): Dritter Engagementbericht. Berlin.
Deutscher Bundestag (2020b): 16. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.
Deutscher Bundestag (2024a): 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.
Deutscher Bundestag (2024b): Vierter Engagementbericht. Berlin.
Düx, W. / Prein, G. / Sass, E. / Tully, C. (2009): Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Wiesbaden.
Düx, W. (2010): Ehrenamt in der Jugendarbeit. In: Rauschenbach / Borrmann (Hg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft online. Weinheim.
Hafeneger, B. (2023): Ehrenamt und Pandemie. In: hessische jugend, 42 (1), 7-9.
Reisner, L. / Ilg, W. (2023): Auswirkungen der Corona-Pandemie auf jugendverbandliche Freizeitmaßnahmen. Ergebnisse und Konsequenzen aus einer bundesweiten Erhebung des Deutschen Bundesjugendrings. In: deutsche jugend, 71 (1), 21–31.
Richter, E. / Riekmann, W. / Stettner, O. (2025): Sind Jugendverbände Werkstätten der Demokratie? Ungenutzte Instrumente und Potenziale der demokratischen Partizipation. In: deutsche jugend, 73 (3), 103–111.
Seckinger, M. / Pluto, L. / Peucker, C. / Gadow, T. (Hrsg.) (2009): DJI-Jugendverbandserhebung. München.
Voigts, G. (2015): Kinder in Jugendverbänden. Eine empirische Untersuchung zu Strukturen, Konzepten und Motiven im Kontext der gesellschaftlichen Debatten um Inklusion. Opladen u.a.
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Zusammenfassung der Ergebnisse nach thematischen Zugängen
1. Tätigkeiten im ehrenamtlichen Engagement und Motivation
2. Übergang aus dem Teilnehmendenstatus zum Ehrenamt
3. Ungleiche Zugangschancen zum Engagement
4. Strategien zur Gewinnung Ehrenamtlicher
5. Wertschätzung und Anerkennung des Engagements junger Menschen
6. Auswirkungen gesellschaftlicher Anforderungen an junge Menschen
7. Gesellschaftliche Krisen und gesetzliche Anforderungen als Herausforderungen im pädagogischen Handeln
8. Bürokratie als Überforderungsmoment im Ehrenamt
9. Bedeutung hauptberuflicher Fachkräfte für das Engagement junger Menschen
10. Ehrenamtliches Engagement im Kontext demokratischer Partizipation in Jugendverbänden
11. Unsichere Finanzierung von Jugendverbänden
12. Auswirkungen des pandemiebedingten Digitalisierungsschubs
13. Konstantes Niveau der Juleica-Antragszahlen nach Corona-Einbruch
14. Jugendverbände im Spannungsfeld zwischen (traditionellen) Prinzipien und gesellschaftspolitischen Anforderungen
Quelle: Voigts, G. / Gotzmann, S. / Reifegerst, M. (2026): Ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Jugendverbänden. Ein Praxisforschungsprojekt zur Zukunft von Jugendverbandsarbeit nach Corona. Weinheim. Das Buch kann ab dem 28. Mai 2026 kostenfrei als PDF bezogen werden: https://beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik-soziale-arbeit/ehrenamtliches-engagement-junger-menschen-in-jugendverbaenden/BEL449260
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Zur Methodik der Studie
Das Projekt hat ein breit angelegtes Forschungsdesign. Sowohl bundesweite als auch regionale Perspektiven sind einbezogen. Ein Fokus liegt auf der lokalen Jugendverbandsarbeit. Dazu wurden regionale Analysen an den drei Standorten durchgeführt, die exemplarisch Entwicklungen und Veränderungen des ehrenamtlichen Engagements junger Menschen in Jugendverbänden aufzeigen. Von November 2023 bis Mai 2024 wurden vorhandene Daten ausgewertet sowie neue Daten erhoben.
An den drei Standorten wurden fünf Gruppendiskussionen mit insgesamt 20 Jugendleiter:-innen durchgeführt, welche die Perspektiven junger Menschen auf ehrenamtliches Engagement und ihre dabei gemachten Erfahrungen erfassen. Unter Jugendleiter:innen werden dabei junge Menschen verstanden, die sich ehrenamtlich in Jugendverbänden engagieren und »Angebote […] planen, durchführen und verantworten« (Corsa 2022, S. 476).
Weiterhin sind Expert:innen-Interviews mit jeweils drei hauptberuflichen Fachkräften aus Behörden und Jugendringen und neun Expert:innen aus Jugendverbänden an den Standorten geführt worden. Als Expert:innen gelten in dieser Erhebung hauptberufliche Fachkräfte in Jugendverbänden, ehrenamtlich Tätige in Verantwortungspositionen aus Jugendverbänden sowie hauptberufliche Fachkräfte aus den jeweiligen Jugendringen und zuständigen Behörden. Thematische Schwerpunkte der Expert:innen-Interviews bildeten die aus ihrer Sicht aktuelle Situation ehrenamtlichen Engagements, Herausforderungen sowie mögliche Zukunftsperspektiven von Jugendverbandsarbeit.
Zur bundesweiten Betrachtung wurden die 93.862 Datensätze der Juleica-Statistik ausgewertet (2018 bis 2022). Ergänzend ist eine quantitative Online-Befragung von Juleica-Antragsteller:innen im digitalen Juleica-Antragstool durchgeführt worden (1.389 Datensätze).
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Projektträger und Unterstützer der Studie
Projektträger ist der Deutsche Bundesjugendring. Die Umsetzung erfolgte an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. An regionalen Praxisstandorten ist mit dem Landesjugendring Hamburg, dem Kreisjugendring Stormarn und dem Jugendring Westsachsen kooperiert worden. Die Finanzierung des Projekts erfolgte aus Mitteln der Stiftung Deutsche Jugendmarke. Zudem unterstützten die Landeszentralstellen für die Jugendleiter:innen-Card (Juleica) in Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt sowie der Deutsche Bundesjugendring das Projekt finanziell.