Heft 1-2011 , Rubrik Vielfalt. Jugendarbeit

»Man muss bewegen, was man bewegen möchte«

WirkungsStätten historisch: Heime für Jugendgruppen, der Aufbau moderner Jugendarbeit und der Anstoss zur Abschaffung der Prügelstrafe

 

Von Marie-Charlott Goroncy, Hamburg

Hamburg in den Nachkriegsjahren. Die Stadt liegt in Trümmern. Verwüstung herrscht jedoch nicht nur äußerlich. Auch die Menschen haben mit den Folgen des Krieges zu kämpfen. Ver­elendung und Perspektivlosigkeit sind allgegenwärtig. Inmitten dieses Chaos’ lebt die Jugend – die Nachkriegsgeneration. Sie muss sich ihren Platz im zerstörten Hamburg suchen und den schwierigen Alltag bewältigen. Während die Hamburger am Wiederaufbau der Stadt arbeiten, formieren sich auch zahlreiche Jugendverbände und eine sehr aktive Jugend­behörde.
Gemeinsam schaffen sie Freizeit­ange­bote, Spiel­möglichkeiten und Freiraum für die Jugend­arbeit.

Sprung in das Jahr 1952. Der 12jährige Helmut Riedel hat durch das Fenster direkten Blick auf die Außenalster. Frau Brauer serviert Saft und Kekse. Neben ihm sitzen seine Freunde und vor ihnen ein stattlicher Mann. Max Brauer thront in seinem Sessel vor der Balkontür und hört, was die Kinder zu sagen haben. Die jungen Abgesandten der Hamburger Falken, dem Landesverband der Sozialistischen Jugend Deutschlands, haben einen Termin beim Ersten Bürgermeister Hamburgs.
Sie wollen ihm Vor­schläge zur Verbesserung der Spielsituation in Hamburg machen.
Heute ist Helmut Riedel siebzig Jahre alt, seine Haut faltig und die Stimme rau. »Erinnerungen sind rückläufig und verblassen«, sagt er bedäch­tig. Die Erinnerungen an diesen einen Tag scheinen jedoch gestochen scharf zu sein. Seine Erzählung kommt nicht ins Stocken – sie ist flüssig und bei dem Gedanken an »die wunderschöne Wohnung« des Bürgermeisters und dessen »reizende Gattin« zeichnet sich ein bübisches Lächeln auf Riedels Gesicht ab. Er versucht, ein Bild von Hamburg zu zeichnen. So wie er es 1952, sieben Jahre nach Beendigung des Kriegs und mit jungen Augen wahrnahm: »In den fünfziger Jahren waren noch große Mengen zerstörter Häuser und Schutthalden in dieser Stadt vorhanden. Wir Kinder hatten nur anormale Spielplätze – die Trümmerfelder – zur Verfügung. Erst Ende des Jahrzehnts nahm die Stadt wieder ein aufgeräumtes und von Trümmern befreites Gesicht an.« Trümmerfelder – gefährlich, dreckig und kein guter Platz zum Toben. Die Falken, die sich bereits 1945 wieder formiert hatten, kamen auf eine Idee: Sie beschlossen, einen Wettbewerb ins Leben zu rufen. Die jungen Mitglieder des Verbandes sollten Entwürfe zur Verbesserung der Spiel­situation in Hamburg entwickeln. »Auf Wand­zeitungen und mit Bastelmodellen schlugen die Kinder Spielplätze für konkrete Stadtteile vor, und wir haben zwei Tage lang den Fleiß, die schöpferische Leistung und die Qualität der Darstellung bewertet«, berichtet Riedel. Der Verband der Falken hatte zwar bereits eigene Jugendhäuser für Gruppentreffen. Darüber hinaus standen ihnen und anderen Jugendver­bänden von der Stadt gestellte Räumlichkeiten zur Verfügung. Dennoch wollten sie die Spiel­situation für die gesamte Hamburger Jugend verbessern.

Der Bürgermeister hört sich geduldig an, was die jungen Falken zu berichten hatten. Natür­lich würden diese Spielplatzvorschläge berück­sichtigt, verspricht er. Und mehr Raum für Kinder und Jugendliche – auch das hat er verstanden. Aber eine Sache ist da noch! Max Brauer fragt frei heraus: »Was muss denn aus Eurer Sicht in dieser schwierigen Phase des Wiederaufbaus noch berücksichtigt werden?« Helmut ergreift mutig das Wort: »Wir finden, dass es überhaupt nicht in Ordnung ist, dass es immer noch Rohrstöcke in den Klassenräumen gibt und die Lehrer die auch benutzen dürfen!« Kurze Stille. »Wir Falken sind gegen die Prügel­strafe«, legt er nach. Mit dieser Forderung und einem guten Gefühl treten die Kinder aus der Wohnungstür der Familie Brauer.
Sechs Wochen später ist die Prügelstrafe an Hamburgs Schulen über den Landesschulrat auf Anweisung des ersten Bürgermeisters hin abgeschafft worden. Helmut erfährt davon über seinen Vater, der als Lehrer in Finkenwerder tätig ist. Dieses Erlebnis hinterlässt einen tiefen Eindruck bei den jungen Menschen. Es zeigt ihnen, dass sie in ihrer Stadt etwas bewegen können. Es zeigt ihnen auch, wie wichtig es ist, eine kritische Einschätzung zur aktuellen Situation in Hamburg zu entwickeln und zu artikulieren. Und sie begreifen, dass eine Zusam­menarbeit mit Politik und Verwaltung möglich ist. Die Aktion der Falken steht repräsentativ für Themenfelder, in denen sich die Jugend der damaligen Zeit bewegte. Sie forderten trotz oder gerade wegen der schwierigen Nachkriegszeiten ihren Raum ein, gestalteten ihre Freizeit konstruktiv und sorgten für Entfaltungsmöglichkeiten.

Jugendverbände waren Ende der 1940er und in den 1950er Jahren hinsichtlich des Freizeit­ange­bots konkurrenzlos. Aus diesem Grund kam es zu einem regelrechter Boom: Immer mehr Jugendorganisationen wurden ins Leben gerufen. Familie und Schule konnten Kindern und Jugendlichen aus finanziellem und Kräfte­mangel keine Freiräume bieten – genau das schufen hingegen Jugendverbände. Sie organisierten nicht nur gemeinsame Fahrten und Aktionen. Sie veranlassten die Jugendlichen auch dazu, sich unter pädagogischer Leitung zu organisieren und in einem gemeinschaftlichen Verbund Verantwortung zu übernehmen. Zudem trugen sie zur Persönlichkeitsentwicklung der Jugend bei: Sie vermittelten Werte und Normen und forderten dazu auf, gesellschaftliche Leis­tung zu erbringen, die notwendig war, um aus dem Chaos der Nachkriegszeit herauszutreten.

Die Jugendverbandsarbeit funktionierte damals auf zwei Ebenen. Verbände wie die Falken, die ihre Arbeit und ihre Gruppenhäuser auf eigene Faust zum Erfolg führten, wurden von der Stadt gefördert. Dieser selbstorganisierten Jugendar­beit standen von der Stadt gestellte Jugend­heime gegenüber, die vollständig von ihr unterhalten wurden. In kostenlosen Räumlichkeiten konnten Jugendgruppen arbeiten und offene Jugendtreffs stattfinden. Diese Heime für Jugendgruppen waren allerdings in der Regel nur werktags und für einige Abendstunden nutzbar. Grund hierfür war, dass die Tore der Häuser nur unter Aufsicht des Heimwarts geöffnet wurden. Dieser erhielt zwar meist ein Wohn­recht im oder beim Jugendheim, wurde jedoch von der Stadt für seine Tätigkeit nur mit einer geringen Aufwandsentschädigung entlohnt. Deshalb waren die Heimwärter genötigt, tagsüber einer anderen Arbeit nachzugehen. Die Konsequenz für junge Leute: Begrenzter Freiraum. Beschränkt waren Jugendverbände auch in der Gestaltung der Gruppenräume. Die kreative Entfaltung war nicht möglich, und die Identifikation mit der Örtlichkeit blieb auf der Strecke. Dennoch war immerhin Raum für offene und verbandliche Jugendarbeit vorhanden.

Aus vielen Richtungen ertönte die Forderung, die Situation für die Jugend stetig zu verbessern. Zum einen wurde diese Entwicklung von Menschen wie Helmut Riedel forciert. Er hatte durch seine langjährige Aktivität bei den Falken erkannt, dass der Entwurzelung der jungen Nachkriegsgeneration mit Jugendarbeit aktiv entgegen getreten werden muss. Während seiner späteren Arbeitskarriere in der Jugend­behörde trat er mit Nachdruck für die Förderung der Jugendarbeit ein. »Man muss bewegen, was man bewegen möchte und dafür muss man sich selbst bewegen«, sagt er und dahinter steht er bis heute. Zum anderen wurden in der Politik ebenso Stimmen laut, der Jugend eine verbesserte Zukunftsperspektive zu geben. Mit großen Schritten ging in dieser Zeit Paula Karpinski voran. Sie wurde 1946 von Max Brauer zur Jugendsenatorin Hamburgs ernannt und war damit die erste Frau überhaupt, die in ein deutsches Landeskabinett berufen wurde.

Aus einem sozialdemokratischen Elternhaus kommend, engagierte sie sich schon mit sechzehn Jahren im Arbeiterjugendbund der SPD. Das Hamburger Echo lobte sie bereits am Beginn ihrer Senatorenkarriere: »Nun, Paula Karpinski ist Frau und Mutter mit genügend praktischer Erfahrung als Wohlfahrtspflegerin und einem Herzen, reich genug, es über die ihr jetzt anvertraute große Familie auszuschütten.« Neben Max Brauer, der den Wiederaufbau der Hansestadt mit Nachdruck vorantrieb, setzte sie mit äußerster Hartnäckigkeit ihre Vorstellungen in der Jugend-, Familien- und Frauenpolitik durch. Nach Angaben der Jugendbehörde von 1949 hat Karpinski in ihren ersten drei Amtsjahren dafür gesorgt, dass neun Jugendamtsheime, 16 Jugendwohnheime und fünf Erziehungs- und Durchgangsheime eingerichtet wurden, in denen über 20.000 Jugendliche ein- und ausgingen. Für das Erreichen ihrer Ziele legte sie sich auch mit dem Ersten Bürgermeister Max Brauer an: Als Karpinski der Meinung war, dass die Trümmer­felder am Stintfang der beste Platz wäre, um eine dringend benötigte Jugendherberge zu er­richten, kam es fast zum Streit mit Max Brauer. Der hätte diesen Ort, mit Blick auf die Elbe und den Hafen, lieber für repräsentative Bauten verwendet. Mit ihrer Überzeugungskraft setzte sie sich und die Jugendherberge jedoch durch.
Menschen wie Helmut Riedel und Paula Karpinski halfen so jeweils auf ihre eigene Art und Weise sowie im Rahmen ihrer Möglich­keiten, das Fundament für eine moderne Jugendarbeit zu legen.

Veränderungen. Dennoch erlebten die Jugend­heime ab Mitte der 1970er Jahre einen Rück­gang. Riedel führt diesen Prozess auf verschiedene gesellschaftliche und infrastrukturelle Veränderungen in der Stadt Hamburg zurück: »Ab Mitte der 70er Jahre ließen die Jugend­verbände in ihrer Organisationskraft nach, was primär mit sinkenden Mitgliederzahlen zusam­men­hängt«, berichtet er. Dies wiederum sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sich innerhalb von drei Jahrzehnten nach dem Krieg die Popkultur und die Tourismusindustrie entwickelten. Gab es zuvor keine bessere Möglichkeit, als mit den verschiedenen Jugendverbänden zu verreisen, konnte man sich nun das Ferien­erleb­nis kaufen. Der gekaufte Spaß bedeute: Sich nicht an gemeinsamer Verantwortung zu beteiligen, die in einem Jugendverband Tradi­tion hat. »Die Jugendlichen müssen sich vor der Reise innerhalb der Gruppe keine Gedanken mehr machen, keine Programme für die Fahrt entwerfen oder Aufgaben übernehmen«, und gaben damit, laut Riedel, gesellschaftlichen Ver­änderungen nach. Auch in der Freizeitge­stal­tung boten sich auf einmal Alternativen zu den offenen Treffs der Jugendheime: Nicht nur mit der Hamburger Reeperbahn entstand eine – nach Riedel – »Ballermannkultur«. Neue Clubs und die erlebnisreiche Partyszene standen in Konkurrenz zur Jugendverbandsarbeit und wirkten reizvoll auf die Jugend.
Hinzu kamen Veränderungen in der Bebau­ungs­struktur unserer Stadt, die eine direkte Folge des Wiederaufbaus waren. Die Jugendheime waren vielfach in Restteilen zerstörter Häuser­flügel oder alten Militärbaracken unterbracht. Diese Gebäude sind der Neubebauung zum Opfer gefallen. Da die Nachfrage an Räumlich­keiten für die Jugendverbandsarbeit zurück­ging, so Riedel, war die Errichtung neuer Jugend­heime vielerorts nicht notwendig. Mit Nachdruck hält er fest, dass Sparmaßnahmen nicht ausschlaggebend waren für eine Redu­zierung der Jugendheime. Dieses begründet er sehr pragmatisch: »80 Prozent der Politiker waren bis in die 1970er Jahre hinein in irgendeinem Jugendverband involviert. Das ist heute nicht mehr so. Aber damals war es nicht sehr schwer, sicherzustellen, dass man, wenn man spart, nicht bei den Jugendverbänden Kürzun­gen vornimmt. Denn dort haben viele Abge­ordnete ihre Sozialisation erfahren, alle ihre Organisationstalente gewonnen und gelernt, selbst Hand anzulegen. Sie machten im einfachen Sinne Politik in der Gruppe und im Verband und konnten dann diese Erfahrungen auf das soziale Gesamtwesen unserer Stadt übertragen.«
Fest steht, dass die umfangreich betriebene Jugendarbeit in der Nachkriegszeit der Ent­wur­zelung der jungen Generation und der Verelen­dung ihrer Familien entgegenwirkte. Sie lebte den Jugendlichen Strukturen vor und vermittelte Zukunftsperspektiven.

Helmut Riedel, der heute immer noch auf verschiedenen Ebenen ehrenamtlich aktiv ist, schließt mit den Worten: »Gott sei Dank gibt es heute immer noch junge Menschen, die es lieben, im Rahmen der Jugendverbandsarbeit Dinge systematisch, gründlich, intensiv und kreativ zu erleben und nicht nur konsumtiv am Strand zu liegen und auf den nächsten Flirt zu warten.«