Heft 2-2017 , Rubrik Titelthema

Nachrichten mit Alternativen Fakten

Der Staat enteignet Wohnungen für Geflüchtete, ein schwuler Asylant vergewaltigt eine Frau, und die Grünen schaffen den Weihnachtsbaum ab. Man muss nicht lange suchen, um im Internet auf Fake News zu stoßen. Mit diesen manipulierten Meldungen wollen rechte Blogs Ängste schüren und die Einstellungen ihrer Leser beeinflussen. Doch wie funktionieren sie und was kann helfen?

Genaugenommen sind Fake News kein neues Phänomen. Von Anfang an gehören Gerüchte und Falschmeldungen zum Repertoire zwischenmenschlicher Kommunikation und Medien bilden keine Ausnahme. Stattdessen waren Zeitungsenten, falsche oder widersprüchliche Meldungen lange Zeit unvermeidliche Begleiter der Zeitungslektüre. Erst mit dem Aufkommen eines unabhängigen und kritischen Journalismus gelang es den Medien – allen voran den Zeitungen –, eine Verlässlichkeit aufzubauen und Vertrauen in ihre Berichterstattung zu gewinnen.
Doch dieses Vertrauen ist heutzutage in Teilen der Gesellschaft zutiefst erschüttert. Das Misstrauen ist inzwischen so stark, dass sich eine selbsternannte »Gegenöffentlichkeit« zu den »Mainstream-Medien« etablieren konnte. Im Internet treten rechte Seiten und Blogs wie Politically Incorrect, Journalistenwatch, Correctiv oder auch das russische RT Deutsch (ehemals Russia Today) laut Selbstdarstellung mit dem Anspruch an, »abseits des Mainstream« Informationen zu bieten, »die in den deutschen Massenmedien nicht oder nur am Rande Erwähnung finden«.
Diesem Anspruch werden sie gerecht. Allerdings hat es meist gute Gründe, dass eben jene Informationen in den klassischen Medien keine Erwähnung finden. Sie sind schlicht falsch oder geben die Sachlage nur eingeschränkt wider. Ohne Frage kann es immer wieder zu Fehlern kommen. Entscheidend ist jedoch, ob Falschmeldungen unbeabsichtigte Fehler zugrunde liegen oder Intention. Sobald Absicht im Spiel ist, sind solche Berichte Fake News – und die Kanäle der Gegenöffentlichkeit sind gespickt mit solchen Meldungen. Mit ihren manipulierten Nachrichten zielen die rechten Blogs darauf ab, die politische Einstellung von Menschen zu beeinflussen. Sie wollen Eindrücke vermitteln, die man auf Grundlage vollständiger Informationen nicht bekommen würde. Aus manipulierten Nachrichten werden manipulierende Botschaften.

Funktionsweisen. Soziale Netzwerke spielen bei der Verbreitung von Fake News eine große Rolle. Denn die Nutzer sorgen durch Likes und Kommentare von allein für die Verbreitung, sofern die Meldungen ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sie emotional berühren – ansonsten gehen sie im endlosen Strom an Statusmeldungen unter. Um glaubwürdig zu erscheinen, dürfen Fake News den Bezug zur Realität nicht vollständig verlieren. Deswegen baut fast jede Geschichte auf einen mehr oder minder wahren Kern auf und sorgt mithilfe altbewährter und miteinander kombinierbarer Mechanismen für die entscheidende Akzentverlagerung. Dazu können Fake News beispielsweise:
• Informationen weglassen,
• durch Spekulation Aussagen hinzufügen,
• Aussagen unterstellen,
• Informationen dekontextualisieren.

Weglassen. Journalistenwatch – das Journal für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit – berichtete im Mai 2017 unter Bezug auf den Münchener Merkur über eine Gerichtsverhandlung: »›Schwuler‹ Flüchtling vergewaltigt Frau!«. In der Tat beruhte der Prozess auf einer Vergewaltigung durch einen ugandischen Geflüchteten. Schon zu Beginn des Prozesses hatte er ein umfassendes Geständnis abgelegt, was ihm – wie auch seine beträchtliche Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt – bei der Urteilfindung zu Gute kam. Bezeichnend erschien es Journalistenwatch, dass der »angeblich schutzsuchende« Verurteilte Homosexualität als Asylgrund angegeben habe und kurz nach seiner Anerkennung als Asylant eine Frau vergewaltige.
Eine Information aber hielt das Blog aus dem Bericht des Merkur zurück: Der der Ugander hatte nämlich angegeben, bisexuell zu sein und nicht homosexuell. Eine homosexuelle Beziehung wiederum sei Grund für die Verfolgung in seiner Heimat gewesen. Mit dieser Information fällt der intendierte Skandal jedoch in sich zusammen und zeigt das Motiv des Blogs auf. Es interessiert sich nicht ernsthaft für die Vergewaltigung und das Opfer. Stattdessen sollte gegen die Qualität der Asylverfahren gehetzt werden.

Spekulation.
Eine Hamburger Lokalgeschichte veranschaulicht, wie sich durch die muntere Spekulation von Autoren eine größere Story mit erstaunlicher Reichweite entwickeln kann. Im Anfang Mai 2017 berichtete das Hamburger Abendblatt über den Entzug sechs länger leerstehender Wohnungen in Hamburg Hamm durch das Bezirksamt Mitte. Das Amt plane, die Wohnungen zu sanieren, sie anschließend zu vermieten und nach Erstattung der entstandenen Kosten wieder in die volle Verfügung des Besitzers zu übergeben. Die Grundlage für das Vorgehen des Bezirksamtes sei das Hamburger Wohnraumschutzgesetz in seiner Fassung von 2013 und die zunehmende Wohnraumknappheit in der Stadt.
Drei Tage nach Erscheinen dieses Berichts griff das Blog Politically Incorrect die Meldung auf, stellte einen Zusammenhang her zwischen den knappen Wohnraum in deutschen Ballungszentren und der Unterbringung von Geflüchteten und sorgte sich um Wohnungseigentümer, denen es in Zukunft ähnlich ergehen könne. Denn man wisse ja, wie »Wohnungen nach Vermietung an eine bestimmte, derzeit in Deutschland bevorzugte Klientel aussehen«. Schließlich sei es in der »zurzeit in Installation befindlichen Diktatur« Pech für den Eigentümer, wenn »bei Vermietung an Zigeuner und andere ›Goldstücke‹ der Wert der Immobilie verfällt«.
Wenig später verschafft das amerikanische Gatestone Institute der Lokalnotiz größere Aufmerksamkeit. Titel (»Germany Confiscating Homes to Use for Migrants«) und Ende des Artikels legen nahe, dass auch der Think Tank einen Zusammenhang zwischen Enteignung und der Flüchtlingskrise sieht: »Werden die Behörden ein Wohraummaximum pro Person festlegen und diejenigen, die große Wohnungen bewohnen, dazu zwingen, sie mit Fremden zu teilen?«
Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die Geschichte, als das Blog The Gateway Pundit den Artikel in gekürzter Form unter dem Titel »Germany Is Now Confiscating Homes To Use For Merkel’s Migrants!« veröffentlichte, um im Anschluss ihren Weg zurück nach Deutschland zu finden. Das Blog Halle Leaks meldete, dass die »Diktatur für das arbeitsfreie Wohlbefinden der neuen Herren in Deutschland (…) im vollen Gange« sei und »Wohnungen für ›Flüchtlinge‹ beschlagnahmt« würden.
So erscheint dank der hemmungslosen Spekulation rechter Nachrichtenseiten die Enteignung von sechs Hamburger Wohnungen im Sinne des örtlichen Wohnraumschutzgesetzes in kürzester Zeit als eine deutschlandweite Enteignungswelle für »Merkels Flüchtlinge«. Die Blogs griffen die Nachricht voneinander auf und fügten ihren Teil hinzu. Mit jedem Mal wurde der vermeintliche Skandal größer – wie bei Stille Post.

Unterstellen. Besonders die Webseite Halle Leaks mit ihren Ablegern auf facebook oder VKontakte geht einen Schritt weiter als andere Seiten: Die von einem ehemaligen Mitglied der verbotenen Organisation Blood & Honor betriebenen Seite suggeriert Aussagen von Prominenten oder Politikern, die nicht gemacht wurden.
Ende letzten Jahres meldete Halle Leaks beispielsweise, dass die Grünen in Düsseldorf den »Christbaum als unzeitgemäß« bekämpfen wollten. Auf einem Sharepic mit dem Konterfei von Norbert Czerwinski, dem Fraktionschef der Grünen, hieß es: »Gerade im Hinblick auf die andersgläubigen Flüchtlinge ist das jährliche Aufstellen einer Weihnachtstanne ein völlig unzeitgemäßes Ritual«. Ein vermeintliches Zitat, das der grüne Fraktionschef so nicht gemacht hatte. Stattdessen hatte Czerwinski das jährliche Schlagen einer Tanne für den kurzen Einsatz als Weihnachtsbaum als »unzeitgemäß« kritisiert und angeregt, einen Baum ans Rheinufer zu pflanzen und jedes Jahr neu zu schmücken.
Über die wirklichen Zusammenhänge klärt bereits die kurze Lektüre der als Quelle angeführten Kronenzeitung. Doch das Blog will mit seiner pointierten und falschen Unterstellung nicht zur Quellenlektüre animieren, sondern Aufmerksamkeit für seine eigene Sichtweise erzeugen.

Dekontextualisieren. Sehr effektiv kann es sein, getroffene Aussagen aus ihren Kontext zu reißen. So lassen sich Aufreger schaffen, für die bei genauerer Betrachtung kein Anlass besteht. Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat diese Erfahrungen auf dem Kirchentag 2017 in Berlin machen müssen. Im Rahmen einer Bibelarbeit hatte sie Kritik an dem familienpolitischen Programm der AfD geübt. Daraufhin dauerte es nicht lange, bis sie für die Aussage »Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern. Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht« von der AfD und ihren führenden Köpfen in den sozialen Medien als Rassistin gebrandmarkt wurde. Die Unterstellung: Käßmann würde jede Person mit deutschen Vorfahren als Nazi abstempeln. Ein Sharepic auf der Facebook-Seite der AfD suggerierte sogar, die Theologin habe gesagt; »Wo Deutsche Kinder bekommen, da weht ein ›brauner Wind‹«. Das Ergebnis: 2.571 Likes, 871 Kommentare und 1.927-mal geteilt – und das nur für diesen Beitrag. Insgesamt dürfte es von der sozialen Interaktion her eine sehr erfolgreiche Kampagne gewesen sein.
In Wirklichkeit hatte Käßmann mit Blick auf das AfD-Programm unter anderem gesagt: »Frauen sollen Kinder bekommen, wenn sie »biodeutsch« sind. Das ist eine neue rechte Definition von einheimisch gemäß dem so genannten kleinen Arierparagraphen der Nationalsozialisten: zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern. Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.«. Mit der kritisierten Formulierung hatte sie außerdem den AfD-Landtagsabgeordneten Ralph Weber zuspitzend aufgegriffen, der im April auf Facebook geschrieben hatte: »Wir müssen und werden dafür sorgen, dass unsere Heimat auch in 30 Jahren noch von deutscher Kultur, deutschen Traditionen, unserer deutschen Sprache und einer deutschen Leitkultur geprägt und geformt wird. Wir ›Biodeutsche‹ mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern müssen hierfür sorgen.«
Sich mit seiner Reaktion allein auf Käßmanns Aussage bezüglich deutscher Eltern und Großeltern zu beschränken, ermöglichte es der Partei und zahlreichen Blogs, eine Auseinandersetzung mit der geäußerten Kritik zu vermeiden und stattdessen die Theologin ins Zentrum der Aufregung in den sozialen Netzwerken zu schieben.

Was tun? Wie gesagt, Fake News sind nichts Neues. Doch soziale Medien ermöglichen eine neue Stufe der Verbreitung. Für die Gesellschaft und die einzelnen Nutzer wird es darauf ankommen, sich einen neuen kritischen Umgang mit digital verbreiteten Nachrichten anzueignen. Mögliche Mittel hierfür sind so alt wie die Fake News selbst. Sie müssen nur ein wenig an die neuen Möglichkeiten angepasst werden:
• Schlagzeilen überprüfen: In sozialen Netzwerken fällt es besonders leicht, mit falschen Überschriften auf seriöse Artikel zu verweisen. Um das zu prüfen, helfen zwei Dinge: Link folgen und Artikel lesen oder einfach die Überschrift googeln. Gibt es keinen Treffer bei dem angegebenen Medium, handelt es sich um einen manipulierten Titel.
• Quellen einschätzen: Ein mit manipulierten Nachrichten arbeitender Blog kann unseriös aussehen, muss es aber nicht. Journalistenwatch kommt beispielsweise in einer seriösen Aufmachung daher. Auch hier können zwei Schritte Orientierung geben: 1. Prüfen, welche Inhalte die Seite in der Regel veröffentlicht. Möchte man wissen, was für Beiträge der Landesjugendring Hamburg normalerweise veröffentlicht, stellt man bei google vor die Webadresse ein »site« ein: »site:ljr-hh.de«. 2. Um zu erfahren, wer und wo über die Seite berichtet wird, reicht es, die Webadresse bei der Suchanfrage in Anführungszeichen zu setzen »ljr-hh.de«.
• Bilder checken: Bilder sind sehr wirkungsmächtig und doch besonders anfällig. Das Einstellungsdatum von Bildern lässt sich mit der Seite www.tineye.com relativ leicht überprüfen. Sollte es älter sein, als das der beschriebene Anlass, kann es nicht echt sein. Manipulationen können mit der Seite www.fotoforensics.com überprüft werden. Einfach die Bild-URL in die Suchleiste eingeben und farbige Flecken zeigen bearbeitete Stellen an.
• Schlau machen: Es gibt inzwischen mehrere Seiten, die über Falschmeldungen aufklären. Dazu gehören www.Mimikama.at oder www.hoaxmap.org. Auch der Faktenfinder der Tagesschau bemüht sich, möglichen Gerüchten auf den Grund zu gehen.
• Widersprechen: Gegen Hate Speech hilft Counter Speech und der Europarat gibt auf der Seite no-hate-speech.de praktische Tipps und Hilfe, wie man leichter widersprechen kann.
• Hass melden: Während sich die Berichte in der Regel im Rahmen der Gesetze bewegen bzw. zu einem Großteil von klassischen Medien entnommen werden, gelten diese Schranken für die Kommentare meist nicht. Hier lassen die Leser ihren Gedanken freien Lauf. Widerspruch lohnt sich hier bestimmt, aber das Melden oder sogar Anzeigen krasser Kommentare kann nicht schaden. (Oliver Trier)