Heft 2-2014 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Quietschfidel

Serie WirkungsStätten: Zu Besuch bei den Wölflingen vom DPSG-Stamm St. Martin in Volksdorf

Von Mathias Birsens, Hamburg

Jeden Montag tobt nachmittags eine Gruppe von Neun- und Zehnjährigen durch den Garten des Gemeindehauses der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Volksdorf – die Wölflingsgruppe des DPSG-Stamms St. Martin trifft sich dort mit ihren Gruppenleitern, die früher selbst einmal Wölflinge waren.

Ein sonniger Montagnachmittag in Volksdorf: Im Garten der Kirchengemeinde Heilig Kreuz trifft sich die Wölflingsgruppe des Pfadfinderstamms St. Martin. Heute sind nur wenige Kinder da, weil gleichzeitig ein Dankgottesdienst für die Erstkommunionkinder stattfindet. Trotzdem macht es Johanna, Julia, Maja und Philipp sichtlich Spaß zusammen mit ihren Gruppenleitern Max, Fabian, Vivien und Daniel herum zu toben. Mit Begeisterung flitzen die zehn Jahre alten Mädchen und der Neunjährige beim Spiel »Mensch auf Erden« auf dem Klettergerüst im Gemeindegarten herum. Max versucht mit verbundenen Augen das Klettergerüst zu finden. Er tastet sich langsam zu einer Rampe mit einem Seil vor und erklimmt die Plattform, auf der die Mädchen stehen. Sie weichen kichernd zurück. Über eine lange Holzstange hangelt Johanna sich von der Plattform, auf der Max mit verbundenen Augen herumtastet, zu einem Holzhaus, das auf Pfählen steht. Philipp schlittert über eine Rutsche vom Haus herunter auf den Sandboden. Max hört ein Geräusch und ruft: »Mensch auf Erden!« Die anderen halten einen Moment inne, schauen sich um und lachen, als sie sehen, dass im Moment keiner von ihnen auf dem Boden ist. Dann rufen sie »Nein!« und das Spiel geht weiter.

Genau wie die anderen fünf Gruppen des Stammes treffen die Wölflinge sich einmal in der Woche mit ihren Gruppenleitern im Gemeindehaus der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Volksdorf. Sie spielen und albern mit den Gruppenleitern herum, die selber einmal Wölflinge waren. So wie Max und Fabian, die beide seit 2006 bei den Pfadfindern in Volksdorf dabei sind und seit anderthalb Jahren ihre erste Gruppe betreuen. Mit 17 Jahren sind sie eigentlich noch zu jung, um die Verantwortung alleine zu übernehmen. Deswegen werden sie von Vivien und Daniel unterstützt, die beide schon mehrere Gruppen geleitet haben. Normalerweise sind die vier für 12 bis 13 Neun- und Zehnjährige verantwortlich. Insgesamt hat der Stamm rund 100 bis 120 Mitglieder und ist damit der zweitgrößte Stamm der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) in Hamburg, berichtet Stammesvorstand Matthias Scharf. Dabei wurde der Stamm erst 1990 gegründet und ist damit jung im Vergleich zu anderen Pfadfindergruppen in Hamburg, die es teilweise schon seit mehr als 60 Jahren gibt.

Früh übt sich. Auch die Mitglieder des Stammes in Hamburgs Nordosten sind jung und werden früh in die Verantwortung genommen, erzählt Matthias Scharf, der mit seinen 26 Jahren schon zu den Ältesten im Stamm gehört. Neben den Gruppenleitern, die mindestens 18 Jahre alt sein müssen, gibt es bei den Pfadfindern in Volksdorf auch noch die so genannten »Rover-Leiter«. Ab 16 Jahren kann man Rover werden. Wer dann noch zusätzlich eine Jugendleiter-Ausbildung bei der katholischen Jugend Hamburg absolviert, darf – zusammen mit einem älteren Gruppenleiter – eine der fünf Gruppen des Stamms betreuen. Dazu gehört auch, sich einmal im Monat zu treffen, um eine Gruppenstunde vorzubereiten und sich Spiele für die Kinder zu überlegen – für Max und Fabian selbstverständlich. »Eigentlich ist es ja so, dass wir nur weitergeben, was wir selbst bekommen haben«, sagt Fabian. Und Max ergänzt: »Man möchte auch nicht aus dem Stamm rauskommen, die Gemeinschaft untereinander mit den Kindern und den Leitern ist sehr cool.«

Zu wenig Zeit. Doch seit der Einführung der verkürzten Schulzeit an Hamburger Gymnasien ist das Engagement bei den Pfadfindern längst nicht mehr für alle selbstverständlich, berichtet Vivien: »Die Kinder kommen nicht mehr zur Gruppenstunde, weil sie lernen müssen.« Durch die wenige Freizeit seien die Kinder auch oft gezwungen, sich zwischen Hobbies zu entscheiden. Bei dieser Entscheidung verlieren die Pfadfinder oft gegen den Fußballverein oder den Klavierunterricht, sagt Matthias Scharf: »Die Prioritäten werden von den Familien anders gesetzt.« Trotzdem finden sich zurzeit noch genug Kinder, die trotz Zeitdruck zu den Gruppenstunden kommen.

Ein größeres Problem sei es hingegen, Gruppenleiter zu finden, die genügend Zeit haben, sich um die Kinder zu kümmern. Vor allem erwachsene Gruppenleiter sind schwer zu halten, berichtet Matthias Scharf, weil sie häufig mit 18 schon ins Ausland gehen oder zum Studieren in eine andere Stadt ziehen. Ganze Jahrgänge gehen so verloren – im letzten Jahr sei nur einer von sieben Gruppenleitern in Hamburg geblieben, der Rest sei innerhalb eines Sommers weg gegangen, erzählt Matthias Scharf. Er hat aber auch Verständnis für die Jugendlichen, denen neben der Schule nicht mehr viel Zeit für ehrenamtliches Engagement bleibt. »Für mich geht das, aber ich denke es gibt Fälle, wo die Schule das Engagement sehr beeinträchtigt«, sagt Daniel Beyrau, der gerade sein Abitur macht. Für die Zukunft hofft Matthias Scharf, dass in Hamburg wieder das Abitur nach neun Jahren eingeführt wird, damit die Jugendlichen wieder mehr Zeit für ihr Engagement haben. Als er selbst noch Gruppenleiter war, hatte man noch mehr Freizeit, erzählt der heute 26-Jährige: »Ich weiß noch aus meiner aktiven Zeit, da hatte man nachmittags Zeit, um die Gruppenstunden vorzubereiten.« Er ist seit 1994 bei den Pfadfindern in Volksdorf dabei, war selbst zuerst Wölfing, dann Jufi, Pfadi und Rover und hat inzwischen jede dieser Gruppen schon einmal geleitet. Nun kümmert er sich um die Verwaltung des Stammes und organisiert die Pfingst- und Sommerlager auf Diözesanebene mit.

Das Pfingstlager findet seit 1998 alle vier Jahre statt. Auf dem Zeltplatz am Schloss Dreilützow in Mecklenburg-Vorpommern treffen sich auch dieses Jahr wieder 800 bis 900 Pfadfinder/innen aus der gesamten Diözese Hamburg, die nicht nur die Hansestadt, sondern auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern einschließt. Begeistert erzählt Matthias Scharf von der Stadt Tohoopstedt, die beim Pfingstlager 2006 gegründet und seitdem mit jedem Lager weiter ausgebaut wird. Kernstück der Stadt ist der Hansemarkt, auf dem jeder der Stämme mit einem eigenen Stand vertreten ist, und wo sich ein Großteil des Lagers abspielt.

Die Wölflinge aus der Gruppe von Max, Fabian, Vivien und Daniel fahren dieses Jahr zum ersten Mal mit zum Pfingstlager. Die Mädchen sind erst seit dem Herbst 2012 in der Gruppe und Philipp sogar erst seit rund zwei Monaten. Sie freuen sich auf das lange Wochenende in Dreilützow und sind schon ganz aufgeregt. Vor der Stunde löchert Julia ihren Gruppenleiter Daniel mit Fragen zum Pfingstlager: »Was muss ich alles einpacken?« »Wo bekomme ich eine Kluft her?« Geduldig beantwortet der 18-Jährige alle Fragen und verspricht dem Mädchen, später noch eine Packliste für das Lager zu schicken. Dann rennt Julia mit ihrer Freundin Maja zum Klettergerüst, um darauf herumzuturnen.

Das Gemeindehaus der Kirchengemeinde Heilig Kreuz in Volksdorf ist mit seinen vielen Räumen und dem großen Garten, in dem ein Klettergerüst und zwei Fußballtore stehen, »ideal für unsere Kleinen«, so Max. Nur fünf Minuten sei man zu Fuß von der U-Bahn-Station Volksdorf unterwegs, bis man an der Heilig Kreuz Kirche und dem dahinter liegenden Gemeindehaus ankommt. Der Weg führt vorbei an alten Häusern, die hinter hohen Hecken und betagten Bäumen verschwinden. Unweit der Kirche fließt das Flüsschen Saselbek durch einen Wald und ein Weg lädt zum Spazieren ein. Genau der richtige Ort für eine Pfadfindergruppe: In dem weitläufigen Backsteinbau gibt es drei Räume, die die Pfadfinder benutzen dürfen. Hinter einer schweren Kellertür, auf der ein Plakat für das Pfingstlager klebt, verbergen sich die drei Räume der Pfadfinder: Ein Bastelraum mit einer Tischtennisplatte, ein Jugendkeller mit Sofaecke, Billiardtisch und Musikanlage sowie ein Gruppenraum mit Tisch, Stühlen, jeder Menge Spielen und einer Küchenecke. Die Räume gehören der Gemeinde, dürfen aber von den Pfadfindern genutzt werden, erklärt Matthias Scharf. Im Gegenzug hilft der Stamm bei Festen in der Gemeinde mit und verleiht auch mal seine Zelte an Gemeindemitglieder. »Das geht hier Hand in Hand«, sagt der 26-Jährige.

Zum Abschluss stellen sich die Wölflinge und ihre Gruppenleiter im Kreis auf. Daniel macht noch einige letzte Ansagen und verteilt Infozettel für das Pfingstlager am Freitag, dann fassen sich alle mit überkreuzten Armen an den Händen und bilden einen Kreis. Den störenden Infozettel nimmt Johanna einfach in den Mund und Julia verspeist den Rest ihres Eis-Hörnchens einfach mit einem großen Biss. Mit noch vollem Mund stimmt sie ein, als alle gemeinsam rufen: »Ein Pfadfinder ist allzeit bereit. Gut‘ Fahrt!« und sich dabei an den Händen schütteln. Dann geht die Gruppe auseinander, um ihre Rucksäcke für das Pfingstlager am Freitag zu packen.

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DPSG-Stamm St. Martin Volksdorf
Farmsener Landstraße 181 | 22359 Hamburg | stamm-st-martin.de | vorstand@stamm-st-martin.de | Die Wölflinge treffen sich jeden Montag um 17.30 Uhr

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