Heft 2-2011 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

Alarm mit Lernfaktor

WirkungsStätten im Einsatz: Die Jugendfeuerwehr Nienstedten im Übungseinsatz

Von Marie-Charlott Goroncy, Hamburg

Regen in Rissen. Die schwarze Wolkendecke hat heute den Kampf gegen die Sonne gewonnen. Noch fallen nur ein paar Tropfen auf den grauen Asphalt des Schulhofs. Niemand stört sich daran. Es ist sechs Uhr abends – um diese Zeit betritt wohl keine Menschenseele freiwillig das Schulgelände. Doch die triste Ruhe wird gestört. Reifen quietschen und Motorenlärm hallt an den Wänden der großen Gebäude entlang. Sie kommen rot und laut um die Ecke gebogen: Die Löschfahrzeuge der Jugendfeuerwehren Nienstedten und Rissen.

Die Jugendfeuerwehr (JF) aus Nienstedten befindet sich heute gemeinsam mit ihren Rissener Mitstreitern im Einsatz. Im Übungseinsatz. Denn mit reiner Theorie werden keine Brände gelöscht, Menschen oder Katzen und Hunde gerettet. Die Theorie sitzt bei den Kindern und Jugendlichen. Und ob sie in der Praxis mit ihren erwachsenen Kollegen mithalten können, zeigt sich an diesem Abend. Um die Übung so realistisch wie möglich zu gestalten, hat Henrik Strate, der Einsatzleiter, ordentlich was aufgefahren: Die Genehmigung vom Rissener Gymnasium, zwei Löschfahrzeuge, Verletzte, Rauchmaschinen und eine große Horde kleiner Feuerwehrmänner und -frauen.

Die roten Riesen bremsen. Die Einheitsführer geben den Befehl zum Absitzen. Jugendliche in blauer Schutzkleidung springen aus den Mannschaftsräumen. Sie sind zielstrebig – jeder hat eine Aufgabe und weiß, was er zu tun hat. Der Einsatzleiter Henrik Strate ist schon vor Ort. Die vierzehnjährige Marisa, die Einheitsführerin der Nienstedtener, rennt zu ihm. Mit einem Funkgerät bewaffnet, trifft sie auf den Einheitsführer der Rissener Jugendfeuerwehr. Mit ihm muss sie heute gut zusammenarbeiten, die Gruppen koordinieren, ansonsten misslingt die Übung. In knappen Worten schildert Henrik die Lage. Der Einsatzbefehl: »Kellerbrand mit vermissten Personen. Personenzahl unbekannt.« Marisa läuft los und ruft Befehle. Für den Austausch von Freundlichkeiten ist nicht der richtige Zeitpunkt. Jetzt muss ihre Einheit funktionieren. An ihren Fersen klebt Georg. Der Kleinste der Nienstedtener, erst zehn Jahre alt und noch nicht lange dabei: Er fungiert als Melder, ist das Sprachrohr von Marisa und verbreitet ihre Anweisungen. An den Löschfahrzeugen sind schon alle Gerätefächer geöffnet, der Maschinist Tim steht am Heck des Wagens und hantiert an der Pumpe. Lauritz und Konstantin wuchten mit Tims Hilfe Schläuche aus ihren Verankerungen. Sie sind als Wassertrupp dafür verantwortlich, die Wasserversorgung herzustellen und aufrecht zu erhalten. Zunächst legen sie eine Verbindung vom Fahrzeug bis zum Verteiler. Alles muss schnell gehen. Der Tank enthält nur 1600 Liter Wasser. Die sind in kürzester Zeit verbraucht. Die Wasserversorgung darf nicht abbrechen, denn im Ernstfall bedeutet das Gefahr, Kontrollverlust und unnötiges Risiko. Der Hydrant ist unmittelbarer Nähe – jetzt können auch die Schläuche von dort bis zum Wagen gelegt werden. Beinahe schon elegant schlängeln sich die weißen Wasserschläuche über den Schulhof. Am Verteiler übernimmt der Schlauchtrupp. Kurz entsteht Hektik. Die Schläuche sind ineinander verschlungen. Der Wasserfluss kann so nicht gewährleistet werden. Der Austausch zwischen Nienstedt und Rissen ist noch zaghaft. Doch auch ohne sich vorher kennengelernt zu haben, müssen sie jetzt gemeinsam agieren. Der Knoten ist in Windeseile gelöst und genügend Schlauch bis zum Kellereingang vorhanden. Über das gesamte Geschehen wacht Marion Gretenkord. Die Jugendfeuerwehrwartin der Nienstedtener Truppe hilft aber nicht. Die Kinder wüssten schon, was zu tun ist und müssten sich nun einmal auf sich selbst verlassen. Fragen werden erst im Anschluss beantwortet, um den Übungsfluss nicht zu stören. Da ist sie rigoros. Diese Taktik zeigt Wirkung: Das Tempo wird erhöht. Den Jugendlichen ist bewusst, dass es in ihrer Verantwortung liegt, mögliche Verletzte zu retten.

Der Lernfaktor ist hoch bei der Jugendfeuerwehr. Auch wenn sie nicht funktionieren wie andere Jugendverbände, erwerben die Mitglieder verbandsspezifische Kompetenzen. Die Gruppen unterliegen klaren hierarchischen Strukturen, die vor allem im Einsatz eingehalten werden müssen. Das heißt: Wenn der Einheitsführer Anweisungen gibt, werden diese befolgt. Ohne Wenn und Aber. Außerhalb der Übungen wollen Marion und Tim (stellvertretender Jugendfeuerwehrwart) jedoch vor allem demokratische Strukturen vermitteln. Die Kinder und Jugendlichen haben bei vielen Entscheidungen ein Mitbestimmungsrecht: Bei der Wahl ihrer Feuerwehrwarte, bei der Aufnahme neuer Kameraden oder der Mitgestaltung zukünftiger Aktionen – wenn sie diskussionsfähig sind und ihre Meinung begründen können, werden sie ernst genommen. Die pädagogische Anleitung der Gruppe obliegt zwar Marion und Tim, dennoch treten sie im kleinen Rahmen Verantwortung an ihre Schützlinge ab. Nach dem Tutorenprinzip helfen die Älteren den Kleineren. Dadurch entsteht automatisch Pflichtbewusstsein und ein gemeinsames Zusammengehörigkeitsgefühl. Gerade das Funktionieren der gesamten Gruppe und die Zuverlässigkeit des einzelnen innerhalb der Gruppe sind wichtig. Nicht nur während der Übungseinsätze soll der Gemeinsinn und soziales Verhalten gefördert werden: Ob Zusammenkunft in der Wache, Wettkämpfe auf Landes- und Bereichsebene, Einsatznächte, Übungswochenende oder auch gemeinsame Fußballturniere und Ausflüge, die nichts mit der Feuerwehr zu tun haben: Die Jugendfeuerwehr meistert Theorie und Praxis gemeinsam. Damit ist sie nicht nur ein Ausbildungslager für die Freiwillige Feuerwehr. Sie fördert vor allem das soziale Lernen nebenbei.  

Die Rettung der Vermissten steht kurz bevor. Die Krankenstation ist bereits aufgebaut – Tragen, Decken und Erste-Hilfe-Koffer stehen parat. Inzwischen ist der Regen stärker geworden, der Boden aufgeweicht und Pfützen über das Schulgelände verteilt. Der Einsatztrupp dringt in den Keller der Schule vor. Nur eine schmale Luke bietet ihnen Zugang. Felix und Darius kämpfen sich auf Knien durch die verrauchten Gänge. Auch die Rissener haben ihre stärksten Jungs nach unten geschickt. Gemeinsam durchsuchen sie die Dunkelheit. Qualm quillt aus der Lukenöffnung. Über Funk kommunizieren sie mit Marisa und dem Schlauchtrupp. Noch haben sie die Verletzten nicht gefunden. Noch ist der Brandherd nicht lokalisiert. Noch sind die Löschrohre nicht im Gebäude. Da bricht der Funkkontakt ab. Die Betonmauern der Schule sind zu dick. Die Technik versagt. Die wartenden Helfer an der Luke rufen. Keine Antwort. Sie fangen an zu schreien – wollen wissen, ob alles o.k. ist. Marisa läuft nervös auf und ab, versucht alles im Blick zu behalten. Die Leute am Verteiler warten auf ein »Wasser marsch!«. Dann tauchen ätzende, dreckverschmierte Gestalten an der Öffnung auf. Die stöhnen und wuchten einen erschlafften Körper hoch. Marisa atmet aus, ist erleichtert. »Wir brauchen eine Trage!«, ruft sie in ihr Funkgerät.

Marisa ist schon seit dreieinhalb Jahren bei der Jugendfeuerwehr. Bei ihr in der Familie hat die Freiwillige Feuerwehr Tradition. Aber deshalb ist sie nicht dabei. Sie macht es freiwillig und weil es Spaß macht. So wie es anderen Freude bereitet, Tennis zu spielen oder zu reiten, ist die Jugendfeuerwehr ihr Hobby. Da geht nur die Schule vor. Denn die Jugendfeuerwehr ist zeitaufwendig und verlangt Engagement. Die wöchentlich zweistündige »Zusammenkunft« – die Gruppenstunde – soll regelmäßig besucht
werden. Hinzu kommen gerade in den warmen Monaten die vielen zusätzlichen Veranstaltungen, die hauptsächlich am Wochenende stattfinden. Wenn nicht gerade der neunzigste Geburtstag von Oma oder die eigene Konfirmation ansteht, müssen private Vorhaben oftmals verschoben werden. Marisa findet das in Ordnung. Und damit ist sie nicht allein: Der Rest der Gruppe stimmt ihr zu. Das ist für Außenstehende – vor allem Jugendliche in der gleichen Altersgruppe – oftmals nicht nachvollziehbar. Für die Nienstedtener JF’ler ist es selbstverständlich. Ihr Verantwortungsgefühl ist groß, und sie lassen ihre Truppe nicht hängen. Wenn nur fünf von neun benötigten Leuten zu einem Wettkampf kommen, weil der Rest noch im Bett liegt, scheitert das ganze Team. Auch Felix, 14 Jahre alt, steht zu seinem Hobby, obwohl er sagt, dass die Jugendfeuerwehr ein schlechtes Image hat: »Für andere sieht es aus, als würden wir nichts machen. Als würden wir nichts löschen und nichts lernen, weil wir nur mit der Theorie beschäftigt sind.« Aber er weiß auch woran das liegt: »Wir tragen zu wenige Informationen nach außen.« Die mangelhafte Informationsvermittlung produziert nicht nur ein schlechtes Image, sondern befördert auch Klischees – wie etwa: »Kleine Jungs spielen mit Feuerwehrautos.« Falsch! Die Jugendfeuerwehr ist bunt und aktionsreich. Der Mädchenanteil steigt stetig, Kinder mit Migrationshintergrund werden integriert und regelmäßig entstehen in Hamburg neue JFs. Die Nienstedter gehen modern voraus. Mit Marion als weiblicher Feuerwehrwartin und Marisa, der Einsatzführerin. Die »Kleinen« der Freiwilligen Feuerwehr werden zwar nicht eingesetzt, wenn der Pieper einen Brand, eine vermisste Katze oder Überschwemmungen meldet. Aber mit 18 Jahren, wenn sie zu den Erwachsenen wechseln müssen, sind sie gut ausgebildete Feuerwehrmänner und -frauen. Mit Einsatzerfahrung dank der vielen Übungen. Und wenn dann die offizielle Grundausbildung zum Truppmann/zur Truppfrau ansteht, sind sie auch in der Lage, diese zu bewältigen.

Die Krankenstation ist mittlerweile gut gefüllt. Drei Verletzte konnten aus dem Keller gerettet werden. Die Erstversorgung ist voll in Gang. Jetzt hilft auch Marion. Die Ausbildung in der Ersten Hilfe ist zu wichtig, um dort Fehler unkommentiert zu lassen. Ein Junge liegt stumm auf einer Decke, ein anderer in der stabilen Seitenlage. An einem Dritten wird gerade eine Reanimation durchgeführt. Währenddessen wird im Keller der Brand gelöscht. Langsam zeichnet sich Erschöpfung auf den Gesichtern aller Beteiligten ab. Kein Wunder: Sie leisten Schwerstarbeit. Sie tragen die gleichen, schweren Schläuche wie die Erwachsenen, müssen dem Druck des Wassers standhalten und im Löschfahrzeug die gleichen Hebel bedienen. Plötzlich geben der Einsatzleiter und die Einheitsführer bekannt, dass die Übung abgeschlossen ist. Alle Feuer sind gelöscht, allen Geretteten geht es gut. Alle Beteiligten atmen auf. Der Abend ist jedoch noch immer nicht vorbei. Die gesamte Ausrüstung muss gereinigt und wieder verstaut werden. Während sie dreckig und durchnässt ihrer Pflicht nachkommen, wird die gesamte Aktion schon wild diskutiert. Noch fließt das Adrenalin durch die Adern. Sie wollten ihre Sache gut machen – erkennen aber selbst Fehler und würdigen gegenseitig gute Leistungen.

Lob und Tadel. Die Übung war realistisch: Zwei fremde Feuerwehrgruppen treffen aufeinander und wissen noch nicht, was auf sie zukommt. Erst vor Ort erfahren sie, was genau geschehen ist. Unter hohem Leistungsdruck müssen sie zusammenarbeiten. Marisa, die Einheitsführerin, hat ihren Job gut gemacht, da sind sich alle einig. Trotzdem war die Kommunikation zwischen den Gruppen aus Nienstedten und Rissen schwierig. Die Funkgeräte versagten, und unter den Jugendlichen herrschte unnötige Zurückhaltung im Kontakt miteinander. »Es war alles sehr chaotisch«, gibt Basti zu. »Und gerade deshalb sollten wir öfter Übungen mit anderen Jugendfeuerwehren zusammen machen«, ergänzt Lauritz. Anton ist wütend, weil er auch nach Abschluss der Übung nicht in den Keller durfte. Aber wieder einmal sind Marion und Tim strikt: In diesem Einsatz hatte Anton andere Aufgaben, und die Schlamm überfluteten, engen Gänge des Kellers wären zu gefährlich. Auch wenn der Spaßfaktor in der Jugendfeuerwehr eine große Rolle spielt – die Sicherheit geht vor. Ein weiteres Problem in diesem Einsatz war die Gruppenstärke: Die Anzahl der Jugendfeuerwehrmitglieder, die mitgemacht haben. Mindestens neun Leute benötigt eine Gruppe, um alle Positionen besetzen zu können. Heute hat einer gefehlt. Tim, der stellvertretende Jugendfeuerwehrwart, musste einspringen und übernahm die Aufgaben des Maschinisten. Das ist eigentlich Bastis Position, der aber in den Schlauchtrupp wechseln musste. Bastis Ärger darüber kommt nur durch kurzes Grummeln zum Vorschein, denn er weiß: Der Nienstedter Jugendfeuerwehr fehlen einfach Leute.

Das Nachwuchsproblem der Jugendfeuerwehr bereitet Marion Kopfzerbrechen. Die Airbus-Angestellte ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Nienstedten und seit 2007 die Verantwortliche für den Nachwuchs. Ihre Aufgaben sind allumfassend: Sie ist Aufpasserin, Pädagogin, Erzieherin, Lehrerin, Feuerwehrfrau und Organisatorin – und das neben ihrem herkömmlichen Zehnstundentag. Damit ist sie auch zuständig dafür, dass genügend junger Nachschub in die Jugendfeuerwehr eintritt. Aber das wird zunehmend schwerer. Die Gründe dafür lassen sich an einer Hand abzählen. Als größtes Problem sieht Marion die Verkürzung der Schulzeit an. Die Jugendlichen müssen ihr Abitur in zwölf Jahren bewältigen, werden mit mehr Lernstoff belastet und verbringen die Nachmittage in der Schule. Da bleibt nicht mehr Raum für die Freizeitgestaltung – für Vereins- oder Verbandsarbeit. Und um die wenige Freizeit, die die Jugendlichen haben, wird in Nienstedten gekämpft. Das Freizeitangebot ist groß, und die Jugendfeuerwehr muss sich gegen die Konkurrenz behaupten. Hinzu kommt, dass sich in naher Umgebung noch sieben weitere Jugendfeuerwehren befinden. Der fehlende Nachwuchs ist jedoch kein generelles Problem der Jugendfeuerwehr. Ganz im Gegenteil: Das Interesse in Hamburg ist groß und der Zulauf steigend. Trotz der aufgezeigten Schwierigkeiten. Der Mitgliedermangel der JF Nienstedten hat auch banale Ursachen. Viele langjährige JFler sind aus der Jugendgruppe herausgewachsen und in die Freiwillige Feuerwehr abgewandert. Gerade hat Nienstedten das Eintrittsdatum auf zehn Jahre heruntergesetzt, um Kinder schon frühzeitig für die Feuerwehr motivieren zu können. Georg ist das beste Beispiel dafür, dass auch die ganz Kleinen voll einsteigen können. In Zukunft werden sie versuchen, Felix Rat zu befolgen und mehr Informationen über die Jugendfeuerwehr nach außen tragen. Denn die Nienstedtener Jugendlichen sind eine gute Crew – eine Gemeinschaft, die sich beim Lernen hilft, gemeinsam entscheidet und zusammenhält, wenn es notwendig ist: Im Einsatz.


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Infos: Jugendfeuerwehr Nienstedten | Georg Bonne Str. 32 | 22609 Hamburg | jf-nienstedten.de

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